Sonntag, 10. Mai 2020

Eine Krise als Chance


Jede Krise beinhaltet auch eine Chance. So hieß es zu Beginn der Corona-Krise. So versuchte man in der Gesellschaft über die Verhängung und Einhaltung von Schutzmaßnahmen vor einer lebensbedrohlichen Gefahr hinaus, ein Bewusstsein zu
erzeugen, das mit dem Zeitpunkt, da die Maßnahmen gelockert würden, weiterhin den Schutz der eigenen Person so wie der Gemeinschaft bewirken sollte. 
Man hätte es als Zäsur begreife können. Man hätte es als Anlass nehmen können, in sich zu gehen. Sein Verhalten zu überdenken. Darüber nachzudenken, in was für einem Wohlstand, selbst in Zeiten von Einschränkungen, wir leben, wissend, dass wir uns immer noch aus überfüllten Supermarktregalen bedienen können, die uns ihr Sortiment nahezu rund um die Uhr zum Kauf darbieten.

Wir haben keine wirklichen Einschränkungen erfahren. Erst recht keine, die unsere viel gepriesenen, vom Gesetz verbrieften Freiheitsrechte einschränken, die von weiten Teilen der Gesellschaft, zumeist von denen, deren geistiger Horizont an der Wohnungstür endet, lautstark eingefordert werden.
Was stattdessen stattfand, war bestenfalls eine unliebsame Pause in unserem von Maßlosigkeit, Verschwendungssucht und Dekadenz geprägten, nimmer zu befriedigenden Konsumverhalten, das eine unmittelbare Konsequenz aus dem Streben nach stetem Kommerz und Wachstum darstellt. 
Lebensqualität ist Konsum. Ist Besitz. Ist die Möglichkeit, auswählen zu können aus einer Produktpalette, die in ihrer Vielfalt zum größten Teil aus Waren besteht, die der Mensch in diesem Umfang nicht zwangsläufig braucht. Nicht zumindest in einer Zeit, wie wir sie gegenwärtig erleben. Einer Zeit, in der es um wichtigere Dinge gehen sollte.
Die Chance, die diese Krise gemäß des zitieren Sprichworts beinhaltet, haben wir versäumt.

Aber es ist und war nicht nur der Pöbel, der in seiner Unvernunft und seinem geistigen Unvermögen nicht begreifen wollte, dass die Notwendigkeit dieser Maßnahmen dringend geboten waren. Der Pöbel, der den Verzicht auf den Besuch der Oma, zu dem man sich in normalen Zeiten auch nur einmal im Monat herablässt, plötzlich symbolisch für „Staatlich verordnen Hausarrest“ benannte.

Es waren auch, und hierin liegt meine Empörung im Besonderen begründet, viele Intellektuelle, viele Vertreter aus Kunst, Kultur und Medien, zuletzt auch der Kirchen, die zu offenem Protest und zu konsequenter Einforderung unserer Freiheitsrechte aufstachelten.

Was sich hier zeigt, ist in Teilen das Abbild einer von Ignoranz und Erbärmlichkeit, von Egoismus und Verantwortungslosigkeit geprägten Gesellschaft, deren Ansinnen offenbar einzig in der Befriedigung zuvor genannter Bedürfnisse besteht.

Ich möchte mich eines Satzes des ehemaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse bedienen, der sich hinsichtlich der Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag des Kriegsendes wie folgt äußerte: Es bedurfte dieses totalen Zusammenbruchs, dieses ungeheuren Leids, das dem vorausging, um die Chance, die sich draus ergab, als solche zu erkennen.“ Vielleicht bedarf es eines erneuten Zusammenbruchs gesellschaftlicher Normen und Strukturen, hervorgerufen durch die Bedrohung durch ein lebensbedrohliches Virus, das imstande ist. ungeheure Opferzahlen zu fordern, damit wir begreifen, was wir haben. Begreifen, was es zu bewahren und zu pflegen gilt.

Auf dem Niveau, auf dem wir vor Wochen, auf dem wir auch während der Krise standen und stehen, weiter zu machen, wird früher oder später diesen Zusammenbruch zur Konsequenz haben. Man muss weder wissenschaftlich bewandert noch prophetisch veranlagt sein, die Zeichen hierfür zu erkennen.

Freitag, 8. Mai 2020

Gedanken zum 08.Mai 1945

Ein amerikanischer Soldat beschrieb das, was sich ihm beim Besuch zerstörter deutscher Städte unmittelbar nach der Kapitulation offenbarte, als ein: „Monument menschlicher Fähigkeit zu Selbstzerstörung!“

Ich denke, treffender kann man es nicht ausdrücken.


Am 8. Mai 1945 um 00:00 Uhr geschah ein Wunder. Vom Augenblick der Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde durch den kläglichen Rest Hitlers Entourage gab es keine Nazis mehr im Land. Niemand mehr, der verantwortlich zeichnete für das, was die Geschichtsschreibung später als Zivilisationsbruch bezeichnen würde. Niemand, der von irgendetwas gewusst, noch an irgendetwas beteiligt gewesen sein wollte.

5 Millionen Zivilisten verloren in den Schrecken des Krieges allein in Deutschland ihr Leben. 15 Millionen Menschen ihr Obdach. Diese Zahlen werden später den Geschichtsvergessenen, den Leugnern, den Neonazis Motivation sein, von Verbrechen gegen die Menschlichkeit von Seiten derer zu reden, die dieses Land vom Joch der NS-Terrors befreit haben. Denen, die sich in ihrer moralischen Verkommenheit nicht scheuen, der heroischen Taten der Wehrmacht zu gedenken. Denen, die lieber heute als morgen eine Kehrtwende in der Gedenkkultur sehen würden, damit es endlich vorbei ist mir der Selbstanklage, mit dem Schuldkult, der, laut Aussage eines der führenden Industriellen dieses Landes, dem Deutschen wie ein Menetekel anhaftet und jede Form wirtschaftlicher Entwicklung behindert.
Alljährlich gedenkt das Land an diesem Tag. Gedenkt seiner Opfer. Mir aber fällt es schwer, der Generation unserer Großeltern einen umfassenden Opferstatus zuzuschreiben. Ich gedenke vor allem derer, die dieses Land von der Tyrannei der Nazis befreit haben. Derer, die sich in Aufopferung und Zivilcourage den Vollstreckern des Bösen in den Weg gestellt haben. Derer, die sich für Schwache und Verfolgte eingesetzt haben. Derer, die ungeachtet der Gefahr für Freiheit und Leben Verfolgten Schutz und Unterschlupf gewährten. 

Ganz sicher aber gilt mein Gedenken nicht denen, die dieser Tyrannei den Weg geebnet haben. Nicht denen, die nach der Kapitulation eiligst das Führerbild von der Wand nahmen und Parteibuch und Hakenkreuzarmbinde ins Feuer warfen.
Nicht denen, die noch Wochen vor dem Zusammenbruch den totalen Krieg beschworen.
Nicht denen, die durch die Kriegsindustrie und Rekrutierung hunderttausender Zwangsarbeiter zu unsagbarem Reichtum gelangt sind und die sich bis heute nicht zu ihrem Teil der Schuld bekennen. Nicht denen, die sich, wie Sophie Scholl es einst nannte, zum Geschöpf diese Krieges machen ließen, in dem sie mordend und marodierend durch fremde Länder zogen, um sich später mit Unschuldsmienen auf ihren Befehlsnotstand zu berufen.

Vor einigen Jahren initiierte Jan Philipp Reemtsma die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“, die bereits nach kurzer Zeit abgebrochen werden musste, weil sie einen Sturm der Entrüstung in weiten Teilen der Bevölkerung auslöste. Veteranen, mit Stolz geschwellter Brust, sahen das Andenken ihrer Heldentaten beschmutzt und verunglimpft.

Allein diese Tatsache verdeutlicht den Umstand, dass der Geist, aus dem diese Verbrechen, derer sich die genannte Generation schuldig machte, erwuchs, längst nicht versiegt ist. Der Geist, der sich in dem von dem amerikanischen Soldaten zitierten Satz manifestiert. Der Geist, der ein Handeln bewirkt, an dessen Ende nur Selbstzerstörung steht.


Nachtrag:

Denen, die heute die Haltung vertreten, dass unsere Generation keine Schuld trifft an den Verbrechen der Nazidiktatur und somit auch keine Verantwortung für das, was heute hinlänglich als Zivilisationsbruch in der Geschichte dieses Land bezeichnet wird, möchte ich sagen: wenn wir stolz sein wollen auf Errungenschaften und Werte aus Wissenschaft, Kunst und Kultur, zu deren Schaffen wir nicht maßgeblich beitrugen, haben wir auch die Verpflichtung zur Verantwortung für die schrecklichen Dinge, die in diesem Land geschahen.








Dienstag, 21. April 2020

Offener Brief an den Chefredakteure/Ressortleiter der Süddeutschen Zeitung, Heribert Prantl:

Als Reaktion auf einen in der Süddeutschen Zeitung erschienenen Kommentar des Redakteurs Heribert Prantl, in dem dieser die Rechtmäßigkeit der von Seiten der Bundesregierung erhobenen Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung vor den Folgen der Infektion mit dem Corona Virus anzweifelt, ging dem Genannten folgender offener Brief zu.