Ein Regentag. Ich beschließe, ein Brot zu kaufen. Ich werfe meinen Mantel über. Nehme den Schirm. Verlasse das Haus Richtung Bäcker. Die Frage der Verkäuferin, ob sie es gleich schneiden soll, beantworte ich mit einem Nein danke. Auf dem Heimweg erwerbe ich ein Pfund Butter. Zuhause angekommen packe ich meinen Einkauf aus. Schneide zwei Scheiben des Brotes ab. Bestreiche es mit Butter. Trage beides auf einem Teller zum Tisch. Ich nehme Platz und esse.
"Ohne das Gefühl der Zugehörigkeit zu den Bedrohten wäre ich ein sich selbst aufgebender Flüchtling vor der Wirklichkeit." Jean Améry
Donnerstag, 9. März 2023
Mittwoch, 30. März 2022
November
Da sind keine Farben. Keine Leichtigkeit. Da fehlt es an jeder Fröhlichkeit. Jedem Lachen. Selbst Kinderaugen ziert kein Lächeln.
Da sind graue Häuser. Graue Straßen. Graue Menschen. Da sind leere, verlassene, verfallene Gebäude. Fabrikruinen, die Zeugnis geben von etwas, das lang vorüber, das doch nie war und das später erst recht nicht kam.
Menschenleben schleppen sich vorüber. Menschenleben, jeder Illusion beraubt. Jeder Hoffnung, die sie einst trieb, Mauern einzureißen. Grenzen zu überwinden. Optimistisch in die Zukunft zu schauen. Lähmende Schwere lastet in den Gliedern. Leere Blicke in leeren Gesichtern.
Sie, die noch einen Rest
dessen verspürten, was die Alten trieb, gingen.
Die blieben, verfielen zu
Staub.
Zur Ödnis, die sich von
den bröckelnden Fassaden auf ihre Gesichter übertrug.
Die Welt in ihren
Verheißungen, ihrem Glanz, der sie einst verführte, noch immer auf
den Bildschirmen, den Monitoren, den Hochglanzbroschüren. Hohn und
Spott gleich, als sagten sie, selber schuld, wenn ihr es glaubt. Das
Paradies in billigem Tand versprechend: „Das Sixpack Bier für
1,20. Das Pfund Kaffee diese Woche für 2,55“, wenn sie wöchentlich
als Beilage einer drittklassigen Postille in klapprigen Briefkästen
landen.
Die Verführung überwand Mauern, Minenfelder und
Stacheldraht. Überwand Grenzpatrouillen und Schießbefehl. Das
vermeidliche Glück brach sich an unsichtbaren Grenzen. Sein
Gegenstand schien greifbar an jenem Tag im November. Heute,
Jahrzehnte nach den Tränen des Glücks, ist es ferner denn je.
Montag, 3. Januar 2022
Ein Buch, ein Stift, ein Kind und ein Lehrer können die Welt verändern. (Malala Yousafzai)
Für die meisten Menschen ist ein Stift, ein Kugelschreiber, ein Füllfederhalter, eine Schreibmaschine nichts weiter als ein Werkzeug.
Oft achtlos herumliegend. Oft nicht vorhanden, wenn man seiner bedarf.
Gut, nun gibt es Menschen, für die stellt Form, Bauart, ggf. Herkunft beispielsweise historischer Schreibgeräte, oder auch herkömmliche Kugelschreiber, die aufgrund ihres unterschiedlichen Designs in Farbe oder auch Aufdruck zum begehrten Objekt eines jeweiligen Sammelleidenschaft werden, das Motiv ihrer Passion dar. All das aber macht für mich nicht die Besonderheit dieser Dinge aus.
Die Besonderheit liegt für mich vielmehr im Nutzen. Im Zweck, dem diese Utensilien dienen. Man schreibt mit ihnen. Mit dem Kugelschreiber. Dem Bleistift. Dem Füllfederhalter, der zweifellos zu den eleganteren Werkzeugen seiner Gattung gehört. Ein von mir selbst übrigens bevorzugtes Gerät, zu dem ich fast ein liebevolles, auf jeden Fall aber sehr achtsames Verhältnis pflege, bevorzuge ich es doch gegenüber dem seelenlose Geklapper einer Computertastatur allein deshalb, weil ich dem kratzenden Geräusch seiner Stahlfeder auf dem Papier, weil ich dem Geruch wie dem nassen Glanz frischer Tinte fast etwas Inspirierendes abgewinne.
Aber über all dies ist es noch etwas anderes, das mich bewegt. Es ist das, was möglich ist unter Anwendung eines Schreibgerätes. Geschriebene Worte, die vielleicht nur eine beiläufige Notiz, einen Einkaufszettel darstellen. Im besonderen Fall aber vielleicht eine Botschaft, einen Brief, der Bedeutendes beinhaltet. Der etwas zu bewegen oder zum Stillstand zu bringen im Stande ist. Der Emotionen auslöst. Der aus einer bestimmten Situation heraus entstand oder Situationen hervorbringt, der einen Menschen, der die Menschheit, der die Welt zu verändern im Stande ist.
Ein Stift. Ein Bogen Papier. Auch ohne Elektrizität, elektronische Impulse in Form von Einsen und Nullen.
Donnerstag, 23. September 2021
Vom Rauchen
Ich bin weder ein gewohnheitsgemäßer noch passionierter Raucher. Weder hat sich mir der Reiz der Zigarette, der Zigarre, noch irgendwelcher anderer Hilfsmittel des Tabakkonsums, wie beispielsweise der Tabakspfeife, je offenbart.
Nichtsdestotrotz verleugne ich nicht, dass die Rauchkultur als solches also die, die man weihe- und würdevoll zelebrierte, wenn man
sich in gehobener Gesellschaft nach dem Diner in den Rauchsalon zurückzog, einen gewissen Reiz auch auf mich ausübt. Wenn der Tabakkonsum also als Genussmittel galt, dessen man sich erfreute nach einem erlesenen Mahl oder als Ergänzung zu einem Glas Whiskey, Sherry oder was auch immer sich bot.Auch glaube ich, dass ihm eine gewisse intellektuelle Note, meinetwegen auch ein inspiratives Moment zukam, wenn sich Schriftsteller, Dramatiker, Philosophen etc. in ihrem Denken, respektive dem Ausführen ihrer Gedanken eine Zigarette anzündeten.
Brecht, ihm diente sie als
unverzichtbares Produktionsmittel, dessen Werk, so sagt man, nie
diese Bedeutung erlangt hätte, hätte es die Zigarre nicht gegeben,
sann darüber nach, im Zuschauerraum des Berliner Ensembles das
Rauchen zu gestatten, trüge es doch erheblich zur
Konzentrationsfähigkeit bei.
Dass aus all diesem irgendwann ein
gewisser Nachahmungstrieb entstand, man sich also wie Thomas Mann,
wie Ernest Hemingway oder ihresgleichen fühlte, wenn man mit der
Zigarette in der Hand in der Bar saß, wenn man gleich James Dean
mit selbiger im Mundwinkel im Cabrio in den Sonnenuntergang fuhr, die
Vorgängerformen also des Marlboromans oder des einsamen
Wüstenwanderers, der meilenweit für eine Camel Filter zurücklegte,
ist durchaus nachvollziehbar, denn kein Charakteristikum
haftet der Zigarette mehr an als Sex, Reichtum und Rebellion.
Man muss nicht zwangsläufig sein, wen man zu geben wünscht, ob man dies nun durch einen besonderen Kleidungsstil, eben die Zigarre, ein besonderes Auto oder was auch immer man sich ans Revers heftet, versinnbildlicht.
Zugegeben, es macht auch Spaß und nichts liegt mir ferner, als den Stab der Entrüstung über sie, über uns zu brechen.
Welche Bedeutung, bemessen an all dem oben genannten, nun aber dem batterie- oder akkubetriebene Elektronik-Nukkel zukommt, ich habe das Gerät, das vor allem Dampf produziert, der sowohl den Nutzer selbst, als auch die sich in unmittelbarer Nähe zum selben befindenden Personen einhüllt und zwar in einer Intensität, dass es einer Dampflokomotive gleichkommt, nach eigener, eigenes hierfür erdachten Wortschöpfung so genannt, hat sich mir über ein gewisses Amüsement hinaus nicht erschlossen.
Nein, diese Produkt innovativer Nutzbarkeit stellt für mich bestenfalls ein weiteres Element in der Entwicklungskette der Dinge dar, die eine Kopie dessen sind, was sie ursprünglich waren. Vom Genuss zur Sucht. Von Warnhinweisen auf Tabakprodukten zum Mittel, das der Tabakindustrie an den Warnhinweisen und damit verbundenen rückläufigen Raucherzahlen vorbei mittelfristig die Umsätze sicher und über all dem den Konsumenten in seiner Verführbarkeit einer gewissen Lächerlichkeit preisgibt.
Donnerstag, 11. März 2021
Eine Art von Liebe
Ich bin auf
meinem Weg manchen Menschen begegnet, die eine Spur in meinem Leben
hinterlassen haben. Manchen habe ich in meinen Geschichten ein
persönliches Denkmal gesetzt. So dem, den ich nur als „Ihn“
bezeichnete, der eine besondere Position unter diesen Weggefährten
einnahm.
Dem Obdachlosen, der mehr Würde besaß als manch anderer in der Mitte unserer Gesellschaft, dem dieses bittere Los nicht zuteil ist. Aber auch scheinbar unauffälligen Persönlichkeiten wie Kafka, der freilich nicht Kafka hieß. Ich habe ihn so genannt, weil er sich auf sehr besondere Weise von den übrigen Menschen des Ortes, an dem ich ihm immer wieder begegnete, unterschied. Nicht unerwähnt bleiben soll der einsame junge Mann, den ich im Wartezimmer meiner Hausarztpraxis traf, und kurz darauf ein zweites Mal auf einer Parkbank, auf der er, buchstäblich ins Nichts starrend, saß. Wir kamen spontan ins Gespräch, wobei es mehr ein Monolog seinerseits war, und ich erfuhr das Profil eines Lebens.
Aber auch skurrile, zuweilen amüsante Begegnungen gab es, wie die Dame mit dem Hündchen - Tschechow wird mir verzeihen, dass ich mich seines Titels bediene - der Tiere offenbar näherstanden als Menschen. Ich bin ein Geschichtensammler. Ein Sammler von Eindrücken und Emotionen, die diese in mir hinterlassen.
Vor einigen Tagen nun ergänzte sich der Fundus meiner Begegnungen mit für mich besonderen Menschen um eine weitere Episode. Ein liebgewonnenes Ritual meinerseits ist es, früh morgens, etwa zum Zeitpunkt kurz nach Sonnenaufgang, eine Stunde im nahegelegenen Schlosspark spazieren zu gehen. Ich nenne es meine Philosophenrunde. Nicht, dass ich mich als solcher sehe, aber die Atmosphäre, die Stille des Parks, die wenigen Menschen, denen man um diese Zeit begegnet, lassen meine Gedanken fließen. Ich gelange zu mancherlei Erkenntnis, die mir im Getriebe des übrigen Tages vielleicht nicht präsent wäre. Bisweilen führe ich Selbstgespräche, unterhalte mich gedanklich mit einer imaginären Person, rezitiere Gedichte oder kurze Passagen aus der Literatur, die mir spontan in den Sinn kommen und denke darüber nach, ob ich durch dieses Verhalten mittlerweile selbst zu so einer absonderlichen Gestalt avancierte, wie ich sie in meinen Geschichte zu beschreiben suche.
Er stand mir abgewandt am Wegrand, in die aufgehende Sonne blickend. Ein älterer Herr, der weder durch seine Kleidung, noch durch irgendetwas anderes, das ihn ausmachte, auffiel. Er war nicht besonders gepflegt. Unscheinbar sollte man vielleicht sagen. Niemand, der auffiel. Niemand, der auffallen wollte. Vielleicht sind es gerade diese Menschen, die meine Aufmerksamkeit erregen. Die, die sich nicht inszenieren, sei es durch eine besondere Kleidungsstil, sei es durch Gesten und Verhalten. Er stand dort. War einfach nur da. Nichts weiter.
Ich habe es mir zu Gewohnheit gemacht, Blicke, Augenkontakt zu den mir begegnenden Menschen zu suchen. Nicht starr und indiskret, aber auf eine sehr persönliche Weise. Ein „guten Morgen“ im Vorübergehen, ein mildes Lächeln. Mehr nicht. Ich war noch einige Schritte entfernt, als ich beschloss, ihm einen guten Morgen zu wünschen, obwohl, wie gesagt, er mir den Rücken zuwandte.
Ihn erreichend, meinen Gruß an ihn sendend, drehte er sich um, lächelte und erwiderte mit den Worten: „Was für ein wunderbarer Morgen“, die er im weiteren Verlauf dieser flüchtigen Begegnung noch mit einigen Floskeln ergänzte. Ich blieb stehen, antwortete meinerseits auf seine Worte mit eher nichtssagenden Äußerungen, wünschte ihm einen schönen Tag und setzte meinen Weg fort.
Dem Leser mag nichts Besonderes an dieser Szene auffallen, doch meine Gedanken ließen nicht ab von ihr, denn diese kurze, zunächst vielleicht banale Begegnung löste in mir gute Laune aus. Zum besseren Verständnis muss ich ergänzen, dass dieser Tag für mich keinen sehr freudigen Beginn hatte. Der Grund für meine leichte Betrübnis soll hier aber nicht von Bedeutung sein.
Die Begegnung beschäftigte mich noch eine ganze Weile auf meinem Spaziergang. Ich war schon ein erheblichen Stück Weg von ihm entfernt, als ich mich nochmal zu ihm umdrehte. Auch er hatte gemessenen Schrittes seinen Weg fortgesetzt. Schien im Moment, da meine Augen ihn fanden, auch zu mir zu herüberzuschauen.
Ich machte mir keine Gedanken darüber, wer er war, woher er kam oder wohin er gehörte. Nicht über seinen sozialen Status, der, bemisst man diesen an allgemeinen bürgerlichen Maßstäben, nicht sehr hoch zu sein schien. Lediglich darüber, dass mir diese kurze, flüchtige Begegnung ein nachhaltiges Lächeln ins Gesicht zauberte. Eine Begegnung zweier Menschen im Park. Eine Geste der Freundlichkeit. Des einander Sehens zweier Menschen, die nichts weiter verband als die Freude am Augenblick des Sonnenaufgangs.
Ich näherte mich dem Ausgang des Parks, suchte ihn abermals, denn der Park ist um diese Jahreszeit von jeder Position aus in seiner vollen Ausdehnung zu überblicken, doch er war verschwunden. Hat er seinen Weg nicht weiter fortgesetzt? Hat er den kürzeren Weg zum Ausgang genommen...
oder gab es ihn gar nicht. War er nichts als ein Trugbild, das die Sehnsucht des Herzens, die Sehnsucht der Gedanken in mein Bewusstsein projizierte?
Samstag, 12. Dezember 2020
Eine Art Erfahrungsbericht
Irgendjemand hat einmal gesagt, ein Gefühl zu beschreiben ist, als wolle man einem Blinden eine Farbe erklären.
Es ist Freitagabend, 22:00 Uhr. Seit einer Stunde besteht Ausgangssperre. Eine Maßnahme, die als notwendig erachtet wird angesichts einer seit einem Jahr bestehenden weltweiten Pandemie. Eine Maßnahme, die, bevor sie zu Beginn der Krankheitswelle im Frühjahr dieses Jahres das erste Mal verhängt wurde, zuletzt in Kriegszeiten Anwendung gefunden hat.
Es ist bei Verhängung eines Bußgeldes untersagt, das Haus zu verlassen, es sei denn, man hat einen triftigen Grund.
Der, aus dem heraus ich gewohnheitsgemäß zu dieser Stunde auf die Straße gehe, gilt nicht als solcher. Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, mir abends, bevor ich meinen Tag beschließe, noch ein wenig die Beine zu vertreten.
Ich wohne unweit eines weitläufigen Parks, der hierfür ideale Bedingungen bietet. Anderen Menschen begegnet man kaum mehr zu dieser Stunde. Dem ein oder anderen Hundebesitzer bestenfalls. Seit heute jedoch nicht einmal mehr diesen. Es besteht Ausgangssperre. Seit einer Stunde. Anhaltend bis in die frühen Morgenstunden.
Ich möchte unter keinen Umständen missverstanden werden, wenn ich dieses Thema, das seit Montane kontrovers in den Medien und der Öffentlichkeit diskutiert wird, aufgreife. Ich stelle die Notwenigkeit dieser Maßnahme keinesfalls in Frage. Ebenso liegt es mir fern, irgendwelchen Schwurblern, Querdenkern, Leugnern und Verschwörungstheoretikern, die in all dem einen Angriff auf die verfassungsgemäß verbrieften Freiheitsrechte sehen, in die Hände zu spielen. Ihnen geht es zumeist um die Freiheit uneingeschränkten Amüsements und Konsums. Die Freiheit, selbst darüber zu befinden, ob man sich selbst und schlussendlich seinen Nächsten Schaden zufügt.
Nein, diese Freiheit meine ich nicht. Die Beschneidung dieser Art Freiheit ist nicht Gegenstand dieses Gefühls, das ich hier zu beschreiben versuche.
Es ist das Gefühl des Eingesperrtseins. Das Gefühl, gezwungen zu sein, auf eine Normalität zu verzichten, die man, eben weil sie niemals hinterfragt, respektive in Frage gestellt wird, in uneingeschränkter Weise und zu jeder beliebigen Zeit in Anspruch nehmen kann. Die Freiheit also, etwas tun zu können, das weder mit den oben genannten Leidenschaften, beispielsweise dem Ausgehen, zu tun hat, noch einen andern Zweck verfolgt als den, das Haus selbst ohne einen nennenswerten Grund damit zu verbinden, zu verlassen.
Ein Gefühl, zu dem ich selbst bei größter Bemühung keine angemessene Entsprechung finde. Ein Gefühl, dass man vielleicht als Kafkaesk bezeichnen möchte. Die Situation aber in jedem Fall.
Montag, 9. November 2020
Mama, wann ist Weihnachten?
Es ist Donnerstag, der 24. Dezember 2015 irgendwo in Deutschland. Im Hause Engelbrecht herrscht geschäftiges Treiben: Papa holt den frisch geschlagenen Weihnachtsbaum aus dem Garten und sucht im Keller verzweifelt nach dem Christbaumständer. Mama Engelbrecht rumort in der Küche mit Töpfen und Tellern und die 12-jährige Lisa huscht heimlich mit Geschenkpapier und Bändern durchs Haus. Der 5-jährige Hannes hüpft aufgeregt von einem Bein aufs andere und kräht aus voller Seele: “Mama, wann ist denn nun endlich Weihnachten?“ Seine Mutter lächelt ihn an und meint: „Noch nicht, Hannes, da musst du dich schon noch etwas gedulden….“
Geduld? Das versteht er nun so gar nicht, eigentlich ist doch alles so weit: die Adventszeit mit zahlreichen Weihnachtsfeiern im Kindergarten, Turnverein und in der Kirchengemeinde mit Wichtelgeschenken und Plätzchen haben sie erfolgreich überstanden, der Baum steht, in der Küche duftet es schon nach Braten (warum ist der in diesem Jahr eigentlich so groß? Oma und Opa wollten doch bei der Tante feiern….). Nun fehlt doch nichts mehr, oder?
Mürrisch lässt er die Anweisungen seiner Eltern über sich ergehen: „Hannes, kannst du mir mal bitte die roten Weihnachtsservietten aus dem Schrank holen? Hannes, schau mal, dein selbst gebastelter Schneemann hängt noch nicht richtig am Baum……“ Und so weiter……. Endlich ist der Baum fix und fertig geschmückt und der Tisch fürs Abendessen nach dem Krippenspiel in der Kirche festlich gedeckt. So langsam kommt ihm die Sache aber doch etwas komisch vor: schon der Braten war ungewöhnlich groß für die 4-köpfige Familie und nun sind auch noch mehr als die 4 Gedecke auf dem Tisch und Mama und Papa flüstern so komisch: vielleicht kommen Oma und Opa ja doch zu Besuch…… “Mama, ist denn nun endlich Weihnachten?“ „Nein, Hannes, noch ist nicht Weihnachten…..“ Seufzend streift Mama Engelbrecht für einen Moment die Küchenschürze ab und nimmt ihren zappelnden Sohn auf den Schoß: „Kannst du dich noch an die Weihnachtsgeschichte erinnern, mein Kleiner?“ „Ja doch, klar, haben wir ja oft genug im Kindergarten gelesen. Da ist Jesus auf die Welt gekommen…im Stall mit den Eseln.“ „Genau, und siehst du, erst wenn Jesus zu uns kommt und in unsere Herzen einzieht, dann ist Weihnachten.“ Nicht dass sich ein 5-jähriger Knirps mit Gedanken an bevorstehende Lego-Geschenke mit so einer Antwort zufrieden gibt – aber für’s erste gibt er Ruhe.
Nachmittags machen sich dann alle zu Fuß zur Kirche um die Ecke und bestaunen all die verkleideten Kinder aus der Nachbarschaft, die aufgeregt das einstudierte Krippenspiel aufführen. Da entdeckt Hannes in der liebevoll gebastelten Holzkrippe das Jesus-Kind: „Na endlich!“ brüllt er begeistert durch die Kirche, „….jetzt ist Weihnachten!“ Beruhigend flüstert seine Mutter ihm zu: „Nein, mein Schatz, es ist immer noch nicht Weihnachten.“ Jetzt versteht er die Welt nicht mehr und schlurft nach dem Gottesdienst schlecht gelaunt seinen Eltern hinterher nach Hause. Eigentlich hat er nun so gar keine Lust mehr auf den ganzen Weihnachtskram…… es ist ja irgendwie doch nicht Weihnachten……
Zu Hause angekommen findet er den erleuchteten Weihnachtsbaum nun doch sehr spannend und hat inzwischen bei all der Aufregung einen Bärenhunger bekommen. Jetzt könnte doch eigentlich der Braten aufgeschnitten werden - dann gibt es hinterher umso schneller die Geschenke. Plötzlich klingelt es an der Haustür. Besuch? Um die Zeit? Doch Oma und Opa? Aufgeregt hüpft er in den Flur und späht durch die Glaswand der Haustür nach draußen. Nein, stellt er enttäuscht fest, da stehen völlig fremde Leute…..müssen sich wohl an der Tür geirrt haben. Nun machen seine Eltern den Leuten auch noch die Türe auf und begrüßen sie: „Ach wie schön, kommen Sie doch herein…..herzlich willkommen bei uns.“ „Schaut mal, Hannes und Lisa, das ist die Familie Sabia aus Syrien mit ihren Kindern Haifa und Abeer. Sie haben eine ganz lange und gefährliche Reise hinter sich und wir werden heute mit ihnen zusammen Weihnachten feiern.“
„Ach und übrigens, Hannes,“ lächelt Mama Engelbrecht ihren Sohn an; „jetzt ist Weihnachten.“
Sonntag, 4. Oktober 2020
Eine Frage der Gastlichkeit
Dem einen oder anderen Leser meiner Beiträge mag ich als notorischer Nörgler, als Mensch, der sich vordergründig an den negativen Seiten unserer Gesellschaft abarbeitet, erscheinen. Dem aufmerksamem Leser jedoch wird es nicht entgehen, dass meinen Beschreibungen der Verhältnisse oft ein ironischer Unterton zugrunde liegt, wie auch in der folgenden Glosse, in der es um unser Konsumverhalten gehen soll. Als passionierterer Café-Besucher kann ich mit Fug und Recht für mich reklamieren, nie in meinem Leben einen „Coffee-to-go“, ob nun erworben in einem Stehausschank am Rande der Fußgängerzone oder einer der zahllosen Kaffeehausketten, konsumiert zu haben. Dieses Produkt bzw. dessen Verzehr stellt für mich den Inbegriff termingetriebener Rastlosigkeit dar.
Auf dem Weg zur U-Bahn, zu Arbeitsstelle oder im Kaufrausch, in der einen Hand einen Kaffee im formschönen Pappbecher, in der anderen ein Stück Kuchen, in der dritten das Handy am Ohr, sofern man nicht über eine Freisprecheinrichtung nebst „in-ear-Hörern“, jenen technischen Neuerung also, die dem Aufsatz einer elektrischen Zahnbürste gleicht, verfügt. In meinen zeitweiligen philosophischen, gedanklichen Exkursionen habe ich mir einmal die Frage gestellt, wie viel Leben, bemessen an Aktivitäten im Vergleich Vergangenheit zur Gegenwart, wir heute leben? Dies aber, sei nur am Rand bemerkt.
Kommen wir zurück zum eigentlichen Thema, dem Kaffeehaus.Ich hatte noch ein wenig Zeit bis zu meinem Termin. Eine Stunde blieb mir, um genau zu sein. Da eine Filiale der Kaffeehauskette, die den klangvollen Namen des Bootsmanns in Hermann Mellvilles´ Roman „Moby Dick“ trägt, beschloss ich, mich in selbiger niederzulassen. Eine auf den ersten Blick angenehme Atmosphäre, eine Symbiose aus Optik, gedämpfter Geräuschkulisse und dem Duft frischen Kaffees empfing mich. Niemanden, der diese Einrichtungen kennt, wird es fremd sein. Freilich mangelt es an Individualität. Sämtliche Filialen dieser Kette, ob nun in Tokio, New York, London oder einem Außenbezirk von Wattenscheid, gleichen einander wie ein Ei dem anderen, und doch erreichen
sie die Sinne, denn allem, was hier geschieht, liegt ein knallhartes, nach psychologisch werbewirksamen Gesichtspunkten ausgearbeitetes Geschäftskonzept zugrunde, mit möglichst geringem Aufwand einen höchstmöglichen Umsatz zu erzielen. Wir, die Besucher, wissen es, und doch lassen wir uns nur zu gern darauf ein, uns wohlzufühlen, weil man es eben tut. Das Mobiliar teilweise im „Kolonial-Style-Antikleder“, das eine gewisse Patina symbolisiert, gehalten. Die Wandgestaltung in Form von Tapeten, die an eine Bibliothek erinnern. Das Licht gedimmt aus messingfarbenen Kandelabern. Der Fußboden aus Schiffsplankendesign-Plastik-Laminat. Und
schließlich das Produkt: Spätestens hier gerät der ungeübte Gast an die
Grenzen seiner Belastbar- bzw. Entschlussfreudigkeit.
Mit einem zuckersüßen Lächeln, das kaum Aufschluss gibt über die Erschöpfung der Mitarbeiter durch den immensen Arbeitsdruck, den auszuüben eigens ein Manager in den jeweiligen Filialen eingesetzt wird, werde ich nach meinem Wunsch gefragt.
„Einen Kaffee bitte.“ „Zum hier trinken!“, ergänze ich, überlegend, ob diese Formulierung grammatisch korrekt sei. Verwiesen auf das nahezu unüberschaubare Sortiment werde ich gebeten, meinen Wunsch zu konkretisieren.
„Wir haben: Flat white, Iced Coffee Mocca, Iced Americano, Iced Coffee Latte, Espresso con Panna, Flavored Latte, Mocca Ligth, Frappuccino blended beverage, Java Chip Chocolate Cream …“
Ich kapituliere. So klangvoll die jeweiligen Namen, so ansehnlich ihre optische Erscheinung. Unerklärlich hingegen, warum man so ein künstlerisch anspruchsvoll gestaltetes Produkt in einem undurchsichtigen Pappbecher verschwinden lässt, der bestenfalls noch am Geschmack erkennen lässt, was sich in ihm befindet. Zucker vordergründig, der den Kalorienbedarf eines ganzen Tages abdeckt. Ich beharre weiter auf einer Tasse Filterkaffee, mich unsicher umblickend, ob ich mich mit meinem exotischen Wunsch nicht vollends als „nicht zur Zielgruppe der hier verkehrenden Menschen“ oute. Die Frage, ob „tall, grande oder small!“ (warum eigentlich zweimal englisch, einmal italienisch?) beantworte ich konsequent mit „Klein“ Schließlich ziehe ich mich mit meinem Getränk an einen der freien Tische am Rande des Schauspiels zurück, darüber reflektierend, was hier geschieht. Neben den angebotenen Produkten wird etwas verkauft, das nicht existiert. Das mag in unserer auf Massenkonsum gebürsteten, desensibilisierten Gesellschaft Normalität sein, mich aber erschreckt es. Nicht real ist das Ambiente dieses Cafés. Nicht existent das Gefühl von Gemütlichkeit, die die Plastik-Atmosphäre vermitteln soll. Nicht vorhanden die Qualität eines Produktes zu teilweise völlig überhöhten Preisen, das ausschließlich durch Optik wie durch chemische, künstliche Aromen zum Kauf und Verzehr animiert. Nicht existent ein persönlicher, individueller Service, der sich lediglich darin äußert, dass der Name, des Gastes auf den jeweiligen Becher geschrieben wird, der schließlich, nach
Fertigstellung der Kreation, durch den Raum geplärrt wird. Es ist alles Fassade, die spätestens an dem Punkt zusammenbricht, an dem man sie hinterfragt. Aber nur allzu willfährig, lassen wir uns verführen von dieser Entmündigung der eigenen Wahrnehmung, des eigenen, persönlichen Geschmacks. Nein, für mich wird ein Café weiterhin ein Ort sein an dem ich mich aufhalte, weil ich genau hier sein will. Weil er mehr ist, als nur das billige Abbild dessen, was vergangen ist. Weil ich mich einlassen möchte auf die Umgebung, unbeeinflusst von Reizüberflutung. Mich einlassen möchte auf Zeitungslektüre und die ein oder andere Tasse Kaffee. Auf das Fühlen von Zeit und nicht die Umtriebigkeit, sie mit möglichst vielen weiteren Aktivitäten anzufüllen. Ein Ort auch des Dialogs, sei es mit mir selbst oder anderen, die, wie ich, hier der Hektik des Alltags, den immer unüberschaubareren Dimensionen des Konsumwahns, entfliehen.
Samstag, 14. Dezember 2019
Nicht nur zur Weihnachtszeit
Dienstag, 26. November 2019
Hamburg, Hauptbahnhof
Hamburg-Hauptbahnhof, 23:30 Uhr,
das sind in martialischer Körperspannung patrouillierende Polizisten, die längst nicht mehr hinschauen, wenn außerhalb der gekennzeichneten Flächen geraucht, wenn gestohlen, gedealt, gekotzt wird ( gibt es auch hierfür gekennzeichnete Bereiche?)
Mittwoch, 10. Juli 2019
Café des Artistes
Zweifellos hat es seinen Charme, eingerichtet nach Art französischer Cafés, in dessen Ambiente man meint, Sartre und Beauvoir hätten es gerade verlassen oder würden jeden Augenblick zur Tür hereinkommen. Auch die Karte lässt wenig zu wünschen übrig, scheint von ausgesuchter Qualität. Lediglich am Service mangelt es, will man von Service überhaupt sprechen.
Es sollte ein besonderer Abend werden, den ich mit meinem Gast in Form eines stilvollen Essens in Café des Artistes, im Thalia Theater in Hamburg, einleiten wollte. Der Abend, an dem sämtliche Theater Hamburgs anlässlich des Spielzeitauftaktes ihr neues Repertoire präsentieren. Zwei Stunden waren es bis zum Beginn des Programms. Zwei Stunden, die wie in entspannter Atmosphäre die Gastlichkeit des Lokals genießen wollten.
Das Wetter erlaubt es, dass wir uns draußen einen Platz suchten. Die Tische waren zu einem Drittel belegt, auf einem weiteren Drittel befanden sich Schilder mit dem Hinweis "reserviert", was nachvollziehbar war, rechnete man angesichts des stattfindenden Events sicher mit entsprechender Gästezahl. Nach einer
Weile, wir warteten bereits eine gute halbe Stunde auf den Kellner, der uns uns offenbar nicht bemerkte, fiel uns auf, dass jeder weitere Tisch, vom dem sich die Gäste erhoben, mit einem Reserviertschild versehen wurde. Das vermittelte wenig Charakter von Gastlichkeit, man möchte fast sagen, man fühlte sich selbst als störend. Endlich ergabt sich die Möglichkeit, die Aufmerksamkeit des Kellners zu erregen, in dem ich ihn im Vorbeieilen fragte, ob es möglich sei, Kaffee nebst einer Karaffe Mineralwasser für meine Begleitung und mich zu bestellen. Nun offenbarte sich das Problem, dem der Betrieb sich offenbar ausgesetzt sah. Man sei personell nicht auf diesen Andrang vorbereitet. Zudem sei es zum Ausfall eines Mitarbeiters gekommen, wodurch mit längeren Wartezeiten zu rechnen sei. Der Kaffee käme so schnell wie möglich, ob es mit dem Wasser klappte, könnte man zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Man wäre jedoch bemüht, unserem Wunsch so zügig wie möglich zu entsprechen. Der besagte Andrang äußerte sich zu diesem Zeitpunkt gerade mal in 7 oder 8 besetzen Tischen, die von zwei Mitarbeitern zu versorgen waren. Keine 20 Minuten später wurde dann zwar kein Kaffee, sondern statt dessen ein Cappuccino und ein Latte Macchiato serviert. Eine Reklamation ersparte ich uns wie auch dem Kellner, hätte dies den Rahmen der Möglichkeiten womöglich völlig gesprengt.
Beim Kaffee aber sollte es nicht bleiben. Die Kuchenvitrine wies manche Appetitlichkeit auf, worauf wird uns entschlossen, einen erneuten Versuch zu unternehmen eine
Bestellung durchzusetzen. Kuchen würde es schon geben, so die Äußerung des verzweifelteren Kellners, jedoch mangelte es jetzt an Tellern und Besteck, selbigen zu servieren.
Ich will den Grund dieses offensichtlichen Chaos nicht auf mögliches Unvermögen des Personals abwälzen. Im Gegenteil, ab einem gewissen Zeitpunkt fanden wir die stete Bemühung, jeden weiteren Tisch durch entsprechen Beschilderung vor hungrigen Gästen zu blockieren, wie auch die hilflosen Erklärungsversuche gegenüber Gästen, die sich von den Schildern wenig beeindrucken ließen, unterhaltsam. Es war, wie gesagt, der Spielzeitauftakt der Hamburger Theater und wir beschlossen, dies als humoresken Teil des Unterhatungsprogamms zu betrachten. Als wir nach 1,5 Stunden, nach Genuss des Kaffees, den wir nicht bestellt hatten, nach Verzehr des Kuchens, für den sich irgendwann schließlich doch noch Teller und Gabel fanden, das Café verließen, stellten wir fest, dass dessen Defizite auch in kassentechnischer Hinsicht bestanden. Den Kuchen überließ man uns, sicher ungewollt, kostenfrei, was zu reklamieren mir am Ende doch die Einsicht fehlte.
Montag, 8. Juli 2019
Mein Hausarzt gibt kein Pfötchen mehr.
Sonntag, 7. Juli 2019
Auf den Hund gekommen.
Samstag, 6. Juli 2019
Gedanken eines Kaffeehaus Gastes
Mittwoch, 1. Mai 2019
...
Die zweite am Geschehen beteiligte Person sitzt am Nachbartisch. Am Nachbartisch des Cafés, das sich in unmittelbarer Nähe des Bühneneingangs zum Theater befindet.
In Ermangelung eines Notizbuches oder auch nur eines Bogen Papiers, aber mit dem unbedingten Wunsch, diesen Eindruck festzuhalten, versehe ich meine Notiz auf den leeren letzten Seiten eines soeben in einem Antiquariat erworbenen Buches von Max Frisch. Er, um den es hier geht, scheint Musiker. Vermutlich einem Orchester, dem Orchester des Staatstheaters, zugehörig. Er ist starker Raucher. Ist Kaffeetrinker. Durch alles, was ihn ausmacht, nimmt er sich aus von den übrigen Gästen, den vorbei eilenden Passanten. Seine Kleidung. Seine Gebärden. Seine Physiognomie, wenn auch der zuletzt genannte Punkt, in dem ich einen Unterschied zu allen anderen Menschen vermute, eher meiner Einbildungskraft geschuldet scheint. Vor ihm auf dem Tisch eine Partitur. Ein Orchesterstück. Eine Oper … in der er vertieft, kaum etwas um sich herum wahrnehmend, blättert. Er hört, was er liest. So scheint es. In seinen Gesichtszügen, den Bewegungen seiner Lippen, seiner Hände, die die Schwingungen der Musik in seinem Geist wiedergeben, meine ich die Verbindung zu erkennen, die den Dirigenten mit dem Klangkörper, dem Orchester, zu einer Einheit verschmelzen lässt. Es scheint diese Art der Wahrnehmung zu sein, die selbst ein gehörloser Mensch in Gegenwart von Musik erfährt.
All das stellt für mich in diesem Moment den denkbar deutlichsten Kontrast zu allem dar, was sich außerhalb dieses Bildes bewegt. Dem Lärm der Straße, dem Getriebe, dem Stimmengewirr. Eine Harmonie zur Dissonanz des Alltags, die letztlich doch jedwedes Geräusch der Umgebung zu einer Symphonie verschmelzen lässt.
Montag, 1. April 2019
Verweile doch...
Jeder Kontakt zu ihm fand über sie statt. Eines Formulars bedurfte es, das mir per Mail zuging. Das ich, versehen mit meiner Unterschrift, zurücksenden möge. Und an dieser Stelle beginnt es. Das erste, was ich von ihm hörte, wiederum von ihr, aus seinem Mund an mich gerichtet: „Wer unterschreibt denn noch auf diese Weise? Das tun doch bestenfalls Menschen, die mit Füllfederhalter schreiben. Statt einer flüchtig dahin gekritzelten Signatur den vollständigen Namen.“ Ich nahm es als Kompliment, das ich gleichermaßen erwiderte, ob seiner Wahrnehmung, dies zu erkennen.
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Virenfrei. www.avast.com |
Samstag, 5. Januar 2019
War einer, der tanzte
Es war im Zug zwischen hier und irgendwo. Was spielt der Ort für eine Rolle? Reisende, hektisches Getriebe, Gepäck, das sanfte Stakkato rhythmischer Geräusche über Stahl gleitender Fahrwerke. Gibt es das noch? Das Geräusch aus Kindertagen, wenn wir mit den Eltern in den Odenwald fuhren? Der Nachtzug. Sechser Abteil. Die Eltern und ich. Drei weitere, fremde Personen auf engstem Raum. Die Sitze wurden zur Schlafenszeit zusammengeschoben. Wie die Ölsardinen lag man Körper an Körper mit Menschen, deren Namen man nicht einmal kannte. Besagter Rhythmus begleitete den bald einsetzenden Schlaf.
Es ist zu wenig Musik in der Welt.
Zu wenig Menschlichkeit.
Zu wenig Liebe.
Samstag, 3. November 2018
Unlängst in einer anderen Buchhandlung:
Mittwoch, 12. September 2018
Das Wort
Es hatte mal gehört, dass die Menschen durchschnittlich 12.000 Worte am Tag sprachen. Keine sehr große Zahl, bemessen daran, wie viele hunderttausende in diesem Buch, in dem sie alle angeordnet nach Alphabet, untereinander aufgeführt in schwarzer Schrift auf weißen Seiten, geschrieben standen. Jedes für sich allein, mit seiner jeweiligen Bedeutung, jedes mit einem Hinweis auf Herkunft und Verwandtschaft versehen. Hier warteten sie geduldig auf ihre Verwendung. Träumten davon, der Teil eines bedeutenden Textes oder eines Buches zu werden. Vielleicht auch einer Rede oder eines anderen Schriftstücks. Manche, die Akademiker unter ihnen, fanden Verwendung in Gesetzestexten oder Verordnungen. Andere wiederum in geschäftlicher Korrespondenz, in Rechnungen, Gebrauchsanweisungen oder worin auch immer. Unser Wort, also das, von dem ich erzählen möchte, schien nicht wichtig. Vielmehr meinte man, es hätte im Laufe der Zeit immer mehr an Bedeutung verloren. Es gab Glanzzeiten in denen es in den Werken großer Schriftteller und Poeten Verwendung fand. Es fand sich in Liedern und Balladen, in Märchen und Erzählungen. Das war es, wovon es träumte. Einmal wieder der Teil eines Vers oder eines Gedichtes zu sein. Einmal etwas Großes zu beschreiben oder lieber noch, einem Menschen, dem dieses Gedicht galt, Freude zu bereiten. Mit den Gedanken hieran schlief es ein zwischen den Seiten des großen Buches.
Montag, 3. September 2018
"Menschen" Die Sache mit "Ihm"
Vier Jahre waren es, in denen mir die tägliche Einkehr in dieses Café zum Ritual wurde. Vier Jahre, in dem ich ihm Tag für Tag begegnete, ohne es wirklich zu tun.