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Sonntag, 28. Juli 2024

"Wer zählt die Völker, nennt die Namen..." (Schiller)

Es geht längst hinaus über den antiken olympischen Geist. Längst ist es zu einem überdimensionierten Medienspektakel, einem Politikum, einem kommerziellen Ereignis ohnegleichen entartet.

Doch über all dem ist es vielleicht doch noch das, was den Olympischen Spielen der Antike zugrunde lag, nämlich: „Alle Völker in friedlichem Wettstreit zusammenzuführen.“ Oder wie es der Präsident des Organisationskomitees der Olympischen Spiele von Paris – Tony Estanguet - formulierte: „Es gibt einen Ort, an dem alle Nationen und Religionen der Welt friedlich zusammen sind: Olympia.“ Und um es abzurunden, die Worte des Begründers der Olympischen Spiele der Neuzeit, Pierre de Coubertin: „Das Wichtigste an den Olympischen Spielen ist nicht der Sieg, sondern die Teilnahme, wie auch das Wichtigste im Leben nicht der Sieg, sondern das Streben nach einem Ziel ist.“

Dem entgegen steht ein anders Bild. Das Bild, das uns 45.000 Polizisten und 10.000 Soldaten vermitteln, die die Stadt zu einer Festung ausbauten. Ist dies noch verhältnismäßig? Vermittelt wird das Bild einer allgegenwärtigen Bedrohung. Ist diese wirklich gegeben? Schürt dieses Aufgebot martialischer Sicherheitskräfte derartiger Dimension allein nicht Hass, Gewaltbereitschaft und Ausgrenzung? Tatsächlich leben wir in dieser omnipräsenten Bedrohungssituation. Kriege in Europa, dem Nahen Osten. Iran, Palästina, Israel. Sie überschatten unser tägliches Leben. Unseren Alltag. Und schlussendlich auch die Olympischen Spiele.

Und doch kann und will ich nicht glauben, dass die Antwort, die man auf diese Bedrohung gibt, die Lösung beinhaltet bzw. der Situation zuträglich ist. An die 210 Staaten umfasst das Gefüge der Welt. Rund 30 Staaten befinden sich laut Gutachten der Hamburger Arbeitsgemeinschaft für Konfliktursachenforschung anhaltend im Kriegszustand. Die Zahl der an den Spielen teilnehmenden Nationen umfasst etwa denselben Wert. 204 Nationen kämpfen gegeneinander. Kämpfen um Siege, um Medaillen. Und überdies leben sie in friedlicher Gemeinschaft Seite an Seite. Bilden eine Einheit im Sinn dessen, was ich anfangs zitierte.

Es ist der Geist Coubertins. Es ist die Vision Martin Luther Kings, der die Völker der Welt zusammen an einem Tisch sitzen sah. Es ist die Botschaft Mahatma Gandhis und seiner „Konzeption des gewaltlosen Widerstands“, die am Ende ans Ziel führt. Und es ist die unbedingte Aufgabe der Generationen, der Völker, dies über die Zeit der Olympischen Spiele hinaus in die Welt zu tragen. Wir können es als Menschheit nur gemeinsam schaffen, sagt der Philosoph Erich Fromm. Nur wenn wir beginnen, uns als Welt- und Wertegemeinschaft zu verstehen. Nur im globalen Denken, das sich weder an Ethnien, an Ideologien noch an Staatsgrenzen bricht, und dies unter Einbeziehung aller Faktoren, also nicht nur im Sinne wirtschaftlicher Interessen, kann es funktionieren.

Nicht die Ideologen, die Demagogen, nicht die Spötter unter den Lesern dieses Beitrags werden recht behalten. Ihrer halsstarrigen Phrasen bedarf es nicht. Es bedarf der Ideale, der Visionen und der Träume von Menschen wie

den angeführten. Und es bedarf des Mutes jedes Einzelnen, für diese einzustehen. Vielleicht sogar ein Stück weit der Unbekümmertheit und Naivität eines kindlichen Verstandes, der noch nicht unterscheidet nach Status, Herkunft und Religion. Besonders aber bedarf es der Vernunft und des Verstandes kritischer Geister, die nicht müde werden zu mahnen. Die ihren Blick nicht abwenden. Nicht wegschauen, weil es bequemer ist.
Das Streben nach einem Ziel, laut Coubertin, im Sinne eines sportlichen Wettkampfes, lässt sich ohne weiteres übertragen auf andere Inhalte:
Das Ziel einer befriedeten Weltgemeinschaft gemäß unseres ureigenen Wunsches nach Frieden und Liebe, sowohl in der kleinsten gesellschaftlichen Einheit wie auch unter den Nationen und Völkern. Frieden und Liebe, frei von Niedertracht, Neid und Missgunst.

16 Tage dauern die Spiele von Paris. In der Antike herrschte während der Zeit der Spiele der sogenannte Olympische Friede. Es wäre wünschenswert, dies zu übernehmen. Und dann einfach vergessen, die Waffen wieder aufzunehmen.
Coubertins Idee war es, als er sich 1894 entschloss, die Olympischen Spiele der Neuzeit nach altem Muster zu begründen, die nationalen Egoismen dauerhaft zu überwinden und für internationale Verständigung einzutreten. Nach seiner Auffassung sollte sich die „Jugend der Welt“ lieber in sportlichen Wettkämpfen messen als sich auf dem Schlachtfeld zu bekriegen.

Dass es bislang kaum gelang, liegt nicht an Despoten, Autokraten und der Eitelkeit narzisstischer Tyrannen. Es liegt nicht an der Politik, der wir so gern das Maß an Verantwortung zuweisen, dem wir selbst außerstande sind zu genügen. Es liegt an jedem einzelnen von uns selbst.


Montag, 12. Februar 2024

Die Geister, die ich rief...

Charlotte Knobloch, Auschwitzüberlebende und ehemalige Vizepräsidentin des jüdischen Weltkongresses, nannte es mal den Durchlauferhitzer für Hass und Gewalt. Die Rede ist von einer Institution, die anders gedacht war. Gedacht als Medium der Vernetzung der Welt, nicht nur im wirtschaftlichen Sinne. Als Medium des Informationsaustausches der Wissenschaft. Medium, das Bildung zugänglicher macht. Medium, das Menschen durch sogenannte soziale Netzwerke miteinander in Kommunikation setzt. Einander näher bringt.

Ausgerechnet er nun, einer der Entwickler des Internets, Schöpfer des Begriffs Virtuell Reality, der Kanadier Jaron Lanier, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, verliehen 2018 in der Frankfurter Paulskirche, wandelte sich zu einem der aktivsten Netzwerkkritiker. Benennt es als „grandiose Fehlkonstruktion“. Mahnt durch Bücher und Vorträge die Weltöffentlichkeit unablässig zu einem umsichtigen und gewissenhafteren Umgang. Es ist entartet. So war es nicht gedacht.

Natürlich ist es naiv zu glauben, dass Erfindungen ausschließlich dem Guten dienen. Da war die Erfindung des Papiers, das die Übermittlung von Nachrichten in schriftlicher Form ermöglichte. Da waren Guttenbergs bewegliche Blei-Lettern, die der Erstellung von Druckerzeugnissen gewaltigen Umfangs, respektive dem Buchdruck dienten. Das erste Massenmedium, die Lutherbibel, die dem Kirchenstaat, dem kaum an einer gebildeten, aufgeklärten Bevölkerung gelegen war, den Garaus machte.

Vergleichbar ohne Frage, die Weiterentwicklung bis in die Gegenwart. Die Massenmedien unserer Zeit. Das weiße Blatt, das neben dem Tugendhaften, neben dem Verbreiten von Erkenntnissen und Wahrheit auch dem Gegenteil in die Hände spielte. Der Provokation durch gezielt gesetzte Skandale, der Verbreitung der Lüge, der Manipulation, dem Säen von Unfrieden durch Hass und Hetze. Und stetig entwickeln wir neue Mechanismen, die es dem Geist schwer machen, den Ungeist zu erkennen. Die es hingegen dem Ungeist erleichtern, sein Gift zu verstreuen. Das Gift, das in der Dummheit oder den aus Bequemlichkeit Denkfaulen unter den Konsumenten so fruchtbaren Boden findet.

Einmal in der Welt, hat das Böse immer einen gewissen Vorlauf. Hat es leicht im „World-Wide-Web“. Nutzt die „dunkle Seite der (Internet) Macht“, das sogenannte Darknet, in dem sie sich nahezu ungestört bedienen, die Brandstifter, die sich Radikalisierenden, eben der Ungeist, für ihren Feldzug gegen Rechtsstaat und Frieden. Bis man es enttarnt, vergeht Zeit. Entwickelt sich eine gewisse Dynamik. Entwickeln sich weit verbreitete Netzwerke, die kaum mehr zu beherrschen sind. Illegaler Handel mit Drogen. Mit Waffen aller Art. Darüber Prostitution, Menschenhandel in globaler Dimension.

Dass das Internet nicht das Paradies ist, das sich anfangs viele erträumt hatten, ist inzwischen den meisten klar. Die Schuld an diesen Fehlentwicklungen rund um das Netz wird in der Regel den großen Internet- und Tech-Konzernen wie Facebook oder Google zugeschrieben. Für den Virtual-Reality-Pionier und Internet-Kritiker Jaron Lanier ist das jedoch nur die eine Seite der Wahrheit. Ihm zufolge hat auch die Technik-Community ihren Teil dazu beigetragen, dass das Netz heute „ruiniert“ ist, wie er sagt.
Aber vielleicht übersieht man auf der Suche nach dem Schuldigen noch einen weiteren Aspekt. Und ich denke hier besteht der größte Teil des Handlungsbedarfs. Den genannten Konzernen ist vordergründig an kommerziellen Erfolgen gelegen. Von dieser Strategie werden sie sich kaum distanzieren. Für mich aber liegt die Schuld, wenn von Schuld überhaupt zu reden ist, beim Adressaten. Beim Nutzer. Bei jedem, der sich manipulieren lässt durch Halb- und Unwahrheiten, deren Quellen oft so transparent sind, das sie auch den Dümmsten offenbar werden müssten.Oder bei denen, die mit wissenschaftlicher Raffinesse, mit Leidenschaft und Enthusiasmus Dinge entwickelten, die dem Fortschritt der Zivilisation dienten. Nicht ihrer Vernichtung.

Kann man die Erfindung des Rads verurteilen, das den Ackerbau vereinfachte, den Handel im größeren Rahmen, aber auch die Logistik von Kriegsgerät ermöglichte? Den Ausbau der Bahn, der Nationen miteinander verband, uns Reisen ließ, der aber auch millionenfache Deportationen ermöglichte? Die Erfindung des Dynamit, das den Bergbau, den Straßenbau vereinfachte, in die falschen Hände geraten aber zur verherenden Waffe verkam?

Sich dem Fortschritt zu verweigern, war schon zu Zeiten der Erfindung des Buchdrucks ausgemachter Irrsinn. Mit der Erfindung des Internets ist es nichts anderes. Mit Erfindungen, mit denen sich nun heranwachsende Generationen auseinanderzusetzen haben, beispielsweise der Künstlichen Intelligenz, wird es sich ebenso darstellen. Sie kann sich zum Segen, kann sich zum Fluch entwickeln. Es werden Kontrollmechanismen und Regulierungsbehörden geschaffen, die Schlimmstes zu verhindern suchen. Doch versucht werden wird es durch jene, denen an allem anderen gelegen ist, nur nicht an Fortschrittsgeist im positiven Sinne.

Setzen wir also auf Aufklärung und Bildung. Auf gesunden Verstand, auf Neugierde und hieraus resultierende, auch unbequeme Fragen und auf das freie Denken, das wir uns weder von denen, die uns die Lüge als Wahrheit verkaufen wollen, noch von Maschinen- und Softwaretechnologie aus der Hand nehmen lassen dürfen. Wie schaffen uns Bedingungen, denen wir in Teilen heute schon nicht mehr gewachsen sind. Situationen, die uns nicht mehr unterscheiden lassen zwischen Fake, Deepfake (Neudeutsch) und Wahrheit.

Jaron Lanier ist kein Feind des Internets, wie er mehrfach betont. Ihm geht es aber darum, die sozialen Netzwerke und deren Macht wahrzunehmen, damit das Silicon Valley Raum erhält, „um an sich zu arbeiten“. Solch ein Erziehungsgedanke mag naiv klingen. Wenn man aber bedenkt, wie wenig die bisher eingeleiteten Regulierungen gegen die Schattenseiten der Netzkommunikation ausrichten konnten, fragt man sich schon, ob es nicht an der Zeit ist, solch alternativen Schocktherapien Folge zu leisten. Machen sie den Nutzer doch wieder zu dem, wofür das Netz mal stand: zum frei denkenden Geist im Sinne von Nachhaltig in Fortschritt und Frieden.



Mittwoch, 12. Januar 2022

Offener Brief an den Musiker und Musik-Produzenten: Xavier Naidoo

Anlässlich des 77. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau sowie des Umstandes, dass Revisionisten und Leugner der in den Lagern verübten Verbrechen, die zu den abscheulichsten der Menschheitsgeschichte zählen, keine bzw. kaum rechtsstaatliche Verfolgung erfahren, obschon diese lt. Paragraph 130 StGB einen Straftatbestand darstellen, ergeht durch diesen Beitrag die Publikation eines offenen Briefes an den Musiker Xavier Naidoo, der sich durch antisemitische Äußerungen, Leugnung des Holocausts, der Verunglimpfung von Opfern wie der Hetze gegen ethnische Minderheiten hervorgetan hat.

Hanau, den 12.01.2022

Sehr geehrter Herr Naidoo,


unablässig appellieren Sie an einen gesunden Menschenverstand. Unablässig an kritisches, differenziertes Denken hinsichtlich politischer und gesellschaftlicher Haltungen und Ausrichtungen.

Seit geraumer Zeit verfolge ich nun Ihr Handeln. Ihre Art, Menschen zu manipulieren. Zu indoktrinieren für die Auswüchse eines offensichtlich sehr begrenzten Verstandes. Des Verstandes eines einst respektablen und ehrbaren Künstlers, dessen vordergründiges Motiv heute, so scheint es, dass Streben nach medialer Aufmerksamkeit und Popularität um jeden Preis ist. Aufmerksamkeit, die er offenbar nur noch dadurch erreicht, die Mechanismen eines demokratischen Rechtsstaates für eben diese Zwecke und auf perfideste Weise zu instrumentalisieren.

Es liegt mir fern, Sie persönlich anzugreifen. Ihre Musik, die Sprache Ihrer Texte vermittelt etwas anderes als das, wofür sie als Person heute zu stehen scheinen. Sie vermittelt Verständnis, Nachsicht, Toleranz und Liebe. Nicht Hass und Ausgrenzung. Nicht Argwohn noch Niedertracht. (Un)Werte, die sie heute durch Ihre Haltung provozieren. Werteverfall, den ich bedaure. Für den ich Sie bedaure.

Sie erheben das Wort, in dem Sie sich auf das verbriefte Grundrecht der freien Meinungsäußerung berufen, festgelegt in der Verfassung dieses Landes, die, Ihrer Aussage nach, nicht das Papier Wert sei, auf dem sie geschrieben steht. Sie hetzen gegen die Presse- und Meinungsfreiheit, die offensichtlich nur solange Bedeutung hat, solange Sie Ihnen bei der Verbreitung Ihrer Theorien und Thesen dienlich scheint. Antithesen, Gegenstimmen, wissenschaftlich belastbare Erkenntnisse werden unter allen gebotenen wie unbotmäßigen Mitteln niedergeschrien.

Herr Naidoo, es besteht ein wesentlicher Makel am demokratischen Rechtssystem. Dem nämlich, dass er auch der Dummheit eine Bühne bieten muss, was vordergründig nur der Dummheit Früchte trägt. Der Dummheit derer, als deren Sprachrohr, als deren Medium Sie sich offenbar verstehen. Derer, die ihren Unverstand an Demagogen und Aufrührern nähren. Derer, die diesen willenlos und willfährig den Weg bereiten in dem sie als ergebenen Paladine und Vasallen mit gesenktem Haupte in vorauseilendem Kadavergehorsam denen folgen, denen es um nichts anderes als um die primitivste Art der Selbstinszenierung geht, wie es hier der Fall scheint.

Ich verbinde mit meinem Schreiben nicht die Hoffnung, dass es Sie in irgendeiner Form beeindruckt. Zu verhärtet scheinen Sie in ihren Ansichten. Zu verbrämt durch Ungeist und Unbildung. Durch Hass und dem, was aus diesem ergeht. Und doch bleibt die Hoffnung, dass wir eines Tages zu einer befriedeten Gesellschaft gelangen, die sich des Status´ eines vernunftbegabten, sozialen Wesens, wie es in der philosophischen Anthropologie heißt, für würdig erweist.

Von Menschen allerdings, die eines der abscheulichsten Verbrechen, derer sich die Menschheit schuldig machte, leugnen, Opfer verunglimpfen, der Lüge bezichtigen, Hetze gegen ethnische Minderheiten betreiben und über all dies sich selbst als Opfer von Hetzkampagnen und Falschmeldungen der sogenannten gleichgeschalteter Presse stilisieren, ist dies kaum zu erwarten. Sie tun dies in unverhohlener Weise, was gem. Paragraph 130 StGB eine in jedem Fall zu ahnende Straftat, vor humanistischen Werten wie einer christlich-sozialen Gesellschaftsordnung jedoch ein Abscheulichkeit darstellt, die den von Ihnen geleugneten Verbrechen in nichts nachsteht. Wo es das vordergründige Ziel sein muss, Menschen einander näher zu bringen, unter differenten Positionen zu vermitteln, betreiben Sie nichts als geistige Brandstiftung und Aufstachlung zur Gewalt.

Doch vielleicht werden auch Sie zu der Erkenntnis gelangen, dass die, die Sie mit Ihrer Botschaft zu erreichen gedenken, Ihnen nicht dauerhaft die Steigbügel halten werden, da deren Meinung käuflich ist und sie früher oder später der nächsten Sau folgen werden, die der kommende selbst ernannte Heilsbringer durchs Dorf treiben wird.

Gehen Sie zurück zu dem wofür der Name Xavier Naidoo bislang stand. Zur Musik, zur Lyrik, zur Poesie und dem Ideal der Menschlichkeit, wie es bislang in Ihren Texten Ausdruck fand. Gewalt hingegen, ob nun in verbaler oder tätiger Form, produziert nichts als gewaltsame Gegenreaktionen.

Sie berufen sich oft auf die Bibel. Auf die Kunde des Mannes, der dem Ungeist und der Dummheit zum Opfer fiel. Dem Ungeist, den Sie durch ihr Handeln heraufbeschwören.


Reiner Hans Bewersdorff




Montag, 7. Juni 2021

Vom Weg- und Hinschauen.

Ein Kommentar zum geplanten Filmprojekt des Regisseurs Uwe Boll, über den Mordanschlag von Hanau vom 19.Februar 2020


Was gibt es im Bemühen, den Blick von sich selbst und seiner eigenen Bedeutungslosigkeit abzuwenden, Erbaulicheres, als sich am Leid Dritter zu erfreuen? 

Wir neigen heute dazu, es als Merkmal der medial überfrachteten Spaßgesellschaft zu signifizieren. Sicher tragen die Medien in ihrer unüberschaubaren und täglich wachsenden Vielfalt der Form des Voyeurismus, um den es hier geht, Rechnung, doch müsste nicht die Frage im Vordergrund stehen, was woraus resultiert?

Hingeschaut hat man schon immer. Ein Phänomen, das so alt scheint wie die Menschheit selbst. Denken wir an die spektakulären Schauprozesse jüngerer Vergangenheit. An öffentliche Hinrichtungen wie sie, wenn auch im überschaubaren Maß, bis zum heutigen Tag vor Publikum, beispielsweise in den Vereinigen Staaten, stattfinden. Denken wir an Hexenprozesse, Hinrichtungen des Mittelalters bis zur Antike, an öffentliche Todesspiele, wie sie sich in den sogenannten Hochkulturen besonderer Beliebtheit erfreuten, als die Menschen in Scharen auf Plätze und in Arenen strömten, um dem Entsetzen ihre Aufwartung zu machen.

Täglich führen wie es uns freiwillig vor Augen. Das Leid der Welt. Das Elend, den allgegenwärtigen Untergang der menschlichen Zivilisation, dargereicht in Form von Nachrichten in Endlosschleife. Ob nun in den ersten Minuten des Tages beim Frühstücksfernsehen oder am Abendbrottisch. Ist es da nicht nur legitim, wenn die Unterhaltungsindustrie diese Form des Voyeurismus erkannt und für sich als einträgliche Quelle instrumentalisiert hat?

Nein, ist es nicht!

Wenn den Kunstschaffenden die Inspiration versagt, so dass es notwendig wird, sich an Tragödien, die gerade mal ein Jahr zurückliegen, zu bedienen, in dem sie diese in ein 90-minütiges Unterhaltungsformat pressen, ist für mich, wenn vielleicht nicht die Grenze der Freiheit der Kunst, dann doch zumindest die Grenze des guten Geschmacks überschritten.

Ich verurteile nicht, dass negative Ereignisse die Kunst in der gesamten Bandbreite ihrer Darstellungsformen inspirieren. Als Picasso sein Werk Guernica schuf, das die Vernichtung einer spanischen Stadt durch die Nationalsozialisten während des spanischen Bürgerkrieges darstellt, tat er es. Als Schostakowitsch angesichts der zweijährigen Belagerung Leningrads die 7. Symphonie schuf, tat er es. Dass aber vordergründig der kommerzielle Charakter zum Tragen kommt, wie ich es den Machern des Films, die sich das Verbrechen von Hanau zum Motiv ihres Werkes nahmen, vorsichtig unterstellen möchte, finde ich beklagenswert, wenn nicht nach moralischen Gesichtspunkten äußerst bedenklich.

Aber zurück zu eingangs gestellter Frage. Derartige Formen der Kommerzialisierung wären wenig erfolgreich, würden wir nicht nach diesen Bildern gieren. Das Grauen, sei es wiedergegeben in Form des Mediums Unterhaltungsfilm, sei es in Form von Dokumentationen aus Kriegs- und Elendsgebieten, sei es in Bildern, die die umfassend bedrohliche Situation, in der sich die Welt befindet, dokumentieren, haben weniger mahnenden Charakter als Unterhaltungswert und vor diesem Umstand ist es schwer, sich den Glauben an das Gute zu bewahren. Den Glauben daran, dass wir als die einzig vernunftbegabte Spezies auf Erden es noch in der Hand haben.


Donnerstag, 17. Dezember 2020

Wir handeln nicht, wir klagen

Kaum etwas scheint uns näher in dieser zweifellos schwierigen Zeit, als zu jammern über all das, was nicht geht. Über all das, auf das wir verzichten müssen, bemessen an dem, was wir hatten, als wir buchstäblich alles hatten. Das Anpassen an veränderte Bedingungen, was nicht unbedingt Verzicht bedeuten muss, scheint dem Menschen nicht
gegeben. Wir verharren in verhärteten Strukturen. Pochen auf Althergebrachtes und sehen eben in jeder Veränderung eine Einschränkung unserer Freiheit. Eine Freiheit, die aber keine ist, da wir uns gefangen nehmen lassen von dieser Denkweise.

Nehmen wir als Beispiel die Kunst, die Kultur und ihre Schaffenden. Freischaffenden Künstlern fehlt es zurzeit an jeder Möglichkeit, sich zu verdingen. Kulturelle Einrichtungen wurden, nachdem sie in den Sommermonaten doch in, wenn auch stark eingeschränkter Weise, arbeiten konnten, nun wieder geschlossen auf unabsehbare Zeit.

Das Schauspielhaus Hamburg hatte die Idee, online Live-Vorstellungen gegen eine geringe Gebühr anzubieten. Durchschnittlich 800 – 1000 Karten (Zugänge) werden pro Vorstellung verkauft. Meines Wissens ist das Schauspielhaus eines der einzigen Theater, das aus der Not eine Tugend zu machen verstand. Zu Anfang hat es geheißen, eine Krise wie die Gegenwärtige kann auch als Chance verstanden werden. Als Chance, innovative Ideen zu generieren. Beinhaltet dies nicht auch der Kunstbegriff? Etwas schaffen aus neuen Situationen, statt destruktiv in althergebrachten Strukturen zu verharren?

Aber nicht nur in der Kultur ist diese Unfähigkeit der Anpassung gegeben. Auch in der Wirtschaft begegnet uns dieses Phänomen. Nehmen wir den Handel. Den Buchhandel beispielsweise, der seit Jahren über zurückgehende Umsatzzahlen klagt. Nicht so die Buchhandlung meines Vertrauens. Durch frische, freche und kreative Ideen hat man sich den veränderten Marktbedingungen angepasst. Hat über eine Vielzahl von Veranstaltungen rund um das Medium Buch einen umfangreichen Kundenstamm gewonnen. Hat durch Präsenz und Individualität sich einen Standort geschaffen, der beispielgebend für die Branche und letztlich dafür ist, dass man auch heute mir Büchern Geld verdienen kann.

Noch ein Beispiel: die seit Jahrzehnten zurückgehenden Umsatzzahlen der Printmedien. Mit Beginn des digitalen Zeitalters, der virtuellen Medien und ihrer unüberschaubaren Informationsflut, der der Nutzer rund um die Uhr ausgesetzt ist, scheinen Zeitungen wie ein Urgestein. Bei einer Halbwertzeit von bestenfalls wenigen Stunden betreffen die neuesten Nachrichten, sind die Meldungen und Artikel, die ich am kommenden Morgen in der Zeitung lese, fast lächerlich in ihrer nicht vorhandenen Aktualität. Die New York Times hat es damals schon erkannt. Hat reagiert auf den sich bildenden Marktanteil virtueller Formate. Sie bietet bereits seit Jahren ein Online-Abo zu einem verhältnismäßigen günstigen Preis von umgerechnet € 15.- an und verbucht mittlerweile die stattliche Zahl von 10 Millionen Online-Kunden mit steigender Tendenz.

Sicher sind diese Beispiele nicht anzuwenden auf alle Branchen, die unter den gegenwärtigen Verhältnissen leiden. Aber das allumfassende Klagen sämtlicher Branchen ist nicht minder unangemessen, wenn man die Situation [auch] als Chance versteht.


Mittwoch, 7. Oktober 2020

"...der Fluch der Mittelmäßigkeit." (K.Tucholsky)

Als aufmerksamer Beobachter gängiger Unterhaltungsmedien, stelle ich mir seit geraumer Zeit die Frage, was dem Umstand zugrunde liegt, dass selbst namhafte Schauspieler, selbst die, die man bisher mehr auf der Theaterbühne sah als in TV-Sendeformaten, die eher der seichten Kategorie zugehören, ihre Profession im Polizeidienst finden?

Vordergründig mag dies in der erheblichen Zahl derer dieser Zunft liegen, die schlicht von ihrem Beruf nicht leben können. Laut Statistik liegt ihre Zahl bei rund 60 Prozent,  also mehr oder weniger in der Notwendigkeit, nehmen zu müssen, was sich bietet, und sei es eben der Polizeidienst, oft nicht einmal im gehobenen Beamtenstatus. Mehr also der Uniformträger dieser Berufsgattung, die in TV-Serien, meist in denen, die im Vorabend-Programm ihren angestammten Platz finden, als ein wenig unterbelichtet dargestellt werden.
Was aber macht die Beliebtheit dieser Formate aus? Unzählige Serien flimmern Abend für Abend über den Bildschirm. Sonderkommissionen zahlreicher bekannter deutscher Städte ermitteln nach immer demselben Schema. Nahezu jede Folge beginnt mit einem mehr oder weniger spektakulären Mordfall, der sich nicht im Wesentlichen von den vorhergegangenen unterscheidet. Nicht einmal in dem standardisierten Anfangsdialog nahezu sämtlicher Episoden zwischen Ermittlungsleiter („Können sie schon etwas zur Todesursache sagen?“ ) und Gerichtsmediziner ("Genaueres nach der Obduktion!") Vielleicht ist es neben den vertrauten Gesichtern der Darsteller, den vertrauen Charakteren der jeweilige Figuren,  die einem buchstäblich ans Herz wachsen,  der Wiedererkennungswert nach dem Muster, über das sich auch die nicht unerheblichen Verkaufszahlen regionaler Krimiliteratur definieren. Die Straßenecke, das Café, der Parkplatz am Einkaufszentrum, den man kennt.  Aber auch hier setzt man nach dramaturgischen Gesichtspunkten offenbar auf Unaufmerksamkeit des Konsumenten/Zuschauers. Dann nämlich, wenn sich das ehrgeizige und erfolgsverwöhnte Ermittlungsteam während der Verfolgungsfahrt beispielsweise am U-Bahnhof Schwanthaler Straße in München, nach der nächste Abbiegung  an einem 25 Km entfernten Ort befindet.
Nichts gegen seichte Unterhaltung. Es muss ja nicht immer höchsten Ansprüchen genügen. Aber unterstes Niveau und dann in dieser Größenordnung?

Tucholsky hat es in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts einmal in der Frage: „Sag mal, verehrtes Publikum, seid ihr wirklich so dumm?"
ausgedrückt.  „Es lastet ein Fluch auf dieser Zeit.  Der Fluch, der Mittelmäßigkeit!“ Ich glaube, darin erklärt es sich. Damals wie heute. Wir brauchen diese „zuckrigen Sachen“, wie es weiter heißt im Gedicht, um uns abzulenken von der Last der Realität, die zweifellos unseren Alltag bestimmt.  Ob dies nun Dummheit ist, wie Tucholsky es benennt, Erschöpfung oder schon Verzweiflung angesicht der eigenen Mittelmäßig, der eigenen Unbedeutsamkeit,  sei dahingestellt.

Die Einschaltquoten, die sich teilweise irgendwo zwischen Tagesschau und Bundesliga bewegen, sprechen für sich.  Und schlussendlich auch für die zu Beginn gestellte Frage. Warum wir uns lieber von so was berieseln lassen, als ins Theater zu gehen, um neben einem handverlesenen, guten Programm auch den Institutionen, die das ursprüngliche  Schaffensgebiet der Schauspielkunst sind und die seit Anbeginn ihres Bestehens im Wesentlichen nicht mehr brauchen als eine Bretterbühne, einen Vorhang und Menschen, sei es vor oder auf der Bühne, die für sie brennen, die Existenzgrundlage zu sichern.

Sonntag, 4. Oktober 2020

Eine Frage der Gastlichkeit

Dem einen oder anderen Leser meiner Beiträge mag ich als notorischer Nörgler, als Mensch, der sich vordergründig an den negativen Seiten unserer Gesellschaft abarbeitet, erscheinen. Dem aufmerksamem Leser jedoch wird es nicht entgehen, dass meinen Beschreibungen der Verhältnisse oft ein ironischer Unterton zugrunde liegt, wie auch in der folgenden Glosse, in der es um unser Konsumverhalten gehen soll. Als passionierterer Café-Besucher kann ich mit Fug und Recht für mich reklamieren, nie in meinem Leben einen „Coffee-to-go“, ob nun erworben in einem Stehausschank am Rande der Fußgängerzone oder einer der zahllosen Kaffeehausketten, konsumiert zu haben. Dieses Produkt bzw. dessen Verzehr stellt für mich den Inbegriff termingetriebener Rastlosigkeit dar.

Auf dem Weg zur U-Bahn, zu Arbeitsstelle oder im Kaufrausch, in der einen Hand einen Kaffee im formschönen Pappbecher, in der anderen ein Stück Kuchen, in der dritten das Handy am Ohr, sofern man nicht über eine Freisprecheinrichtung nebst „in-ear-Hörern“, jenen technischen Neuerung also, die dem Aufsatz einer elektrischen Zahnbürste gleicht, verfügt. In meinen zeitweiligen philosophischen, gedanklichen Exkursionen habe ich mir einmal die Frage gestellt, wie viel Leben, bemessen an Aktivitäten im Vergleich Vergangenheit zur Gegenwart, wir heute leben? Dies aber, sei nur am Rand bemerkt.

Kommen wir zurück zum eigentlichen Thema, dem Kaffeehaus.Ich hatte noch ein wenig Zeit bis zu meinem Termin. Eine Stunde blieb mir, um genau zu sein. Da eine Filiale der Kaffeehauskette, die den klangvollen Namen des Bootsmanns in Hermann Mellvilles´ Roman „Moby Dick“ trägt, beschloss ich, mich in selbiger niederzulassen. Eine auf den ersten Blick angenehme Atmosphäre, eine Symbiose aus Optik, gedämpfter Geräuschkulisse und dem Duft frischen Kaffees empfing mich. Niemanden, der diese Einrichtungen kennt, wird es fremd sein. Freilich mangelt es an Individualität. Sämtliche Filialen dieser Kette, ob nun in Tokio, New York, London oder einem Außenbezirk von Wattenscheid, gleichen einander wie ein Ei dem anderen, und doch erreichen
sie die Sinne, denn allem, was hier geschieht, liegt ein knallhartes, nach psychologisch werbewirksamen Gesichtspunkten ausgearbeitetes Geschäftskonzept zugrunde, mit möglichst geringem Aufwand einen höchstmöglichen Umsatz zu erzielen. Wir, die Besucher, wissen es, und doch lassen wir uns nur zu gern darauf ein, uns wohlzufühlen, weil man es eben tut. Das Mobiliar teilweise im „Kolonial-Style-Antikleder“, das eine gewisse Patina symbolisiert, gehalten. Die Wandgestaltung in Form von Tapeten, die an eine Bibliothek erinnern. Das Licht gedimmt aus messingfarbenen Kandelabern. Der Fußboden aus Schiffsplankendesign-Plastik-Laminat. Und schließlich das Produkt: Spätestens hier gerät der ungeübte Gast an die Grenzen seiner Belastbar- bzw. Entschlussfreudigkeit.

Mit einem zuckersüßen Lächeln, das kaum Aufschluss gibt über die Erschöpfung der Mitarbeiter durch den immensen Arbeitsdruck, den auszuüben eigens ein Manager in den jeweiligen Filialen eingesetzt wird, werde ich nach meinem Wunsch gefragt.
„Einen Kaffee bitte.“ „Zum hier trinken!“, ergänze ich, überlegend, ob diese Formulierung grammatisch korrekt sei. Verwiesen auf das nahezu unüberschaubare Sortiment werde ich gebeten, meinen Wunsch zu konkretisieren.

„Wir haben: Flat white, Iced Coffee Mocca, Iced Americano, Iced Coffee Latte, Espresso con Panna, Flavored Latte, Mocca Ligth, Frappuccino blended beverage, Java Chip Chocolate Cream …“

Ich kapituliere. So klangvoll die jeweiligen Namen, so ansehnlich ihre optische Erscheinung. Unerklärlich hingegen, warum man so ein künstlerisch anspruchsvoll gestaltetes Produkt in einem undurchsichtigen Pappbecher verschwinden lässt, der bestenfalls noch am Geschmack erkennen lässt, was sich in ihm befindet. Zucker vordergründig, der den Kalorienbedarf eines ganzen Tages abdeckt. Ich beharre weiter auf einer Tasse Filterkaffee, mich unsicher umblickend, ob ich mich mit meinem exotischen Wunsch nicht vollends als „nicht zur Zielgruppe der hier verkehrenden Menschen“ oute. Die Frage, ob „tall, grande oder small!“ (warum eigentlich zweimal englisch, einmal italienisch?) beantworte ich konsequent mit „Klein“ Schließlich ziehe ich mich mit meinem Getränk an einen der freien Tische am Rande des Schauspiels zurück, darüber reflektierend, was hier geschieht. Neben den angebotenen Produkten wird etwas verkauft, das nicht existiert. Das mag in unserer auf Massenkonsum gebürsteten, desensibilisierten Gesellschaft Normalität sein, mich aber erschreckt es. Nicht real ist das Ambiente dieses Cafés. Nicht existent das Gefühl von Gemütlichkeit, die die Plastik-Atmosphäre vermitteln soll. Nicht vorhanden die Qualität eines Produktes zu teilweise völlig überhöhten Preisen, das ausschließlich durch Optik wie durch chemische, künstliche Aromen zum Kauf und Verzehr animiert. Nicht existent ein persönlicher, individueller Service, der sich lediglich darin äußert, dass der Name, des Gastes auf den jeweiligen Becher geschrieben wird, der schließlich, nach 

Fertigstellung der Kreation, durch den Raum geplärrt wird. Es ist alles Fassade, die spätestens an dem Punkt zusammenbricht, an dem man sie hinterfragt. Aber nur allzu willfährig, lassen wir uns verführen von dieser Entmündigung der eigenen Wahrnehmung, des eigenen, persönlichen Geschmacks. Nein, für mich wird ein Café weiterhin ein Ort sein an dem ich mich aufhalte, weil ich genau hier sein will. Weil er mehr ist, als nur das billige Abbild dessen, was vergangen ist. Weil ich mich einlassen möchte auf die Umgebung, unbeeinflusst von Reizüberflutung. Mich einlassen möchte auf Zeitungslektüre und die ein oder andere Tasse Kaffee. Auf das Fühlen von Zeit und nicht die Umtriebigkeit, sie mit möglichst vielen weiteren Aktivitäten anzufüllen. Ein Ort auch des Dialogs, sei es mit mir selbst oder anderen, die, wie ich, hier der Hektik des Alltags, den immer unüberschaubareren Dimensionen des Konsumwahns, entfliehen. 

Dienstag, 21. April 2020

Offener Brief an den Chefredakteure/Ressortleiter der Süddeutschen Zeitung, Heribert Prantl:

Als Reaktion auf einen in der Süddeutschen Zeitung erschienenen Kommentar des Redakteurs Heribert Prantl, in dem dieser die Rechtmäßigkeit der von Seiten der Bundesregierung erhobenen Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung vor den Folgen der Infektion mit dem Corona Virus anzweifelt, ging dem Genannten folgender offener Brief zu.

Samstag, 16. März 2019

Fantasie von übermorgen...

oder: "Das ist der Fluch der Zeit. Die Irren führen die Blinden" (Shakespeare: König Lear)

Ich glaube, dass es besser wird. Ich glaube, dass die heranwachsende Generation richten wird, was die mittlere und ältere Generation an verbrannter Erde hinterlassen hat. Wenn ich, wie heute, durch meine Stadt laufe, mein Weg mich am Demonstrationszug von rund 5000 Schülern vorbeiführt, die, wie jeden Freitag, weltweit mittlerweile gegen die Folgen des Klimawandels, oder sagen wir, gegen eine Politik und ein Bewusstsein, vielmehr, nicht vorhandenes Bewusstsein das diesen erst ermöglicht, Parolen wie – wie sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut – skandieren, während Damen und Herren fortgeschritteneren Alters kopfschüttelnd, sich leise empörend am Straßenrand stehen bzw. an grünen Tischen zusammensitzen, über Maßnahmen wie Abmahnungen respektive Schulverweise diskutierend, weil eben sie, die sich hier stark machen, die allgemeine Schulpflicht vernachlässigen, dann nährt sich die Hoffnung, dass es eine Zukunft geben wird, in der Werte wie Nachhaltigkeit, wie soziales Engagement gegenüber Schwachen, Unterprivilegierten und dies nicht nur im unmittelbaren Umfeld eines jeden Wahrnehmung, eine Chance hat.


Ich bleibe einen Moment als abseitiger Beobachter des Geschehens stehen. Es regnet. Die Temperaturen bewegen sich um null Grad. Schneefall setzt ein. Schließlich lasse ich mich hineinziehen in den Zug. Marschiere mit, gerate vom Rand immer tiefer in die Masse, die eine Einheit, eine Kraft bildet, die in diesem Moment das darstellt, was Henry David Thoreau vor 200 Jahren als zivilen Ungehorsam bezeichnet hat.

Wir leben in einem demokratischen Rechtsstaat, der laut Artikel 20 Grundgesetz alle Macht dem Volke zuspricht. Diese Macht aber kann nicht ausschließlich darin bestehen, alle vier Jahre an die Urne zu treten, um die zu benennen, die die Geschicke der Gesellschaft vorläufig zu lenken haben. Schon im Schreiben dieser Worte erkenne ich die Lächerlichkeit ihrer Aussage. Wir wählen Parteien. Was schlussendlich daraus entsteht, in welcher Konstellation sich Koalitionen zusammenschließen, welche Kompromisse einzugehen sind, damit eine Regierungsbildung überhaupt möglich ist, welche Ämter welcher Partei im Rahmen der jeweiligen Koalitionsverträge zugetragen werden und schließlich, wer sie am Ende besetzt, kaum zugemessen an Kompetenz oder Sachverstand zum jeweiligen Ressort, liegt nicht mehr in der Hand des Wählers. Worin bestehen also die Einflussnahme, die Mittel der Machtausübung des Volkes? In einem Bewusstsein und einem daraus resultieren Verhaltenskodex, an dem es uns jedoch  fehlt. Darum, die eigene Bequemlichkeit abzulegen, auch wenn es noch so schwer fällt angesichts eines vollen Kühlschranks, angesichts der nächsten Urlaubsreisen zu Billigtarifen, angesichts des Anspruchs, buchstäblich alles und zu jeder Zeit haben zu wollen.

Seit 30 Jahren diskutiert die Welt über Klimawandel. Ein Klimagipfel folgt dem nächsten. „Das Ziel muss es sein, den Anstieg der Welttemperatur in den nächsten 25 Jahren auf 1,5 Grad zu reduzieren.“ Und während man in weichen Polstern der Luxus Hotels zusammen sitzt, um Maßnahmen zu erarbeiten, die am Ende doch nicht durchgesetzt werden, weil die Lobby der Großindustrie den eigenen Profit und nicht den Fortbestand eines lebenswerten Planeten vor Augen hat, weil eiligst wissenschaftliche Gutachten eingeholt werden, die jede Dystopie eines kommenden Klimakatastrophe als Farce herabwerten, werden weiterhin Autos produziert, die 30 Liter Kraftstoff verbrennen, werden weiterhin die Meere mit Plastikmüll vergiftet, wird Energie in Kohlekraftwerken produziert, für deren Brennstoffgewinnung Wälder und Naturschutzgebiete vernichtet werden.  All das ist niemandem fremd. Aber all das betrifft uns nicht, weil wir nicht hinschauen. Weil wir uns selbst den Blick auf einen Welt, die jenseits unseres beschränkten Horizontes im Elend versinkt, verstellen unter Zuhilfenahme vom 150 TV-Kanälen deren es mittlerweile bedarf, um die Illusion einer bonbonfarbenen Irrealität aufrecht zu erhalten. Weil wir es bestenfalls, wie erwähnt, in Super Dolby Surround Systemen am 3D-TV serviert bekommen, und mit dem Bier in der Hand derartige Bilder anhand seines Unterhaltungswertes bemessen, der uns am Ende einen wohlig kribbelnden Schauer über die Haut laufen lässt und uns bestenfalls eine Äußerung wie „ach geht’s uns gut“ entlockt.

Ich marschiere noch ein Stück mit. Lasse mich anstecken von dieser enormen Energie und dieser Wut auf alles, das verhindert, dass es weitergeht mit der Menschheit und ihrem Lebensraum.

Die Natur ist nicht in Gefahr. Der Mensch wird die Natur nicht vernichten. Es wäre vermessen, seinen Einfluss, sein Potenzial derart zu überschätzen. Aber er wird seinen Lebensraum vernichten. Er wird eine Umgebung schaffen, die ihn, sofern 
kein radikales Umdenken erfolgt, und zwar nicht in Dekaden von 25 oder 50 Jahren, nicht mehr zulässt.

Wir brauchen keine Politik, der es um Eitelkeit und Selbstdarstellung geht. Die ein großteils ihres Potenzials  in innerparteilichen Konflikten vergeudet während dringlichst Handlungsbedarf auf ganz anderen Ebenen besteht. Keine Parteien, die Popkultur gleich die Inhalte und Ziele ihrer Programme durch millionenschwere Werbekampagnen zu vermitteln versuchen, und am Ende, in angestrebte Positionen gelangt, doch nur wieder die ausgetretenen Pfade beschreitet. Keine Politiker, die sich zu Hofschranzen der Wirtschaft machen lassen, weil ihnen eine beispiellose Karriere in der Beletage und den Aufsichtsräten in Aussicht gestellt wird. 

Wir brauchen Menschen, die das Heft in die Hand nehmen, ihre Stimme erheben, wie diese jungen Leute heute in meiner Stadt.

Freitag, 2. November 2018

Frankfurter Buchmesse ohne „rechte Ecke“


Soweit die Worte Jürgen Boos‘, dem Geschäftsführer der Frankfurter Buchmesse, im Vorfeld des diesjährigen Medienereignisses.

Eine klare Positionierung, die Boos in seiner Eröffnungsrede am 10.10.2018 noch einmal mit den Worten bekräftigte: „Wer unsere Bühnen missbraucht und die Frankfurter Buchmesse dafür instrumentalisiert, Positionen in die Welt zu bringen, die die Freiheit aufs Spiel setzen, dem widersprechen wir sofort und vehement.“
Dem entgegen steht der Inhalt eines Artikels der FAZ vom 11.10.2018, in dem Boos rechtfertigt, zwei Verlage aus dem rechten Spektrum zugelassen zu haben. Ich sehe hierin einen deutlichen Widerspruch, insbesondere im Hinblick auf das diesjährige Motto der Buchmesse „on the same page“, das dem 70. Jahrestag der Charta der Menschenrechte voransteht. Menschenrechte und rechtsnationalistisches Gedankengut stellen für mich zwei Faktoren dar, die im denkbar größten Gegensatz zueinander stehen. Verlagsanstalten, die dieses Gedankengut publizieren, haben für mich keinerlei Existenzberechtigung, weder in der Gesellschaft noch auf einer Veranstaltung, die mit ihrem Namen für Liberalismus und freiheitlich-demokratische Grundordnung steht.

In kritischen Verlautbarungen zur Zulassung dieser Verlage fiel von Seiten der Messeleitung der Begriff Zensur, die niemals ein probates Mittel des Widerstands, auch nicht gegen rechts, sein dürfe. Wenn aber die Folge an Boden gewinnender rechter Politik, nicht zuletzt auch durch die Verbreitung rechts ideologischer Literatur, am Ende die Beschränkung der Presse- und Meinungsfreiheit, soweit sie nicht dieser Ideologie entspricht, bedeutet, sie also einer der höchsten Werte des demokratischen Rechtsstaates einzuschränken beabsichtigt, halte ich es nur für angemessen, diesen Kräften keinerlei Medium zu bieten.