Donnerstag, 29. April 2021

Tue Gutes und...

Es ist unumstritten, dass mit der Entwicklung und letztlich mit dem Vertrieb eines Medikaments, wie beispielsweise eines Vaxins zur Eindämmung einer weltweiten Pandemie, enormes Geld verdient wird. Es mag zudem sein, dass dieser Umstand als Motivation für unermüdlichen Einsatz in der Entwicklungsphase zum Tragen kommt. 

Es ist nicht auszuschließen, dass einem Künstler, der  beispielsweise ein Benefizkonzert gibt,  dessen Einnahmen sozialen Zwecken zugute kommen, dies als willkommener Nebeneffekt auch der eigenen Popularität dient. 

Es mag nicht sein, es ist: Dass es mir selbst ein gutes Gefühl vermittelt, einem Hilfsbedürftigen auf der Straße ein paar Münzen zuzustecken, die ihm unter Umständen seine nächste Mahlzeit sichern. 

Aber bei all diesen Beispielen dem jeweiligen Handeln als Motiv den vordergründigen Selbstzweck vorzuhalten, ist nicht minder verwerflich als das, was wir denen, die etwas tun, unterstellen, während die meisten sich, den Stab der Entrüstung über jene brechend, abwenden.

Dienstag, 27. April 2021

Beim wem lassen Sie denken?

Vertrat man bisher die Theorie, dass die Ausbreitung des Virus sich vor allem durch undiszipliniertes Verhalten der unverbesserlichen Wegschauer vollzieht, wurde man spätestens in der vergangenen Woche eines Besseren belehrt. Seit einigen Tagen kursiert die „Online-Petition gegen die Vernunft“ durch die virtuelle Welt, in der nicht weniger als 50 namhafte Größen der Unterhaltungsbranche die Hand zum Sturm gegen die Vernunft erheben, statt ihren Einfluss im Sinne dessen gelten zu machen, was uns alle bewegt, was wir alle uns wünschen, wes wir alle darben.

Garniert durch die Terminologie der Satire; letztlich lassen sich auch die größten Katastrophen auf dem Podest der Verblödung wiederkäuen, ausspeien und schließlich denen zum Fraß vorwerfen, deren geistiger Horizont sich an einem 60 Zoll Plasma-Bildschirm bricht, werden nachweislich wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse verlacht und ersetzt durch noch so haarsträubende Theorien, wird zum Boykott von Schutzmaßnahmen aufgerufen, werden Opfer, ob nun zu Tode gekommene oder schwer leidende Patienten, Pflegekräfte und weiteres medizinisches Personal, die täglich in unermüdlicher Weise ihr Äußerstes geben, verunglimpft und verhöhnt, weil es ja alles nicht so schlimm sei.

Dass dies nun aus Kreisen derer, denen man nicht vordergründig unreflektiertes, undifferenziertes Denken nachsagen möchte, kommt, enttäuscht in besonderer Weise. Ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die sich selbst ein umsichtiges, zivilisiertes Verhalten verordnen, weil zum gegenwärtigen Stand der Entwicklung nur hierin ein hinreichender Schutz der eigenen Person wie der Allgemeinheit zum Tragen kommen kann.

Wir, die wir gegenüber Staaten, in denen Diktatur und Autokratie herrscht, in Freiheit leben, verwalten ein hohes Gut. Das Gut der Freiheit des Denkens, des Wortes, des Handelns. Niemand klaren Verstandes wird sich guten Gewissens wünschen, diese Privilegien durch restriktive staatliche Kontrolle und Bevormundung zu ersetzen. Wenn diese Freiheit jedoch eine Gefährdungslage generiert, die zu entarten droht, halte ich konsequente und kategorisch legislative Maßnahmen, wie die jüngst abschließend im Bundesrat beschlossenen Verordnungen, mittels welcher man den Ländern und Kommunen in der Bekämpfung der Pandemie die Entscheidungshoheit entzieht und auf den Bund verlegt, für unabdingbar.

Die Absurdität eingangs erwähnter Petition besteht, sozusagen in unbeabsichtigtem Nebeneffekt, auch darin, dass man mit ihr Kräften in die Hände spielt, die den (Un)Geist der Zeit längst erkannt und für sich instrumentalisiert haben. Rechtsnationalen Strömungen, die den Begriff Demokratie, den sie unablässig gemahnen,  denaturieren, um am Ende, erst einmal zu Einfluss gelangt, genau die hier beschworene Freiheit bestenfalls im Sinne ihrer eigenen hirnlosen Ideologien zulassen. „Herr meine Not ist groß. Die Geister, die ich rief, werde ich nicht mehr los...“ (Zauberlehrling/Goethe)


Samstag, 17. April 2021

„Und die Musik hielt keinen Augenblick still, die Musik kannte kein Nein.“ (Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften)

Zweifellos gehört die kunst- und kulturschaffende Branche neben der Gastronomie und dem Einzelhandel zu den am stärksten betroffenen Bereichen, die unter der Pandemie und ihren Folgen zu leiden haben. Theater, Konzertsäle, Museen, sofern sie sich nicht auf Zuwendungen und Subventionen der öffentlichen Hand stützen können, bangen um ihre Existenzgrundlage.
Keinerlei Perspektive, wie es weiter gehen soll. Ob es überhaupt weitergehen wird. Nicht unerwähnt die zahllosen freischaffenden Künstler, die nicht selten gezwungen sind, Tätigkeiten jenseits ihrer Passion anzunehmen, wenn sie nicht auf staatliche Hilfe angewiesen sein wollen.

Im Leitsatz, der seit Beginn der Einschränkungen über allem steht, „ohne Kunst und Kultur wird’s still“, geht es aber nicht akzentuiert um den Wirtschaftsfaktor Kunst, wenn er natürlich im Subtext und sehr zurecht genau diese Situation beklagt. Der Gegenstand dieses Beitrags aber soll eben nicht sein, wie rettet man die Kunst nach Maßgabe der Wirtschaftlichkeit. Es soll um den Kunstbegriff bzw. die Kunst an sich gehen, die es nicht mehr geben wird, wenn nicht, zugegeben ein wenig überspitz formuliert, ein Wunder geschieht. So zumindest meine Interpretation des genannten Hilferufs.

Wenn ich also lese, es wird still um die Kunst, die Kunst aus kommerzieller Perspektive, ja, die Kunst als identitätsstiftendes Merkmal einer Nation die in Gefahr, spricht man dann nicht von der Kunst in althergebrachter Darreichungsform? Der Salonkunst in Form chrom- und marmorüberfrachteter Musentempel? In Form von Theatern und Konzertsälen, ausgestattet mit Spitzentechnologie, die ein visuelles wie akustisches Klangerlebnis sehr besonderer Art schaffen? Salonkunst, die, geben wir es ruhig zu, auch ein wenig der Selbstinszenierung dient? „Schaut her, wir gehen ins Theater, ins Museum, ins Konzert...“, wobei der eigentliche Zweck, dem die Kunst doch dienen sollte, vielleicht nicht unbedingt in zweiter Reihe sitzt, aber doch ich möchte es vermuten, den Rahmen zwar bietet, doch nicht den alleinigen Anlass des jeweiligen Besuchs.

Ohne Frage, dies alles ist zur Zeit nicht möglich. Selbstverständlich treffen die beschriebenen Beispiele nicht, allenfalls bedingt auf die zahlreichen kleinen Bühnen, die Hinterhoftheater, die Lesebühne, auf alles, was unter dem Label Kleinkunst changiert, zu. Die Formulierung des Auf- respektive Warnrufes aber ist mir zu allgemein gefasst.

Brauch die Kunst dies alles? Was wäre, wenn wir sie auf ihre elementarste Stufe zurückstellen?

Was braucht es, Theater zu spielen? Eine Hand voll Akteure. Ein Stück. Ein Publikum.
Was, um Musik zu machen? Was zum Tanzen? Zum Rezitieren literarischer Texte oder Gedichte?

Zum Zeigen der Werke bildender Kunst? Die kulturelle Armut, von der hier die Rede ist, liegt vordergründig in uns selbst begründet. In unserem Unwillen, uns veränderten Situationen anzupassen, um am Ende vielleicht festzustellen, dass all dies, was um uns herum geschieht, auch eine Chance beinhaltet, wie es zu Beginn dessen hieß, was wir seit langer Zeit erleben.

Am Gebäude der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main treffen sich allabendlich Menschen, um zu tanzen. Kein wirkliches Klangerlebnis, wenn aus mitgebrachten Boxen Klänge lateinamerikanischer Rhythmen hervorquellen und einladen, das Leben zu feiern. Es bedarf keiner Tanzsäle mit Dolby Surround System und elektronisch gesteuerten Lichtreflexen. Eine kleine Schauspieltruppe zieht durch die Fußgängerzonen, spielt Szenen der Klassiker auf der Bühne, die die Straße bietet, spielt unter Einbeziehung eines Publikums, das der Alltag heranspült. Ein Poet, der einmal wöchentlich seine Gedichte in den Straßen zum Besten gibt, hernach er selbige 100fach an die Laternen, die Häuserwände und Litfaßsäulen klebt, auf dass man sie lesen, sie sich mitnehmen, sich an ihnen erfreuen kann. Ein Aktionskünstler, schweigend inmitten der Menschenmenge stehend, unbeweglich verharrend, Symbol gebend für eine Gesellschaft, die in ihrer Ohnmacht schon lange nichts mehr sagt, doch allenthalben das große Wort führt.

All das ist Kunst, ist Kultur in einer vielleicht reineren, unverstellteren Form als die, die wir in Gestalt dessen wie anfangs beschrieben serviert bekommen. Kunst, die zu uns kommt. Die uns anspringt aus dem Hinterhalt. Der wir schutzlos ausgeliefert sind. Der wir uns nicht entziehen können. Die das darstellt, was Heiner Müller in seinem Satz, die Wirklichkeit unmöglich zu machen, ausgedrückt hat.

Kunst und Kultur, deren Wegbrechen und Versanden hier beklagt und angemahnt wird, fand in der Vergangenheit oft unter denkbar widrigeren Umständen statt. In Zeiten schlimmster Entbehrung. Im Angesicht von Untergang und Todesgefahr haben Menschen etwas geschaffen, das sie selbst und die Zeit überdauerte. Für mich ist Kunst vor allem ein Medium des Ausdrucks. Ein Verneigen vor bzw. ein Auflehnen gegen bestehende Formen. Der kommerzielle Charakter sollte selbstverständlich nicht außer Acht gelassen werden, aber die Aussage, dass es sie nicht mehr geben wird, sofern entsprechende Mittel nicht zur Verfügung stehen, halte ich für zu kurz gegriffen. Gerade mal 10% der in Deutschland arbeitenden Künstler sind imstande, von ihrer Arbeit zu leben. Das ist zunächst eine erschreckende Zahl, doch zeigt sie nicht auch, besonders hinsichtlich der zum Teil hochfrequentierten Studiengänge und Kurse an den Hochschulen und Universitäten, dass Kunst auch und vor allem aus einem Ideal entwächst, dass sich nicht vordergründig am Geld bemessen lässt?

Wir können all dem etwas entgegensetzen, wenn wir endlich bereit sind, unsere Komfortzone zu verlassen. Kunst und Kultur wird es immer geben. Sie ist so alt wie die Menschheit selbst. Theater braucht vordergründig das, was ich beschrieb. Theater ist schon seit Tausenden von Jahren 3 D

Noch einmal: ich bagatellisiere nicht die wirtschaftliche Not vieler kultureller Einrichtungen und derer, die in ganz persönlicher Form unter den Beschränkungen leiden. Aber vielleicht trifft es zu, dass besondere Situationen besondere Maßnahmen erfordern. Situationen, die irgendwann vorüber sein werden. Bis dahin aber wäre vielleicht ein wenig Kreativität auch in anderen als künstlerischen Gesichtspunkten hilfreich.