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Donnerstag, 9. März 2023

Ein Regentag. Ich beschließe, ein Brot zu kaufen. Ich werfe meinen Mantel über. Nehme den Schirm. Verlasse das Haus Richtung Bäcker. Die Frage der Verkäuferin, ob sie es gleich schneiden soll, beantworte ich mit einem Nein danke. Auf dem Heimweg erwerbe ich ein Pfund Butter. Zuhause angekommen packe ich meinen Einkauf aus. Schneide zwei Scheiben des Brotes ab. Bestreiche es mit Butter. Trage beides auf einem Teller zum Tisch. Ich nehme Platz und esse.

Mittwoch, 30. März 2022

November

Da sind keine Farben. Keine Leichtigkeit. Da fehlt es an jeder Fröhlichkeit. Jedem Lachen. Selbst Kinderaugen ziert kein Lächeln.

Da sind graue Häuser. Graue Straßen. Graue Menschen. Da sind leere, verlassene, verfallene Gebäude. Fabrikruinen, die Zeugnis geben von etwas, das lang vorüber, das doch nie war und das später erst recht nicht kam.

Menschenleben schleppen sich vorüber. Menschenleben, jeder Illusion beraubt. Jeder Hoffnung, die sie einst trieb, Mauern einzureißen. Grenzen zu überwinden. Optimistisch in die Zukunft zu schauen. Lähmende Schwere lastet in den Gliedern. Leere Blicke in leeren Gesichtern.

Sie, die noch einen Rest dessen verspürten, was die Alten trieb, gingen.
Die blieben, verfielen zu Staub.
Zur Ödnis, die sich von den bröckelnden Fassaden auf ihre Gesichter übertrug.

Die Welt in ihren Verheißungen, ihrem Glanz, der sie einst verführte, noch immer auf den Bildschirmen, den Monitoren, den Hochglanzbroschüren. Hohn und Spott gleich, als sagten sie, selber schuld, wenn ihr es glaubt. Das Paradies in billigem Tand versprechend: „Das Sixpack Bier für 1,20. Das Pfund Kaffee diese Woche für 2,55“, wenn sie wöchentlich als Beilage einer drittklassigen Postille in klapprigen Briefkästen landen.
Die Verführung überwand Mauern, Minenfelder und Stacheldraht. Überwand Grenzpatrouillen und Schießbefehl. Das vermeidliche Glück brach sich an unsichtbaren Grenzen. Sein Gegenstand schien greifbar an jenem Tag im November. Heute, Jahrzehnte nach den Tränen des Glücks, ist es ferner denn je.

Montag, 3. Januar 2022

Ein Buch, ein Stift, ein Kind und ein Lehrer können die Welt verändern. (Malala Yousafzai)

Für die meisten Menschen ist ein Stift, ein Kugelschreiber, ein Füllfederhalter, eine Schreibmaschine nichts weiter als ein Werkzeug.
Oft achtlos herumliegend. Oft nicht vorhanden, wenn man seiner bedarf.
Gut, nun gibt es Menschen, für die stellt Form, Bauart, ggf. Herkunft beispielsweise  historischer Schreibgeräte, oder auch herkömmliche Kugelschreiber, die aufgrund ihres unterschiedlichen Designs in Farbe oder auch Aufdruck zum begehrten Objekt eines jeweiligen Sammelleidenschaft werden, das Motiv ihrer Passion dar. All das aber macht für mich nicht die Besonderheit dieser Dinge aus.
Die Besonderheit liegt für mich vielmehr im Nutzen. Im Zweck, dem diese Utensilien dienen. Man schreibt mit ihnen. Mit dem Kugelschreiber. Dem Bleistift. Dem  Füllfederhalter, der zweifellos zu den eleganteren Werkzeugen seiner Gattung gehört. Ein von mir selbst übrigens bevorzugtes Gerät, zu dem ich fast ein liebevolles, auf jeden Fall aber sehr achtsames Verhältnis pflege, bevorzuge ich es doch gegenüber dem seelenlose Geklapper einer Computertastatur allein deshalb, weil ich dem kratzenden Geräusch seiner Stahlfeder auf dem Papier, weil ich dem Geruch wie dem nassen Glanz frischer Tinte fast etwas Inspirierendes abgewinne.
Aber über all dies ist es noch etwas anderes, das mich bewegt. Es ist das, was möglich ist unter Anwendung eines Schreibgerätes. Geschriebene Worte, die vielleicht nur eine beiläufige Notiz, einen Einkaufszettel darstellen. Im besonderen Fall aber vielleicht eine Botschaft, einen  Brief, der Bedeutendes beinhaltet. Der etwas zu bewegen oder zum Stillstand zu bringen im Stande ist. Der Emotionen auslöst.  Der aus einer bestimmten Situation heraus entstand oder Situationen hervorbringt, der einen Menschen, der die Menschheit, der die Welt zu verändern im Stande ist.
Ein Stift. Ein Bogen Papier. Auch ohne Elektrizität, elektronische Impulse in Form von Einsen und Nullen.

Donnerstag, 23. September 2021

Vom Rauchen

Ich bin weder ein gewohnheitsgemäßer noch passionierter Raucher. Weder hat sich mir der Reiz der Zigarette, der Zigarre, noch irgendwelcher anderer Hilfsmittel des Tabakkonsums, wie beispielsweise der Tabakspfeife, je offenbart.

Nichtsdestotrotz verleugne ich nicht, dass die Rauchkultur als solches also die, die man weihe- und würdevoll zelebrierte, wenn man

sich in gehobener Gesellschaft nach dem Diner in den Rauchsalon zurückzog, einen gewissen Reiz auch auf mich ausübt. Wenn der Tabakkonsum also als Genussmittel galt, dessen man sich erfreute nach einem erlesenen Mahl oder als Ergänzung zu einem Glas Whiskey, Sherry oder was auch immer sich bot.

Auch glaube ich, dass ihm eine gewisse intellektuelle Note, meinetwegen auch ein inspiratives Moment zukam, wenn sich Schriftsteller, Dramatiker, Philosophen etc. in ihrem Denken, respektive dem Ausführen ihrer Gedanken eine Zigarette anzündeten.

Brecht, ihm diente sie als unverzichtbares Produktionsmittel, dessen Werk, so sagt man, nie diese Bedeutung erlangt hätte, hätte es die Zigarre nicht gegeben, sann darüber nach, im Zuschauerraum des Berliner Ensembles das Rauchen zu gestatten, trüge es doch erheblich zur Konzentrationsfähigkeit bei.
Dass aus all diesem irgendwann ein gewisser Nachahmungstrieb entstand, man sich also wie Thomas Mann, wie Ernest Hemingway oder ihresgleichen fühlte, wenn man mit der Zigarette in der Hand in der Bar saß, wenn man gleich James Dean mit selbiger im Mundwinkel im Cabrio in den Sonnenuntergang fuhr, die Vorgängerformen also des Marlboromans oder des einsamen Wüstenwanderers, der meilenweit für eine Camel Filter zurücklegte, ist durchaus nachvollziehbar, denn kein Charakteristikum haftet der Zigarette mehr an als Sex, Reichtum und Rebellion. 

Man muss nicht zwangsläufig sein, wen man zu geben wünscht, ob man dies nun durch einen besonderen Kleidungsstil, eben die Zigarre, ein besonderes Auto oder was auch immer man sich ans Revers heftet, versinnbildlicht. 

Zugegeben, es macht auch Spaß und nichts liegt mir ferner, als den Stab der Entrüstung über sie, über uns zu brechen.

Welche Bedeutung, bemessen an all dem oben genannten, nun aber dem batterie- oder akkubetriebene Elektronik-Nukkel zukommt, ich habe das Gerät, das vor allem Dampf produziert, der sowohl den Nutzer selbst, als auch die sich in unmittelbarer Nähe zum selben befindenden Personen einhüllt und zwar in einer Intensität, dass es einer Dampflokomotive gleichkommt, nach eigener, eigenes hierfür erdachten Wortschöpfung so genannt, hat sich mir über ein gewisses Amüsement hinaus nicht erschlossen.

Nein, diese Produkt innovativer Nutzbarkeit stellt für mich bestenfalls ein weiteres Element  in der Entwicklungskette der Dinge dar, die eine Kopie dessen sind, was sie ursprünglich waren. Vom Genuss zur Sucht. Von Warnhinweisen auf Tabakprodukten zum Mittel, das der Tabakindustrie an den Warnhinweisen und damit verbundenen rückläufigen Raucherzahlen vorbei mittelfristig die Umsätze sicher und über all dem den Konsumenten in seiner Verführbarkeit einer gewissen Lächerlichkeit preisgibt.


Donnerstag, 11. März 2021

Eine Art von Liebe


Ich bin auf meinem Weg manchen Menschen begegnet, die eine Spur in meinem Leben hinterlassen haben. Manchen habe ich in meinen Geschichten ein persönliches Denkmal gesetzt. So dem, den ich nur als „Ihn“ bezeichnete, der eine besondere Position unter diesen Weggefährten einnahm.

Dem Obdachlosen, der mehr Würde besaß als manch anderer in der Mitte unserer Gesellschaft, dem dieses bittere Los nicht zuteil ist. Aber auch scheinbar unauffälligen Persönlichkeiten wie Kafka, der freilich nicht Kafka hieß. Ich habe ihn so genannt, weil er sich auf sehr besondere Weise von den übrigen Menschen des Ortes, an dem ich ihm immer wieder begegnete, unterschied. Nicht unerwähnt bleiben soll der einsame junge Mann, den ich im Wartezimmer meiner Hausarztpraxis traf, und kurz darauf ein zweites Mal auf einer Parkbank, auf der er, buchstäblich ins Nichts starrend, saß. Wir kamen spontan ins Gespräch, wobei es mehr ein Monolog seinerseits war, und ich erfuhr das Profil eines Lebens.

Aber auch skurrile, zuweilen amüsante Begegnungen gab es, wie die Dame mit dem Hündchen - Tschechow wird mir verzeihen, dass ich mich seines Titels bediene - der Tiere offenbar näherstanden als Menschen. Ich bin ein Geschichtensammler. Ein Sammler von Eindrücken und Emotionen, die diese in mir hinterlassen.

Vor einigen Tagen nun ergänzte sich der Fundus meiner Begegnungen mit für mich besonderen Menschen um eine weitere Episode. Ein liebgewonnenes Ritual meinerseits ist es, früh morgens, etwa zum Zeitpunkt kurz nach Sonnenaufgang, eine Stunde im nahegelegenen Schlosspark spazieren zu gehen. Ich nenne es meine Philosophenrunde. Nicht, dass ich mich als solcher sehe, aber die Atmosphäre, die Stille des Parks, die wenigen Menschen, denen man um diese Zeit begegnet, lassen meine Gedanken fließen. Ich gelange zu mancherlei Erkenntnis, die mir im Getriebe des übrigen Tages vielleicht nicht präsent wäre. Bisweilen führe ich Selbstgespräche, unterhalte mich gedanklich mit einer imaginären Person, rezitiere Gedichte oder kurze Passagen aus der Literatur, die mir spontan in den Sinn kommen und denke darüber nach, ob ich durch dieses Verhalten mittlerweile selbst zu so einer absonderlichen Gestalt avancierte, wie ich sie in meinen Geschichte zu beschreiben suche.

Er stand mir abgewandt am Wegrand, in die aufgehende Sonne blickend. Ein älterer Herr, der weder durch seine Kleidung, noch durch irgendetwas anderes, das ihn ausmachte, auffiel. Er war nicht besonders gepflegt. Unscheinbar sollte man vielleicht sagen. Niemand, der auffiel. Niemand, der auffallen wollte. Vielleicht sind es gerade diese Menschen, die meine Aufmerksamkeit erregen. Die, die sich nicht inszenieren, sei es durch eine besondere Kleidungsstil, sei es durch Gesten und Verhalten. Er stand dort. War einfach nur da. Nichts weiter.

Ich habe es mir zu Gewohnheit gemacht, Blicke, Augenkontakt zu den mir begegnenden Menschen zu suchen. Nicht starr und indiskret, aber auf eine sehr persönliche Weise. Ein „guten Morgen“ im Vorübergehen, ein mildes Lächeln. Mehr nicht. Ich war noch einige Schritte entfernt, als ich beschloss, ihm einen guten Morgen zu wünschen, obwohl, wie gesagt, er mir den Rücken zuwandte.

Ihn erreichend, meinen Gruß an ihn sendend, drehte er sich um, lächelte und erwiderte mit den Worten: „Was für ein wunderbarer Morgen“, die er im weiteren Verlauf dieser flüchtigen Begegnung noch mit einigen Floskeln ergänzte. Ich blieb stehen, antwortete meinerseits auf seine Worte mit eher nichtssagenden Äußerungen, wünschte ihm einen schönen Tag und setzte meinen Weg fort.

Dem Leser mag nichts Besonderes an dieser Szene auffallen, doch meine Gedanken ließen nicht ab von ihr, denn diese kurze, zunächst vielleicht banale Begegnung löste in mir gute Laune aus. Zum besseren Verständnis muss ich ergänzen, dass dieser Tag für mich keinen sehr freudigen Beginn hatte. Der Grund für meine leichte Betrübnis soll hier aber nicht von Bedeutung sein.

Die Begegnung beschäftigte mich noch eine ganze Weile auf meinem Spaziergang. Ich war schon ein erheblichen Stück Weg von ihm entfernt, als ich mich nochmal zu ihm umdrehte. Auch er hatte gemessenen Schrittes seinen Weg fortgesetzt. Schien im Moment, da meine Augen ihn fanden, auch zu mir zu herüberzuschauen.

Ich machte mir keine Gedanken darüber, wer er war, woher er kam oder wohin er gehörte. Nicht über seinen sozialen Status, der, bemisst man diesen an allgemeinen bürgerlichen Maßstäben, nicht sehr hoch zu sein schien. Lediglich darüber, dass mir diese kurze, flüchtige Begegnung ein nachhaltiges Lächeln ins Gesicht zauberte. Eine Begegnung zweier Menschen im Park. Eine Geste der Freundlichkeit. Des einander Sehens zweier Menschen, die nichts weiter verband als die Freude am Augenblick des Sonnenaufgangs.

Ich näherte mich dem Ausgang des Parks, suchte ihn abermals, denn der Park ist um diese Jahreszeit von jeder Position aus in seiner vollen Ausdehnung zu überblicken, doch er war verschwunden. Hat er seinen Weg nicht weiter fortgesetzt? Hat er den kürzeren Weg zum Ausgang genommen...

oder gab es ihn gar nicht. War er nichts als ein Trugbild, das die Sehnsucht des Herzens, die Sehnsucht der Gedanken in mein Bewusstsein projizierte?





Samstag, 12. Dezember 2020

Eine Art Erfahrungsbericht

Irgendjemand hat einmal gesagt, ein Gefühl zu beschreiben ist, als wolle man einem Blinden eine Farbe erklären. 

Es ist Freitagabend, 22:00 Uhr. Seit einer Stunde besteht Ausgangssperre. Eine Maßnahme, die als notwendig erachtet wird angesichts einer seit einem Jahr bestehenden weltweiten Pandemie. Eine Maßnahme, die, bevor sie zu Beginn der Krankheitswelle im Frühjahr dieses Jahres das erste Mal verhängt wurde, zuletzt in Kriegszeiten Anwendung gefunden hat.

Es ist bei Verhängung eines Bußgeldes untersagt, das Haus zu verlassen, es sei denn, man hat einen triftigen Grund.

Der, aus dem heraus ich gewohnheitsgemäß zu dieser Stunde auf die Straße gehe, gilt nicht als solcher.  Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, mir abends, bevor ich meinen Tag beschließe, noch ein wenig die Beine zu vertreten. 

Ich wohne unweit eines weitläufigen Parks, der hierfür ideale Bedingungen bietet. Anderen Menschen begegnet man kaum mehr zu dieser Stunde. Dem ein oder anderen Hundebesitzer bestenfalls. Seit heute jedoch nicht einmal mehr diesen. Es besteht Ausgangssperre. Seit einer Stunde. Anhaltend bis in die frühen Morgenstunden. 

Ich möchte unter keinen Umständen missverstanden werden, wenn ich dieses Thema, das seit Montane kontrovers in den Medien und der Öffentlichkeit diskutiert wird, aufgreife. Ich stelle die Notwenigkeit dieser Maßnahme keinesfalls in Frage. Ebenso liegt es mir fern, irgendwelchen Schwurblern, Querdenkern, Leugnern und Verschwörungstheoretikern, die in all dem einen Angriff auf die verfassungsgemäß verbrieften Freiheitsrechte sehen, in die Hände zu spielen. Ihnen geht es zumeist um die Freiheit uneingeschränkten Amüsements und Konsums. Die Freiheit, selbst darüber zu befinden, ob man sich selbst und schlussendlich seinen Nächsten Schaden zufügt.

Nein, diese Freiheit meine ich nicht. Die Beschneidung dieser Art Freiheit ist nicht Gegenstand dieses Gefühls, das ich hier zu beschreiben versuche.

Es ist das Gefühl des Eingesperrtseins. Das Gefühl, gezwungen zu sein, auf eine Normalität zu verzichten, die man, eben weil sie niemals hinterfragt, respektive in Frage gestellt wird, in uneingeschränkter Weise und zu jeder beliebigen Zeit in Anspruch nehmen kann.  Die Freiheit also, etwas tun zu können, das weder mit den oben genannten Leidenschaften, beispielsweise dem Ausgehen, zu tun hat, noch einen andern Zweck verfolgt als den, das Haus selbst ohne einen nennenswerten Grund damit zu verbinden, zu verlassen. 

Ein Gefühl, zu dem ich selbst bei größter Bemühung keine angemessene Entsprechung finde. Ein Gefühl, dass man vielleicht als Kafkaesk bezeichnen möchte. Die Situation aber in jedem Fall.

Montag, 9. November 2020

Mama, wann ist Weihnachten?

Es ist Donnerstag, der 24. Dezember 2015 irgendwo in Deutschland. Im Hause Engelbrecht herrscht geschäftiges Treiben: Papa holt den frisch geschlagenen Weihnachtsbaum aus dem Garten und sucht im Keller verzweifelt nach dem Christbaumständer. Mama Engelbrecht rumort in der Küche mit Töpfen und Tellern und die 12-jährige Lisa huscht heimlich mit Geschenkpapier und Bändern durchs Haus. Der 5-jährige Hannes hüpft aufgeregt von einem Bein aufs andere und kräht aus voller Seele: “Mama, wann ist denn nun endlich Weihnachten?“ Seine Mutter lächelt ihn an und meint: „Noch nicht, Hannes, da musst du dich schon noch etwas gedulden….“

Geduld? Das versteht er nun so gar nicht, eigentlich ist doch alles so weit: die Adventszeit mit zahlreichen Weihnachtsfeiern im Kindergarten, Turnverein und in der Kirchengemeinde mit Wichtelgeschenken und Plätzchen haben sie erfolgreich überstanden, der Baum steht, in der Küche duftet es schon nach Braten (warum ist der in diesem Jahr eigentlich so groß? Oma und Opa wollten doch bei der Tante feiern….). Nun fehlt doch nichts mehr, oder?

Mürrisch lässt er die Anweisungen seiner Eltern über sich ergehen: „Hannes, kannst du mir mal bitte die roten Weihnachtsservietten aus dem Schrank holen? Hannes, schau mal, dein selbst gebastelter Schneemann hängt noch nicht richtig am Baum……“ Und so weiter……. Endlich ist der Baum fix und fertig geschmückt und der Tisch fürs Abendessen nach dem Krippenspiel in der Kirche festlich gedeckt. So langsam kommt ihm die Sache aber doch etwas komisch vor: schon der Braten war ungewöhnlich groß für die 4-köpfige Familie und nun sind auch noch mehr als die 4 Gedecke auf dem Tisch und Mama und Papa flüstern so komisch: vielleicht kommen Oma und Opa ja doch zu Besuch…… “Mama, ist denn nun endlich Weihnachten?“ „Nein, Hannes, noch ist nicht Weihnachten…..“ Seufzend streift Mama Engelbrecht für einen Moment die Küchenschürze ab und nimmt ihren zappelnden Sohn auf den Schoß: „Kannst du dich noch an die Weihnachtsgeschichte erinnern, mein Kleiner?“ „Ja doch, klar, haben wir ja oft genug im Kindergarten gelesen. Da ist Jesus auf die Welt gekommen…im Stall mit den Eseln.“ „Genau, und siehst du, erst wenn Jesus zu uns kommt und in unsere Herzen einzieht, dann ist Weihnachten.“ Nicht dass sich ein 5-jähriger Knirps mit Gedanken an bevorstehende Lego-Geschenke mit so einer Antwort zufrieden gibt – aber für’s erste gibt er Ruhe.

Nachmittags machen sich dann alle zu Fuß zur Kirche um die Ecke und bestaunen all die verkleideten Kinder aus der Nachbarschaft, die aufgeregt das einstudierte Krippenspiel aufführen. Da entdeckt Hannes in der liebevoll gebastelten Holzkrippe das Jesus-Kind: „Na endlich!“ brüllt er begeistert durch die Kirche, „….jetzt ist Weihnachten!“ Beruhigend flüstert seine Mutter ihm zu: „Nein, mein Schatz, es ist immer noch nicht Weihnachten.“ Jetzt versteht er die Welt nicht mehr und schlurft nach dem Gottesdienst schlecht gelaunt seinen Eltern hinterher nach Hause. Eigentlich hat er nun so gar keine Lust mehr auf den ganzen Weihnachtskram…… es ist ja irgendwie doch nicht Weihnachten……

Zu Hause angekommen findet er den erleuchteten Weihnachtsbaum nun doch sehr spannend und hat inzwischen bei all der Aufregung einen Bärenhunger bekommen. Jetzt könnte doch eigentlich der Braten aufgeschnitten werden - dann gibt es hinterher umso schneller die Geschenke. Plötzlich klingelt es an der Haustür. Besuch? Um die Zeit? Doch Oma und Opa? Aufgeregt hüpft er in den Flur und späht durch die Glaswand der Haustür nach draußen. Nein, stellt er enttäuscht fest, da stehen völlig fremde Leute…..müssen sich wohl an der Tür geirrt haben. Nun machen seine Eltern den Leuten auch noch die Türe auf und begrüßen sie: „Ach wie schön, kommen Sie doch herein…..herzlich willkommen bei uns.“ „Schaut mal, Hannes und Lisa, das ist die Familie Sabia aus Syrien mit ihren Kindern Haifa und Abeer. Sie haben eine ganz lange und gefährliche Reise hinter sich und wir werden heute mit ihnen zusammen Weihnachten feiern.“

„Ach und übrigens, Hannes,“ lächelt Mama Engelbrecht ihren Sohn an; „jetzt ist Weihnachten.“








Sonntag, 4. Oktober 2020

Eine Frage der Gastlichkeit

Dem einen oder anderen Leser meiner Beiträge mag ich als notorischer Nörgler, als Mensch, der sich vordergründig an den negativen Seiten unserer Gesellschaft abarbeitet, erscheinen. Dem aufmerksamem Leser jedoch wird es nicht entgehen, dass meinen Beschreibungen der Verhältnisse oft ein ironischer Unterton zugrunde liegt, wie auch in der folgenden Glosse, in der es um unser Konsumverhalten gehen soll. Als passionierterer Café-Besucher kann ich mit Fug und Recht für mich reklamieren, nie in meinem Leben einen „Coffee-to-go“, ob nun erworben in einem Stehausschank am Rande der Fußgängerzone oder einer der zahllosen Kaffeehausketten, konsumiert zu haben. Dieses Produkt bzw. dessen Verzehr stellt für mich den Inbegriff termingetriebener Rastlosigkeit dar.

Auf dem Weg zur U-Bahn, zu Arbeitsstelle oder im Kaufrausch, in der einen Hand einen Kaffee im formschönen Pappbecher, in der anderen ein Stück Kuchen, in der dritten das Handy am Ohr, sofern man nicht über eine Freisprecheinrichtung nebst „in-ear-Hörern“, jenen technischen Neuerung also, die dem Aufsatz einer elektrischen Zahnbürste gleicht, verfügt. In meinen zeitweiligen philosophischen, gedanklichen Exkursionen habe ich mir einmal die Frage gestellt, wie viel Leben, bemessen an Aktivitäten im Vergleich Vergangenheit zur Gegenwart, wir heute leben? Dies aber, sei nur am Rand bemerkt.

Kommen wir zurück zum eigentlichen Thema, dem Kaffeehaus.Ich hatte noch ein wenig Zeit bis zu meinem Termin. Eine Stunde blieb mir, um genau zu sein. Da eine Filiale der Kaffeehauskette, die den klangvollen Namen des Bootsmanns in Hermann Mellvilles´ Roman „Moby Dick“ trägt, beschloss ich, mich in selbiger niederzulassen. Eine auf den ersten Blick angenehme Atmosphäre, eine Symbiose aus Optik, gedämpfter Geräuschkulisse und dem Duft frischen Kaffees empfing mich. Niemanden, der diese Einrichtungen kennt, wird es fremd sein. Freilich mangelt es an Individualität. Sämtliche Filialen dieser Kette, ob nun in Tokio, New York, London oder einem Außenbezirk von Wattenscheid, gleichen einander wie ein Ei dem anderen, und doch erreichen
sie die Sinne, denn allem, was hier geschieht, liegt ein knallhartes, nach psychologisch werbewirksamen Gesichtspunkten ausgearbeitetes Geschäftskonzept zugrunde, mit möglichst geringem Aufwand einen höchstmöglichen Umsatz zu erzielen. Wir, die Besucher, wissen es, und doch lassen wir uns nur zu gern darauf ein, uns wohlzufühlen, weil man es eben tut. Das Mobiliar teilweise im „Kolonial-Style-Antikleder“, das eine gewisse Patina symbolisiert, gehalten. Die Wandgestaltung in Form von Tapeten, die an eine Bibliothek erinnern. Das Licht gedimmt aus messingfarbenen Kandelabern. Der Fußboden aus Schiffsplankendesign-Plastik-Laminat. Und schließlich das Produkt: Spätestens hier gerät der ungeübte Gast an die Grenzen seiner Belastbar- bzw. Entschlussfreudigkeit.

Mit einem zuckersüßen Lächeln, das kaum Aufschluss gibt über die Erschöpfung der Mitarbeiter durch den immensen Arbeitsdruck, den auszuüben eigens ein Manager in den jeweiligen Filialen eingesetzt wird, werde ich nach meinem Wunsch gefragt.
„Einen Kaffee bitte.“ „Zum hier trinken!“, ergänze ich, überlegend, ob diese Formulierung grammatisch korrekt sei. Verwiesen auf das nahezu unüberschaubare Sortiment werde ich gebeten, meinen Wunsch zu konkretisieren.

„Wir haben: Flat white, Iced Coffee Mocca, Iced Americano, Iced Coffee Latte, Espresso con Panna, Flavored Latte, Mocca Ligth, Frappuccino blended beverage, Java Chip Chocolate Cream …“

Ich kapituliere. So klangvoll die jeweiligen Namen, so ansehnlich ihre optische Erscheinung. Unerklärlich hingegen, warum man so ein künstlerisch anspruchsvoll gestaltetes Produkt in einem undurchsichtigen Pappbecher verschwinden lässt, der bestenfalls noch am Geschmack erkennen lässt, was sich in ihm befindet. Zucker vordergründig, der den Kalorienbedarf eines ganzen Tages abdeckt. Ich beharre weiter auf einer Tasse Filterkaffee, mich unsicher umblickend, ob ich mich mit meinem exotischen Wunsch nicht vollends als „nicht zur Zielgruppe der hier verkehrenden Menschen“ oute. Die Frage, ob „tall, grande oder small!“ (warum eigentlich zweimal englisch, einmal italienisch?) beantworte ich konsequent mit „Klein“ Schließlich ziehe ich mich mit meinem Getränk an einen der freien Tische am Rande des Schauspiels zurück, darüber reflektierend, was hier geschieht. Neben den angebotenen Produkten wird etwas verkauft, das nicht existiert. Das mag in unserer auf Massenkonsum gebürsteten, desensibilisierten Gesellschaft Normalität sein, mich aber erschreckt es. Nicht real ist das Ambiente dieses Cafés. Nicht existent das Gefühl von Gemütlichkeit, die die Plastik-Atmosphäre vermitteln soll. Nicht vorhanden die Qualität eines Produktes zu teilweise völlig überhöhten Preisen, das ausschließlich durch Optik wie durch chemische, künstliche Aromen zum Kauf und Verzehr animiert. Nicht existent ein persönlicher, individueller Service, der sich lediglich darin äußert, dass der Name, des Gastes auf den jeweiligen Becher geschrieben wird, der schließlich, nach 

Fertigstellung der Kreation, durch den Raum geplärrt wird. Es ist alles Fassade, die spätestens an dem Punkt zusammenbricht, an dem man sie hinterfragt. Aber nur allzu willfährig, lassen wir uns verführen von dieser Entmündigung der eigenen Wahrnehmung, des eigenen, persönlichen Geschmacks. Nein, für mich wird ein Café weiterhin ein Ort sein an dem ich mich aufhalte, weil ich genau hier sein will. Weil er mehr ist, als nur das billige Abbild dessen, was vergangen ist. Weil ich mich einlassen möchte auf die Umgebung, unbeeinflusst von Reizüberflutung. Mich einlassen möchte auf Zeitungslektüre und die ein oder andere Tasse Kaffee. Auf das Fühlen von Zeit und nicht die Umtriebigkeit, sie mit möglichst vielen weiteren Aktivitäten anzufüllen. Ein Ort auch des Dialogs, sei es mit mir selbst oder anderen, die, wie ich, hier der Hektik des Alltags, den immer unüberschaubareren Dimensionen des Konsumwahns, entfliehen. 

Samstag, 14. Dezember 2019

Nicht nur zur Weihnachtszeit

Ich habe mich schon immer an ihnen erfreut. An den Straßenmusikern auf öffentlichen Plätzen und Fußgängerzonen. Im rastlosen Getriebensein, überladener, mit Einkaufstüten und Dingen, die der Mensch nicht braucht, bepackter, vorüberhetzender Konsumenten stellen sie für mich eine Besonderheit dar. Ein bisschen Entspannung. Eine Einladung, stehen zu bleiben. Zuzuhören. Pause zu machen. Meist finden sie kaum Beachtung. Vorbeieilende werfen unachtsam ein paar Münzen in das hierfür bereitgestellte Gefäß, wodurch das ganze einen Bettel-Charakter erhält. Stehen bleibt kaum jemand.  Umso aufmerksamer dagegen zwei uniformierten Mitarbeiter des Ordnungsamtes, die, ungeachtet dessen, dass die Musiker ihr Stück unterbrechen müssen, nach deren Legitimation fragen.  Ich erfahre, dass  man sich jeweils am Morgen des betreffenden Tages eine Genehmigung erteilen lassen muss, die dann zum Spielen berechtigt. Dies aber unter der Vorgabe, einmal pro Stunde seinen Standort zu wechseln. Kein Beamter lässt sich gern nach dem „Warum“ fragen. Ich erlaube es mir dennoch, was mir mit einen missmutigen „Wenn so was jeder machen würde“ beantwortet wird.  Im Fortsetzen meines Weges, versuche ich mir dieses Bild vor Augen zu führen: Eine Fußgängerzone, voll von musizierenden, lachenden, tanzenden, das Leben feiernden Menschen. Und das ganze ohne behördliche Genehmigung.  Was für eine grauenhafte Vorstellung!

Dienstag, 26. November 2019

Hamburg, Hauptbahnhof



Hamburg-Hauptbahnhof, 23:30 Uhr,
das sind Horden sturzbetrunkener, nach Bierdunst und Schweiß stinkender, aus buchstäblich voller Kehle grölender, kaum eines verständlich artikulierten Lauts fähiger Fußballfans.
Hamburg-Hauptbahnhof, 23:30 Uhr, 
das sind längst jenseits jedes, nach gesellschaftlichen Maßstäben ermessbaren Standes vegetierende, leeren Blickes aus starren Augen um eine Gabe bittende, vom Rest der durch die Nacht eilenden Passanten bewusst nicht gesehen werdende , Gestalten.
Hamburg-Hauptbahnhof, 23:30 Uhr,
das sind wartende, ihr Bedürfnis nach später Wegzehrung an Stehtischen von Fastfood-Ketten befriedigende, der Verführung durch Wahrnehmung erzwingende Werbeformate, erliegende, ihren Körper mit minderwertiger Billigware, zu sich genommen zwischen überfüllt, stinkenden Mülleimern und schwerst-alkoholisierten, Uringestank exhalierende Schattengestalten der Nacht, malträtierende, Reisende.
Hamburg-Hauptbahnhof, 23.30 Uhr, 
das bin ich, Notizen für diese Geschichte auf dem Deckel eines Müllcontainers abfassend, als Schreibunterlage das Programm der Oper verwendend, deren großformatiger Hochglanzschriftzug STAATSOPER mir zum Gespött der um mich Stehenden gereicht.
Hamburg-Hauptbahnhof, 23:30 Uhr,
das sind in martialischer Körperspannung patrouillierende Polizisten, die längst nicht mehr hinschauen, wenn außerhalb der gekennzeichneten Flächen geraucht, wenn gestohlen, gedealt, gekotzt wird ( gibt es auch hierfür gekennzeichnete Bereiche?)
Hamburg-Hauptbahnhof, 23:30 Uhr, 
das ist der denkbar deutlichste Kontrast zwischen dem Rama-Familien-Idyll, im Dauerbeschuss von großformatigen Videoleinwänden strahlend, und der Kälte der Nacht, die sich in Grad Celsius nicht bemessen lässt.
Hamburg-Hauptbahnhof, 23:30 Uhr, 
das ist der alte Mann fremdländischer Herkunft, minutenlang traurig und desillusioniert  am Fuße der Bahnsteigtreppe verharrend, bis ihm endlich jemand den Arm zur Hilfe reicht.
Hamburg-Hauptbahnhof, 23:30 Uhr, 
das ist der Vater einer vielleicht fünfjährigen Tochter, sein Kind schützend im Arm haltend, nicht wissend, wie er den verstört fragenden Augen des Kindes dies alles erklären soll. 

Mittwoch, 10. Juli 2019

Café des Artistes

Dass der Status "gehobene Gastronomie", sofern sich das betreffende Lokal diesen selbst an Revers heftet, wenig wert ist, bedarf keiner profunden Kenntnis des Szene.
Zweifellos hat es seinen Charme, eingerichtet nach Art französischer Cafés, in dessen Ambiente man meint, Sartre und Beauvoir hätten es gerade verlassen oder würden jeden Augenblick zur Tür hereinkommen.  Auch die Karte lässt wenig zu wünschen übrig, scheint von ausgesuchter Qualität. Lediglich am Service mangelt es, will man von Service überhaupt sprechen.
Es sollte ein besonderer Abend werden, den ich mit meinem Gast in Form eines stilvollen Essens in Café des Artistes, im Thalia Theater in Hamburg, einleiten wollte. Der Abend, an dem sämtliche Theater Hamburgs anlässlich des Spielzeitauftaktes ihr neues Repertoire präsentieren. Zwei Stunden waren es bis zum Beginn des Programms. Zwei Stunden, die wie in entspannter Atmosphäre die Gastlichkeit des Lokals genießen wollten.
Das Wetter erlaubt es, dass wir uns draußen einen Platz suchten. Die Tische waren zu einem Drittel belegt, auf einem weiteren Drittel befanden sich Schilder mit dem Hinweis "reserviert", was nachvollziehbar war, rechnete man angesichts des stattfindenden Events sicher mit entsprechender Gästezahl. Nach einer
Weile, wir warteten  bereits eine gute halbe Stunde auf den Kellner, der uns uns offenbar nicht bemerkte, fiel uns auf, dass jeder weitere Tisch, vom dem sich die Gäste erhoben, mit einem Reserviertschild versehen wurde. Das vermittelte wenig Charakter von Gastlichkeit, man möchte fast sagen, man fühlte sich selbst als störend. Endlich ergabt sich die Möglichkeit, die Aufmerksamkeit des Kellners zu erregen,  in dem ich ihn im Vorbeieilen fragte, ob es möglich sei, Kaffee nebst einer Karaffe Mineralwasser  für meine Begleitung und mich zu bestellen. Nun offenbarte sich das Problem, dem der Betrieb sich offenbar ausgesetzt sah. Man sei personell nicht auf diesen Andrang vorbereitet. Zudem sei es zum Ausfall eines Mitarbeiters gekommen, wodurch mit längeren Wartezeiten zu rechnen sei. Der Kaffee käme so schnell wie möglich, ob es mit dem Wasser klappte, könnte man zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht sagen.  Man wäre jedoch bemüht, unserem Wunsch so zügig wie möglich zu entsprechen. Der besagte Andrang äußerte sich zu diesem Zeitpunkt gerade mal in 7 oder 8 besetzen Tischen, die von zwei Mitarbeitern zu versorgen waren.  Keine 20 Minuten später wurde dann zwar kein Kaffee, sondern statt dessen ein Cappuccino und ein Latte Macchiato serviert. Eine Reklamation ersparte ich uns wie auch dem Kellner, hätte dies den Rahmen der Möglichkeiten womöglich völlig gesprengt.

Beim Kaffee aber sollte es nicht bleiben. Die Kuchenvitrine wies manche Appetitlichkeit auf, worauf wird uns entschlossen, einen erneuten Versuch zu unternehmen eine
Bestellung durchzusetzen. Kuchen würde es schon geben, so die Äußerung des verzweifelteren Kellners, jedoch mangelte es jetzt an Tellern und Besteck, selbigen zu servieren.

Ich will den Grund dieses offensichtlichen Chaos nicht auf mögliches Unvermögen des Personals abwälzen. Im Gegenteil, ab einem gewissen Zeitpunkt fanden wir die stete Bemühung, jeden weiteren Tisch durch entsprechen Beschilderung vor hungrigen Gästen zu blockieren, wie auch die hilflosen Erklärungsversuche gegenüber Gästen, die sich von den Schildern wenig beeindrucken ließen, unterhaltsam. Es war, wie gesagt, der Spielzeitauftakt der Hamburger Theater und wir beschlossen, dies als humoresken Teil des Unterhatungsprogamms zu betrachten. Als wir nach 1,5 Stunden, nach Genuss des Kaffees, den wir nicht bestellt hatten, nach Verzehr des Kuchens, für den sich irgendwann schließlich doch noch Teller und Gabel fanden, das Café verließen,  stellten wir fest, dass dessen Defizite auch in kassentechnischer Hinsicht bestanden. Den Kuchen überließ man uns, sicher ungewollt, kostenfrei, was zu reklamieren mir am Ende doch die Einsicht fehlte. 

Montag, 8. Juli 2019

Mein Hausarzt gibt kein Pfötchen mehr.


Aus Gründen der Hygiene, zu unserer und Ihrer Sicherheit, heißt es in der ausführlichen Erklärung im Eingangsreich der Praxis. Ich bin 57 Jahre alt. Denke darüber nach, welch unkontrollierten Angriffen durch Bakterien und Bazillen, übertragen durch Händeschütteln oder gar noch näheren Körperkontakt, ich in meinem Leben ausgesetzt war. Ich möchte den Gedanken gar nicht zuende denken.
Nein, ich werde mich dieser Geste auch in Zukunft nicht verweigern. Ich werde meine Freunde auch weiterhin umarmen, weniger nahestehenden Personen die Hand zum Gruß reichen, meine Frau küssen, ohne mir von den genannten Personen vorab ein behördliches Gesundheitszeugnis ausstellen zu lassen.

Sonntag, 7. Juli 2019

Auf den Hund gekommen.


Menschen eines gewissen Alters, im Besonderen mag dies auf Frauen jenseits der Vollendung des 55. Lebensjahres, weiter zugeordnet der Kategorie der Alleinstehenden, also Singlefrauen, zutreffen, scheinen eine gewisse Affinität für Hunde zu entwickeln. Das Alter traf sicher auf sie zu, der soziale Status der Singles ließ sich auf den ersten Blick nicht erkennen, obschon ihre Art, sich zu gebärden, 
ihre Art, sich zu kleiden, also im klassischen Hellblau/ beige, in Form eines hellblauen Herrenoberhemdes mit darüber befindlicher beigefarbener  Baumwollweste, ergänzt durch ein modisches Basecap, Rückschlüsse darauf zuließ. Eindeutig hingegen war ihre eingangs erwähnte Leidenschaft für unsere vierbeinigen Freunde. An der Leine eines ihr entgegenkommenden Passanten befand sich das Objekt ihrer Begierde. Die Rasse des Tiers blieb mir unbekannt, sie jedoch, kenntnisreich, unterbrach ihren forschen Gang, beugte sich ungefragt zu dem Tier hinunter, musterte es ausdrucksvoll und wortreich, das Tier in direkter Form ansprechend, in dem sie, nahezu in Entzücken verfallen, das herrlich glänzende Fell, die ausgeprägte Rute, die Ohren, die Augen, den Gang analysierte und bewertete und jedes dieser Attribute mit einem seufzenden Ach garnierte.
Die Person am anderen Ende der Leine fand kaum ihre Aufmerksamkeit, woraus zu schließen war, dass sie diese gar nicht bemerkte. Als sie endlich abließ von dem Tier, ihren zuvor unterbrochenen Weg wieder aufnahm, bemerkte sie mich als stillen Beobachter dieser Szene, der wirklich unbewusst einen analytischen Blick über ihre optischen Merkmale schweifen ließ, was sie mit einem deutlich abfälligen und missbilligenden Kopfschütteln honorierte.

Samstag, 6. Juli 2019

Gedanken eines Kaffeehaus Gastes

Im Alter von knapp 57 Jahren, angesichts auch des Umstandes, dass er, der Tod, um den es hier gehen soll, bereits den ein oder anderen Weggefährten ereilt hat, mache ich mir doch immer mal wieder Gedanken über meine persönlich bevorzugte Weise ihn zu empfangen. Freilich hoffe ich, dass er es denn nicht allzu eilig hat im Bestreben meiner Gesellschaft. Wenn es sich dann aber doch nicht mehr vermeiden lässt, würde ich ihn gern im Kaffeehaus, nach reichlichem Konsum jenes schwarzen Gebräus, nachdem diese Institution benannt ist, und dem ich zu Lebzeiten so zugetan war, empfangen.

Auch das Theater, dem, ich kann es so sagen, zweitliebsten Aufenthaltsort meines irdischen Daseins, hielt ich für geeignet, die Bühne des Diesseits zu verlassen. Hinzukommt, dass diese Variante meinem Hang zur Dramatik doch sehr in die Hände spielt. Vielleicht auch der Befriedigung einer gewisses Eitelkeit, auf diese Weise doch noch in die Feuilletons der Tagespresse zu gelangen, deren Lektüre eine weitere Leidenschaft meines Lebens darstellte.

Die denkbar unangemessenste Weise meines Dahinscheidens bestünde allerdings in der zwangsweisen Ergebenheit pflegender Hände in einem sterilen Krankenzimmer, unmittelbar gefolgt vom Tod, der sich während oder nach Verrichtung körperlichen Anstrengung, also unmittelbar im Schlaf, also im Zustande der Erschöpfung durch getane Arbeit, einstellte.

Was bleibt mir also übrig, verbleibende Lebenszeit auch weiterhin in gewohnter Nichtbeschäftigung im Kaffeehaus zuzubringen, um größtmöglichen dramaturgischen Einfluss auf diesen letzten Akt ausüben zu können




Mittwoch, 1. Mai 2019

...


Ich weiß nicht, ob es mir noch gelingt, den Eindruck, der sich mir seit einer halben Stunde bereits offenbart, stimmungsgetreu wiederzugeben, nachdem ich mich nun selbst aus dieser Szene entfernt habe, um beim Kellner dieses Cafés einen Stift zu erbitten. Dieser Szene, der auch ich in gewisser Weise, sozusagen als beteiligter Beobachter, angehöre.
Die zweite am Geschehen beteiligte Person sitzt am Nachbartisch. Am Nachbartisch des Cafés, das sich in unmittelbarer Nähe des Bühneneingangs zum Theater befindet.
In Ermangelung eines Notizbuches oder auch nur eines Bogen Papiers, aber mit dem unbedingten Wunsch, diesen Eindruck festzuhalten, versehe ich meine Notiz auf den leeren letzten Seiten eines soeben in einem Antiquariat erworbenen Buches von Max Frisch. Er, um den es hier geht, scheint Musiker. Vermutlich einem Orchester, dem Orchester des Staatstheaters, zugehörig. Er ist starker Raucher. Ist Kaffeetrinker. Durch alles, was ihn ausmacht, nimmt er sich aus von den übrigen Gästen, den vorbei eilenden Passanten. Seine Kleidung. Seine Gebärden. Seine Physiognomie, wenn auch der zuletzt genannte Punkt, in dem ich einen Unterschied zu allen anderen Menschen vermute, eher meiner Einbildungskraft geschuldet scheint. Vor ihm auf dem Tisch eine Partitur. Ein Orchesterstück. Eine Oper … in der er vertieft, kaum etwas um sich herum wahrnehmend, blättert. Er hört, was er liest. So scheint es. In seinen Gesichtszügen, den Bewegungen seiner Lippen, seiner Hände, die die Schwingungen der Musik in seinem Geist wiedergeben, meine ich die Verbindung zu erkennen, die den Dirigenten mit dem Klangkörper, dem Orchester, zu einer Einheit verschmelzen lässt. Es scheint diese Art der Wahrnehmung zu sein, die selbst ein gehörloser Mensch in Gegenwart von Musik erfährt.
All das stellt für mich in diesem Moment den denkbar deutlichsten Kontrast zu allem dar, was sich außerhalb dieses Bildes bewegt. Dem Lärm der Straße, dem Getriebe, dem Stimmengewirr. Eine Harmonie zur Dissonanz des Alltags, die letztlich doch jedwedes Geräusch der Umgebung zu einer Symphonie verschmelzen lässt.

Montag, 1. April 2019

Verweile doch...

Ich kenne ihn gar nicht. Habe ihn nie gesprochen, geschweige denn, mit ihm telefoniert oder gar getroffen. Sie hat den Kontakt zwischen uns hergestellt. Tat es auf meine Bitte hin. Ich brauchte jemanden, der mich berät in dieser unsäglichen Geschichte, um die es hier aber gar nicht gehen soll.
Jeder Kontakt zu ihm fand über sie statt. Eines Formulars bedurfte es, das mir per Mail zuging. Das ich, versehen mit meiner Unterschrift, zurücksenden möge. Und an dieser Stelle beginnt es. 
Das erste, was ich von ihm hörte, wiederum von ihr, aus seinem Mund an mich gerichtet: „Wer unterschreibt denn noch auf diese Weise? Das tun doch bestenfalls Menschen, die mit Füllfederhalter schreiben. Statt einer flüchtig dahin gekritzelten Signatur den vollständigen Namen.“ Ich nahm es als Kompliment, das ich gleichermaßen erwiderte, ob seiner Wahrnehmung, dies zu erkennen.

Wenn ich lese, dass die Handschrift oder überhaupt die Fähigkeit schön zu schreiben, die zu meiner Schulzeit sogar noch im Zeugnis Bewertung fand, immer mehr versandet, weil das Gefühl, einen Stift in der Hand zu führen, weil das Kratzen einer Feder auf dem Papier immer mehr ersetzt wird durch das seelenloses Geklapper einer Coumputertastatur. Buchstaben, aus einem elektronischen Impuls heraus auf einem flimmernden Monitor erscheinen, statt im Fluss eines individuellen Schriftbildes, das vielleicht die Charakteristik des Schreibenden abbildet, dann weiß ich, warum ich mir diesen schrulligen Anachronismus leiste.
Ich sehe mich wahrlich nicht als Fortschrittsverweigerer, der jeder Neuerung kritisch bis ablehnend gegenübersteht. Aber angesichts der immer rasenderen Geschwindigkeit des rotierenden Rades der Zeit, angesicht der immer mehr der Bedeutungslosigkeit anheim fallenden Traditionen, worunter auch und im Besonderen der handschriftlich verfasste Brief fällt. Angesichts auch der ungeheureren Geschwindigkeit, mit der das Wort an Gültigkeit verliert, weil Berichte, Meldungen etc. bereits im Verfassen an Aktualität verlieren , setzt dieses Gewohnheit für mich selbst ein Zeichen, im Augenblick zu verweilen.

So wie für diesen Moment, da ich in meinem Café sitze, auf der Rückseite eines Werbeprospekts, inspiriert durch das Getriebe meiner Umgebung diese Gedanken niederschreibe, nichts tue, außer im besten Sinne des Wortes wahrzunehmen, um irgendwann schließlich zu Hause, mittels Computerprogramm niederzuschreiben, was dem Innersten meines Seins entspricht.


Virenfrei. www.avast.com

Samstag, 5. Januar 2019

War einer, der tanzte



Es war im Zug zwischen hier und irgendwo. Was spielt der Ort für eine Rolle? Reisende, hektisches Getriebe, Gepäck, das sanfte Stakkato rhythmischer Geräusche über Stahl gleitender Fahrwerke. Gibt es das noch? Das Geräusch aus Kindertagen, wenn wir mit den Eltern in den Odenwald fuhren? Der Nachtzug. Sechser Abteil. Die Eltern und ich. Drei weitere, fremde Personen auf engstem Raum. Die Sitze wurden zur Schlafenszeit zusammengeschoben. Wie die Ölsardinen lag man Körper an Körper mit Menschen, deren Namen man nicht einmal kannte. Besagter Rhythmus begleitete den bald einsetzenden Schlaf.
Reisen heute ist anders. Ratio bestimmt das Geschehen. Schnelligkeit. Damals wie heute zusammengedrängt in Großabteilwagons. Hat man einen Platz gefunden, wird eiligst der Nachbarsitz mit Gepäckstücken blockiert. Man möchte ungestört, möchte allein sitzen. Keine überflüssige Nähe, schon gar keinen Blickkontakt oder gar eine ungewollte Unterhaltung. Was interessiert es, wenn im Bereich zwischen den Wagons Menschen auf dem Fussboden sitzen müssen? Die Wagons erster Klasse sind nahezu leer. Die wenigen Plätze im Bordrestaurant okkupiert von Kaffeetrinkenden Menschen, die sich an drittklassiger Bewirtung, an drittklassiger Qualität der Produkte erquicken. Anonymität, dienstlich verordnete Freundlichkeit des Personals, auf zweihundertfünfzig Meter ICE.
Im Bereich zwischen den Wagons, dort wo man sich drängt und schiebt, obschon der Bahnhof noch nicht erreicht, stand dieser junge Mann. Ein Schwarzer, der sich nicht nur durch seine Hauptfarbe von den übrigen Reisenden unterschied. Sein Haar kunstvoll zu Dreadlocks drapiert, seine Kleidung bequem, bunt. Auf den Ohren trug er Kopfhörer. Er hörte Musik. Er bewegte sich im Rhythmus der Musik. Wie in Trance wog er seine Arme, seine Beine, seine Hüften in einer Geschmeidigkeit, wie sie vielleicht nur Menschen seiner Herkunft zu Eigen ist. Ein Klischee? Zeitweilig legte er seine Hände in den Nacken, schloss die Augen, sang leise einen unverständlichen Text. War eins mit der Musik aus einem elektronischen Gerät, das mit einem Kabel mit einem anderen Gerät verbunden, auf seinen Ohren sitzend unmittelbar all seine Sinne stimulierte.
Reisende, die vorbei huschten, nahmen ihn kaum wahr. Mit der Ankündigung des nächsten Halts verdichtete sich die Frequenz derer, die sich ihrem Ziel näherten. Sie sahen ihn tanzen. Er sah niemanden. In seinen Bewegungen umtanze er sie ohne ihnen jedoch zu nahe zu kommen. Wie ein sanfter Wind bewegte er sich. Hätte man die Augen geschlossen, man hätte nichts von seiner Gegenwart wahrgenommen. Mancher fixierte ihn mit Blicken, hier und da ein Lächeln. Das Lachen eines Kindes. Zumeist aber wand man sich ab, ähnlich wie im Zuschauerraum eines Theater, wenn das Geschehen auf der Bühne das Publikum zum Mitmachen animiert. Man schaute hier und dort hin. Wenn ich nicht sehe, werde ich nicht gesehen. Nur nicht auffallen, nur keinen Blickkontakt, dann gerate ich nicht in die Verlegenheit mitzumachen.
Zuweilen tanze er auf der Stelle. Auf den Lippen ein ewiges Lachen. Man konnte ihn nicht übersehen und doch sah man ihn nicht. Niemand empörte, niemand echauffierte sich. Fand sein Verhalten unangemessen. Allein das wäre zumindest eine Reaktion gewesen. War ich der einzige, der ihn sah? Existierte er gar nicht? War dies der Grund, warum man nicht spontan mitmachte? Warum man sich nicht inspirieren, mitreißen, vereinnahmen ließ von der Musik, die, zwar kaum wahrnehmbar aber noch hörbar, aus den Kopfhörern floss? Ein Zug voller Menschen. Fremde Menschen. Zusammengedrängt auf engsten Raum. Tanzend, singend, das Leben feiernd. Wie dieser Junge.
Niemand tanze, niemand sang, niemand feierte das Leben. Niemand sah ihn.
Der Zug fuhr in den Bahnhof ein, die Menschen quollen auf den Bahnsteig. Auch der junge Mann. Gepäck trug er nicht bei sich. Zügigen Schrittes bewegte er sich Richtung Ausgang. Ich sandte ihm meinen Blick hinterher, bis meine Augen ihn verloren.
Es ist zu wenig Musik in der Welt.
Zu wenig Menschlichkeit.
Zu wenig Liebe.

Samstag, 3. November 2018



Heute früh in der Buchhandlung“ Thalia“

Ich wollte einen Gedichtband von Rainer Maria Rilke erwerben. Fragend, ob Exemplare vorrätig seien, trat ich an den Verkäufer heran. Dessen Antwort, begleitet von einem alles sagenden Gesichtsausdruck und abwertend gestikulierenden Armbewegungen, lautete: „Sowas haben wir nicht“



Unlängst in einer anderen Buchhandlung:


Eine Damen mittleren Alters betritt die Buchhandlung. Fragend nach einem Buch von Friedrich Dürrenmatt“ „Besuch der alten Tante, oder so...“ wendet Sie sich an das Fachpersonal, ihren Wunsch nach dem erwähnten Werk weiter ausführend.Die Tochter würde das Buch für den Deutschunterricht benötigen. Vielleicht gäbe es ja auch eine inhaltliche Zusammenfassung oder eine Kurzform des Werkes, denn das ganze Buch wolle man schließlich nicht lesen.

Mittwoch, 12. September 2018

Das Wort


Es hatte mal gehört, dass die Menschen durchschnittlich 12.000 Worte am Tag sprachen. Keine sehr große Zahl, bemessen daran, wie viele hunderttausende in diesem Buch, in dem sie alle angeordnet nach Alphabet, untereinander aufgeführt in schwarzer Schrift auf weißen Seiten, geschrieben standen. Jedes für sich allein, mit seiner jeweiligen Bedeutung, jedes mit einem Hinweis auf Herkunft und Verwandtschaft versehen. Hier warteten sie geduldig auf ihre Verwendung. Träumten davon, der Teil eines bedeutenden Textes oder eines Buches zu werden. Vielleicht auch einer Rede oder eines anderen Schriftstücks. Manche, die Akademiker unter ihnen, fanden Verwendung in Gesetzestexten oder Verordnungen. Andere wiederum in geschäftlicher Korrespondenz, in Rechnungen, Gebrauchsanweisungen oder worin auch immer. Unser Wort, also das, von dem ich erzählen möchte, schien nicht wichtig. Vielmehr meinte man, es hätte im Laufe der Zeit immer mehr an Bedeutung verloren. Es gab Glanzzeiten in denen es in den Werken großer Schriftteller und Poeten Verwendung fand. Es fand sich in Liedern und Balladen, in Märchen und Erzählungen. Das war es, wovon es träumte. Einmal wieder der Teil eines Vers oder eines Gedichtes zu sein. Einmal etwas Großes zu beschreiben oder lieber noch, einem Menschen, dem dieses Gedicht galt, Freude zu bereiten. Mit den Gedanken hieran schlief es ein zwischen den Seiten des großen Buches.
Eines Tages aber geschah etwas, das unserem Wort seinen Traum erfüllen sollte. Ein junger Mann, er unterschied sich durch seine Hautfarbe, durch sein Gesicht, seine Kleidung, eigentlich durch alles, das ihn ausmachte, von den üblichen Besuchern der Bibliothek, nahm das Wörterbuch aus dem Regal. Es war nichts Ungewöhnliches hieran, obwohl seine Sprache nichts mit der unseres Wortes gemein hatte. Im Umblättern der Seiten näherte er sich den Worten des Anfangsbuchstaben „L“. Sein Finger fuhr die Spalten hinunter und tatsächlich, bei unserem kleinen Wort, es umfasste lediglich fünf Buchstaben, verweilte er. Es ergab sich, das dieser junge Mann, er stammte aus einem fernen Land, seinem Mädchen einen Brief schreiben wollte. Zu diesem Zwecke benötige er die Übersetzung des Wortes, das in allen Sprachen der Welt dieselbe Bedeutung hatte. Es war das Wort „Liebe“ - er notierte es eiligst auf einem Fetzen Papier den er aus seiner Jackentasche zog und verließ die Bibliothek mit dem Wort, dass so lange auf diesen Moment gewartet hatte.






Montag, 3. September 2018

"Menschen" Die Sache mit "Ihm"



Es gibt Menschen in unserer Mitte, die nimmt man erst wahr, wenn sie nicht sichtbar sind. Sie fügen sich wie selbstverständlich in eine Szene, in ein Bild ein, das zur Normalität wird. Man erachtet es als selbstverständlich. Sie sind untrennbar mit dieser Impression verbunden. Wirklich wahrnehmen aber tut man sie erst, wenn eine Veränderung stattgefunden hat. Wenn sie nicht da sind, wo sie bisher ihren angestammten Platz hatten. So möchte ich hier die Geschichte von „ihm“ erzählen. Ich kenne nicht seinen Namen. Vom Zeitpunkt an, als sich das hier Beschriebene zugetragen hat, sprach ich nur von „ihm“, wenn ich ihn erwähnte.
Das Café, in dem ich ihm das erste Mal begegnete, war kein besonderes seiner Gattung. Es war eines der Art, die mehr als Aufenthaltsort, mehr als Treffpunkt mehr oder weniger interessanter Menschen oder solcher, die sich dafür hielten, diente, statt den Konsumtempeln zu gleichen, in denen man unablässig in Fünf-Minuten-Intervallen zum Verzehr genötigt wird. Das Kant Café, war eine Institution. Ein Ort der Kommunikation, des Austausches. Ein Ort, wie es der Großstadtflaneur Franz Hessel in den 1920er Jahren einmal beschrieb, an dem Menschen sichtbar werden.
Hier saß er an seinem Platz. Einen Einzeltisch am Fenster. Vor ihm eine Tasse Kaffee, ein Glas Wasser und unzählige, dicht beschriebene Notizblöcke in Gestalt derer, die vor der elektronischen Datenerfassung und Verarbeitung der jeweiligen Bestellungen, der Aufnahme derselben dienten. Täglich besuchte ich dieses Cafe auf meinem Weg. Meist nur für einen Augenblick. Nicht länger, als in ihm einen Espresso zu trinken, um meinen Weg dann fortzusetzen. Die Tageszeit freilich, wann ich mich als Gast hier einfand, variierte. Er jedoch, war immer da. Er war früh, wenn das Cafe öffnete, der erste sowieso abends, wenn die Türen sich schlossen, der letzte Gast, der den Ort verließ.
Meist fand ich meinen Tisch in einiger Entfernung zu ihm, nahm eine Zeitung vom Ständer, breitete sie aus. Konzentriertes Lesen aber sollte mir nicht gelingen. Immer wieder zog er meinen Blick auf sich, ohne dass er ihn jemals erwiderte. Es war die Atmosphäre, die um ihn herum entstand. Es war seine Erscheinung und jedes Detail, das sie ausmachte. Er faszinierte mich. Er wirkte weltmännisch, souverän, ohne dass seine Kleidung, er trug ausnahmslos eine schwarze Hose und ein schwarzes Hemd, Aufschluss über einen gehobenen gesellschaftlichen Status gab. Er wirkte gebildet, aber in einer anderen Welt lebend. Physisch anwesend, doch mental nicht erfassbar.

Nicht selten beobachtete ich die übrigen Gäste, insbesondere die, die sich in unmittelbarer Nähe zu seinem Tisch befanden. Unter ihnen mancher, der sich wie ich täglich zum Kaffee einfand. Auch sie mussten ihn kennen. Auch sie wussten um den Umstand, dass er immer da war. Wie gern hätte ich aus zufällig aufgeschnappten Gesprächsfragmenten anderer Gäste Aufschluss erfahren über seine Existenz. Über sein Geheimnis, das mir im Laufe der Zeit immer absonderlicher erschien. Ihn anzusprechen, ihn auf einen Kaffee oder eine Zigarette einzuladen, wie ich es mir insgeheim oft vorstellte, kam mir bald nicht mehr in den Sinn.
Vier Jahre waren es, in denen mir die tägliche Einkehr in dieses Café zum Ritual wurde. Vier Jahre, in dem ich ihm Tag für Tag begegnete, ohne es wirklich zu tun.

Nach einer Weile nahm ich eine Veränderung an ihm war. Zwar wirkte er nach wie vor gepflegt. Das schlohweiße, dichte, Haar perfekt frisiert. Der weiße Vollbart gestutzt. Die schwarze Hornbrille ... Ja, die schwarze Hornbrille war das erste, an der es mir auffiel. Eines der Gläser hatte einen Sprung. Ein Bügel war notdürftig mit Klebeband fixiert. Wenn ich ihn morgens kommen sah, trug er zwei Einkaufstüten bei sich. Was sie beinhalteten erschloss sich mir freilich nicht. Den Gedanken, es könnte sich bei ihm um einen schlichten Obdachlosen handeln, verwarft ich, denn Schuhe, Mantel und übrige Kleidung, das gesamte Erscheinungsbild dieses Mannes, die schon erwähnte Atmosphäre, die seine Gegenwart schaffte, entsprachen nicht dem Bild eines Menschen, der ein Dasein am Rande der Gesellschaft fristete.

Eines Tages kam er nicht mehr. Keinem weiteren Gast schien dies aufzufallen. Ich besuchte das Cafe nun mehrmals am Tag. Wartete auf ihn. Aber er blieb aus. Tage und Wochen vergingen, ohne dass er zurückkam. Sein Platz am Fenster, an dem er saß, schrieb, dachte ... blieb verweist, wenn nicht andere Gäste an ihm Platz nahmen. Wenn er leer stand, sah ich ihn im Geiste. Ich bereute, ihn nie angesprochen, nie das Gespräch mit ihm gesucht zu haben.

Es war ein Herbstabend, als ich ziellos die Straßen entlanglief, wie ich es heute noch gern tue. Ich suche nach Blicken, denen ich ein Lächeln schenke, das oft spontan erwidert wird. Ich setze mich in ein Straßencafe am Rande des Geschehens und lasse das Treiben an mir vorüberziehen. Analysierend, philosophierend, nehme ich meine Umgebung in mich auf. An so einem Abend sah ich ihn. Er saß an einem Café-Tisch im vertrauten Stil angetan, jedoch ohne diesen klugen weltmännischen Blick. Ohne einen Schein all dessen, was mich so faszinierte an ihm. Die Ellenbogen auf die Knie gestützt saß er dort, traumverloren in sich versunken. Ich ging vorbei, besann mich aber und fasste endlich den Mut, ihn anzusprechen. „Haben sie ein neues Stammcafé gefunden“, fragte ich ihn, wissend, wie banal diese Frage anmuten musste. Was hierauf geschah, gab den Anlass zu dieser Geschichte. Er nahm meine Hände, umfasste sie mit festem Griff, seine waren eiskalt, er zog mich leicht zu sich hinunter, sah mich an mit einem Blick, dem ich endlose Sekunde standhielt und sprach kein einziges Wort. Niemals in meinem Leben habe ich derart sprechende Augen gesehen wie in diesen Sekunden. Was sie aber sprachen, erschloss sich mir nicht. Wie paralysiert setzte ich meinen Weg fort, nachdem seine Hände sich von meinen gelöst hatten. Das war die letzte Begegnung mit ihm. Ich habe ihn nie mehr gesehen. Das Rätselhafte dieser Begegnung aber, auf das ich vielleicht eines Tages eine Antwort finden werde, trage ich für immer in meinem Herzen.

Monatelang mied ich das Kant-Cafe. Zwar blickte ich im Vorübergehen manchmal durch die Scheibe, ob ich ihn wieder dort sitzen sah. Auch hoffte ich, ihn hier und da im Getriebe der Straßen auszumachen. Er aber blieb verschwunden. Als ich das Cafe schließlich wieder betrat, sprach ich, eher beiläufig und ohne besonderes Interesse zu signalisieren, eine Bedienung an, ob sie etwas über den Verbleib dieses Mannes wusste. „Unser Hausgeist“, gab sie zur Antwort. Nein – von einem auf den anderen Tag kam er nicht mehr. Und – nein – auch sie kannte ihn nicht, was wohl auch für das übrige Personal galt. Abends, so fuhr sie fort, wenn die Mitarbeiter noch einen Moment zusammen saßen, setzte er sich dazu, rezitierte Gedichte, Passagen aus den Klassiker des Theaters etc. Dann brach er auf in die Nacht, um am darauffolgenden Morgen wieder pünktlich vor der Tür zu stehen. Woher er aber kam, wohin er ging und wer er war, blieb jedem verschlossen.

Dieses Erlebnis liegt heute etwa acht Jahre zurück. Kaum ein Tag vergeht, da ich nicht daran denke, wer er war und ob er überhaupt war. Kaum ein Tag, an dem ich mich nicht daran machen wollte, die Geschichte aufzuschreiben. Ich scheute mich, es zu tun. Ich wollte sie im Gedächtnis, im Herzen bewahren, ohne ihr etwas Physisches zu geben. Schließlich tat ich es doch und in einer weiteren Besonderheit, die ich abschließend erwähnen möchte, findet sie schließlich ihr Ende.

Ich habe das Kant Cafe nie mehr aufgesucht. Ich habe die Stadt verlassen und sie nur hin und wieder besucht um alte Pfade mit neuem Blick zu erfassen. Auch am Cafe führte mich dieser Weg vorbei und auch lenkte ich meinen Blick zu jenem Tisch, der leer auf etwas zu warten schien, das nicht geschehen konnte. Als ich mich vor einigen Wochen nun daran machte, erste Notizen zu verfassen, suchte ich im Internet nach Informationen über das Café. Was ich erfuhr war, dass es just an diesem Tag, an dem ich die ersten Worte schrieb, seine Türen für immer geschlossen hatte.

Ich suche ihn noch heute. Nicht nur, wenn ich mich in Berlin aufhalte. Ich fand sein Pendant an vielen Orten in den außergewöhnlichsten Erscheinungen die sich durch ihre Besonderheiten von der Masse abhoben. Eigenschaften aber auch, die sie für viele unsichtbar machten.