Mittwoch, 7. Oktober 2020

"...der Fluch der Mittelmäßigkeit." (K.Tucholsky)

Als aufmerksamer Beobachter gängiger Unterhaltungsmedien, stelle ich mir seit geraumer Zeit die Frage, was dem Umstand zugrunde liegt, dass selbst namhafte Schauspieler, selbst die, die man bisher mehr auf der Theaterbühne sah als in TV-Sendeformaten, die eher der seichten Kategorie zugehören, ihre Profession im Polizeidienst finden?

Vordergründig mag dies in der erheblichen Zahl derer dieser Zunft liegen, die schlicht von ihrem Beruf nicht leben können. Laut Statistik liegt ihre Zahl bei rund 60 Prozent,  also mehr oder weniger in der Notwendigkeit, nehmen zu müssen, was sich bietet, und sei es eben der Polizeidienst, oft nicht einmal im gehobenen Beamtenstatus. Mehr also der Uniformträger dieser Berufsgattung, die in TV-Serien, meist in denen, die im Vorabend-Programm ihren angestammten Platz finden, als ein wenig unterbelichtet dargestellt werden.
Was aber macht die Beliebtheit dieser Formate aus? Unzählige Serien flimmern Abend für Abend über den Bildschirm. Sonderkommissionen zahlreicher bekannter deutscher Städte ermitteln nach immer demselben Schema. Nahezu jede Folge beginnt mit einem mehr oder weniger spektakulären Mordfall, der sich nicht im Wesentlichen von den vorhergegangenen unterscheidet. Nicht einmal in dem standardisierten Anfangsdialog nahezu sämtlicher Episoden zwischen Ermittlungsleiter („Können sie schon etwas zur Todesursache sagen?“ ) und Gerichtsmediziner ("Genaueres nach der Obduktion!") Vielleicht ist es neben den vertrauten Gesichtern der Darsteller, den vertrauen Charakteren der jeweilige Figuren,  die einem buchstäblich ans Herz wachsen,  der Wiedererkennungswert nach dem Muster, über das sich auch die nicht unerheblichen Verkaufszahlen regionaler Krimiliteratur definieren. Die Straßenecke, das Café, der Parkplatz am Einkaufszentrum, den man kennt.  Aber auch hier setzt man nach dramaturgischen Gesichtspunkten offenbar auf Unaufmerksamkeit des Konsumenten/Zuschauers. Dann nämlich, wenn sich das ehrgeizige und erfolgsverwöhnte Ermittlungsteam während der Verfolgungsfahrt beispielsweise am U-Bahnhof Schwanthaler Straße in München, nach der nächste Abbiegung  an einem 25 Km entfernten Ort befindet.
Nichts gegen seichte Unterhaltung. Es muss ja nicht immer höchsten Ansprüchen genügen. Aber unterstes Niveau und dann in dieser Größenordnung?

Tucholsky hat es in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts einmal in der Frage: „Sag mal, verehrtes Publikum, seid ihr wirklich so dumm?"
ausgedrückt.  „Es lastet ein Fluch auf dieser Zeit.  Der Fluch, der Mittelmäßigkeit!“ Ich glaube, darin erklärt es sich. Damals wie heute. Wir brauchen diese „zuckrigen Sachen“, wie es weiter heißt im Gedicht, um uns abzulenken von der Last der Realität, die zweifellos unseren Alltag bestimmt.  Ob dies nun Dummheit ist, wie Tucholsky es benennt, Erschöpfung oder schon Verzweiflung angesicht der eigenen Mittelmäßig, der eigenen Unbedeutsamkeit,  sei dahingestellt.

Die Einschaltquoten, die sich teilweise irgendwo zwischen Tagesschau und Bundesliga bewegen, sprechen für sich.  Und schlussendlich auch für die zu Beginn gestellte Frage. Warum wir uns lieber von so was berieseln lassen, als ins Theater zu gehen, um neben einem handverlesenen, guten Programm auch den Institutionen, die das ursprüngliche  Schaffensgebiet der Schauspielkunst sind und die seit Anbeginn ihres Bestehens im Wesentlichen nicht mehr brauchen als eine Bretterbühne, einen Vorhang und Menschen, sei es vor oder auf der Bühne, die für sie brennen, die Existenzgrundlage zu sichern.

Sonntag, 4. Oktober 2020

Eine Frage der Gastlichkeit

Dem einen oder anderen Leser meiner Beiträge mag ich als notorischer Nörgler, als Mensch, der sich vordergründig an den negativen Seiten unserer Gesellschaft abarbeitet, erscheinen. Dem aufmerksamem Leser jedoch wird es nicht entgehen, dass meinen Beschreibungen der Verhältnisse oft ein ironischer Unterton zugrunde liegt, wie auch in der folgenden Glosse, in der es um unser Konsumverhalten gehen soll. Als passionierterer Café-Besucher kann ich mit Fug und Recht für mich reklamieren, nie in meinem Leben einen „Coffee-to-go“, ob nun erworben in einem Stehausschank am Rande der Fußgängerzone oder einer der zahllosen Kaffeehausketten, konsumiert zu haben. Dieses Produkt bzw. dessen Verzehr stellt für mich den Inbegriff termingetriebener Rastlosigkeit dar.

Auf dem Weg zur U-Bahn, zu Arbeitsstelle oder im Kaufrausch, in der einen Hand einen Kaffee im formschönen Pappbecher, in der anderen ein Stück Kuchen, in der dritten das Handy am Ohr, sofern man nicht über eine Freisprecheinrichtung nebst „in-ear-Hörern“, jenen technischen Neuerung also, die dem Aufsatz einer elektrischen Zahnbürste gleicht, verfügt. In meinen zeitweiligen philosophischen, gedanklichen Exkursionen habe ich mir einmal die Frage gestellt, wie viel Leben, bemessen an Aktivitäten im Vergleich Vergangenheit zur Gegenwart, wir heute leben? Dies aber, sei nur am Rand bemerkt.

Kommen wir zurück zum eigentlichen Thema, dem Kaffeehaus.Ich hatte noch ein wenig Zeit bis zu meinem Termin. Eine Stunde blieb mir, um genau zu sein. Da eine Filiale der Kaffeehauskette, die den klangvollen Namen des Bootsmanns in Hermann Mellvilles´ Roman „Moby Dick“ trägt, beschloss ich, mich in selbiger niederzulassen. Eine auf den ersten Blick angenehme Atmosphäre, eine Symbiose aus Optik, gedämpfter Geräuschkulisse und dem Duft frischen Kaffees empfing mich. Niemanden, der diese Einrichtungen kennt, wird es fremd sein. Freilich mangelt es an Individualität. Sämtliche Filialen dieser Kette, ob nun in Tokio, New York, London oder einem Außenbezirk von Wattenscheid, gleichen einander wie ein Ei dem anderen, und doch erreichen
sie die Sinne, denn allem, was hier geschieht, liegt ein knallhartes, nach psychologisch werbewirksamen Gesichtspunkten ausgearbeitetes Geschäftskonzept zugrunde, mit möglichst geringem Aufwand einen höchstmöglichen Umsatz zu erzielen. Wir, die Besucher, wissen es, und doch lassen wir uns nur zu gern darauf ein, uns wohlzufühlen, weil man es eben tut. Das Mobiliar teilweise im „Kolonial-Style-Antikleder“, das eine gewisse Patina symbolisiert, gehalten. Die Wandgestaltung in Form von Tapeten, die an eine Bibliothek erinnern. Das Licht gedimmt aus messingfarbenen Kandelabern. Der Fußboden aus Schiffsplankendesign-Plastik-Laminat. Und schließlich das Produkt: Spätestens hier gerät der ungeübte Gast an die Grenzen seiner Belastbar- bzw. Entschlussfreudigkeit.

Mit einem zuckersüßen Lächeln, das kaum Aufschluss gibt über die Erschöpfung der Mitarbeiter durch den immensen Arbeitsdruck, den auszuüben eigens ein Manager in den jeweiligen Filialen eingesetzt wird, werde ich nach meinem Wunsch gefragt.
„Einen Kaffee bitte.“ „Zum hier trinken!“, ergänze ich, überlegend, ob diese Formulierung grammatisch korrekt sei. Verwiesen auf das nahezu unüberschaubare Sortiment werde ich gebeten, meinen Wunsch zu konkretisieren.

„Wir haben: Flat white, Iced Coffee Mocca, Iced Americano, Iced Coffee Latte, Espresso con Panna, Flavored Latte, Mocca Ligth, Frappuccino blended beverage, Java Chip Chocolate Cream …“

Ich kapituliere. So klangvoll die jeweiligen Namen, so ansehnlich ihre optische Erscheinung. Unerklärlich hingegen, warum man so ein künstlerisch anspruchsvoll gestaltetes Produkt in einem undurchsichtigen Pappbecher verschwinden lässt, der bestenfalls noch am Geschmack erkennen lässt, was sich in ihm befindet. Zucker vordergründig, der den Kalorienbedarf eines ganzen Tages abdeckt. Ich beharre weiter auf einer Tasse Filterkaffee, mich unsicher umblickend, ob ich mich mit meinem exotischen Wunsch nicht vollends als „nicht zur Zielgruppe der hier verkehrenden Menschen“ oute. Die Frage, ob „tall, grande oder small!“ (warum eigentlich zweimal englisch, einmal italienisch?) beantworte ich konsequent mit „Klein“ Schließlich ziehe ich mich mit meinem Getränk an einen der freien Tische am Rande des Schauspiels zurück, darüber reflektierend, was hier geschieht. Neben den angebotenen Produkten wird etwas verkauft, das nicht existiert. Das mag in unserer auf Massenkonsum gebürsteten, desensibilisierten Gesellschaft Normalität sein, mich aber erschreckt es. Nicht real ist das Ambiente dieses Cafés. Nicht existent das Gefühl von Gemütlichkeit, die die Plastik-Atmosphäre vermitteln soll. Nicht vorhanden die Qualität eines Produktes zu teilweise völlig überhöhten Preisen, das ausschließlich durch Optik wie durch chemische, künstliche Aromen zum Kauf und Verzehr animiert. Nicht existent ein persönlicher, individueller Service, der sich lediglich darin äußert, dass der Name, des Gastes auf den jeweiligen Becher geschrieben wird, der schließlich, nach 

Fertigstellung der Kreation, durch den Raum geplärrt wird. Es ist alles Fassade, die spätestens an dem Punkt zusammenbricht, an dem man sie hinterfragt. Aber nur allzu willfährig, lassen wir uns verführen von dieser Entmündigung der eigenen Wahrnehmung, des eigenen, persönlichen Geschmacks. Nein, für mich wird ein Café weiterhin ein Ort sein an dem ich mich aufhalte, weil ich genau hier sein will. Weil er mehr ist, als nur das billige Abbild dessen, was vergangen ist. Weil ich mich einlassen möchte auf die Umgebung, unbeeinflusst von Reizüberflutung. Mich einlassen möchte auf Zeitungslektüre und die ein oder andere Tasse Kaffee. Auf das Fühlen von Zeit und nicht die Umtriebigkeit, sie mit möglichst vielen weiteren Aktivitäten anzufüllen. Ein Ort auch des Dialogs, sei es mit mir selbst oder anderen, die, wie ich, hier der Hektik des Alltags, den immer unüberschaubareren Dimensionen des Konsumwahns, entfliehen. 

Samstag, 3. Oktober 2020

Der Preis des Sommers oder:

 Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles.“ (Faust1)

Der Kabarettist Georg Schramm hat anlässlich seiner Dankesrede zur Verleihung des Erich Fromm Preises vor einigen Jahren einen Satz geprägt, den ich diesem Beitrag voranstellen möchte:

„Nicht nach uns die Sintflut. Wie sind die Sintflut!“

Hierbei kann man es im Grunde belassen. Sich auf diese wenigen Worte beschränken, die alles beinhalten, an dem unsere Gesellschaft krankt. Eine Gesellschaft, die von allem den Preis, von kaum etwas jedoch den Wert noch kennt. Die, denen noch dieses Bewusstsein zu eigen ist, die noch differenzierten Denkens im Stande sind, die noch hinschauen, ziehen sich zunehmend in sich selbst zurück, weil ihre Stimmen allzu oft verhallen im geistlosen
Geplärre des Pöbels, angestiftet und infiziert von denen, die angesichts der Mehrung des eigenen Profits, ob nun wirtschaftlich oder karrieristisch motiviert, auf die Dummheit derer setzen, die ihnen willfährig den Steigbügel halten. Die Dummheit derer, denen es an Verstand fehlt, die Konsequenzen ihres Handelns zu überschauen.

Worin aber Trost finden? Woraus Hoffnung schöpfen, dass es sich am Ende doch zum Guten wenden wird? Das Problem, um das es geht, ist so alt wie die Menschheit selbst. Der Mensch als intelligentes, vernunftbegabtes Wesen, hat diese beiden Attribute vor allem für eines eingesetzt: Für die Mehrung des eigenen Wohlstandes, zunächst natürlich durch Fleiß und Strebsamkeit, nicht selten aber auch durch Anwendung von Gewalt und Ausbeutung Dritter. Durch widerrechtliche Aneignung und maßlose Verschwendung von Ressourcen
und der billigenden Inkaufnahme von Leid und Verelendung derer, die diesen Wohlstand in erheblichem Maße sichern.

Der Einzelne, der sein Lebensglück in Mallorca-Urlaub und Sangria-Kotze sieht, wie die, die uns tagein tagaus belügen mit ihren hohlwangigen Phrasen und Heilsversprechen, sei es in Wirtschaft und Politik, sei es in Worten von der Kanzel, wenn hie und da halbseidene Pseudo-Pfaffen Wasser predigen und sich selbst am Wein ergötzen. Gott hat das Menschheitsmodell längst sich selbst überlassen. Bestenfalls dient er noch als
Namensgeber für ein durchaus profitables Wirtschaftsunternehmen. „...und Gott schuf den Menschen nach seinem Abbild.“ Wahrlich kein Ruhmesblatt, dessen sich die den Glauben verwaltenden Institutionen, rühmen.

Den Preis aber, den wir heute nicht zu bezahlen bereit sind, werden wir früher oder später ungefragt abgelten müssen. Es bedarf keiner besondere Weitsichtig, keines überbordenden Intellekts, zu erkennen was geschieht, wenn nichts geschieht.

Mit Anbeginn dieses Jahres hat sich das Leben in globaler Dimension verändert. Unvorhersehbar? Schleichend? Ich denke nicht! Es fiel nicht vom Himmel, was wir gegenwärtig erleben. Was wir heute als globale, lebensbedrohliche Situation, der wir bisher kaum Herr wurden, wahrnehmen. Als sich abzuzeichnen begann was uns blüht, haben wir weggeschaut, weil es uns das Bunte, weil es uns den Glanz des Lebens verstellt hat. Heute schauen wir weg, weil wie die Folgen des anfänglichen Wegschauens nicht ertragen.In den Bemühungen um Maßnahmen, die der unkontrollierten Ausbreitung des Corona-Virus entgegenwirken sollen, heißt es, es wird keinen erneuten Lockdown geben. Der wirtschaftliche Schaden würde den des gesundheitlichen bei weiten übertreffen. Gemeint ist, der wirtschaftliche Schaden, bemessen an dem Niveau, dass wir hatten. Die Maßstäbe der Vergangenheit können aber nicht die der Zukunft sein. Die Maßstäbe der Vergangenheit haben in die Misere geführt, in der sich die Weltgemeinschaft befindet. Wenn wir aus ihr nicht lernen, werden die Folgen unüberschaubar. Wenn wir kein Bewusstsein, keinen Blick für den ungeheuren Überfluss, die Maßlosigkeit, in der weite Teile der Gesellschaft leben, entwickeln, wird für unsere und für kommende  Generationen ein Leben in Wohlstand und sozialer Sicherheit nicht mehr möglich sein.

Zu Beginn der Pandemie hieß es, es liege eine Chance in allem. Ich habe diese Chance erkannt, nicht aber, dass die Gesellschaft sie genutzt hätte. Bereits nach wenigen Wochen machte sich Unzufriedenheit breit, der Wunsch nach Befriedigung niederer Bedürfnisse , vor allem des Habenwollens, des erleben Wollens. Verschwörungstheoretiker, rechtsnationale Kräfte, die im Wirken gegen jedes Maß an Vernunft und Verstand die Chance für sich selbst witterten, hatten bald pseudowissenschaftliche und manipulierte Gutachten zur Hand. Die beschworene Solidargemeinschaft, wie sie in den ersten Woche noch funktionierte, die durchaus innovativen Ideen in vielen Bereichen der
Wirtschaft, der Kunst und Kultur, der Unterhaltungsindustrie, versandeten bald.
Der mangelnden Bereitschaft, sein Verhalten den veränderten Bedingungen, der veränderten Situation anzupassen, liegt für mich schreiende Kurzsichtigkeit bis hin zu grenzenloser Verblödung zugrunde. Und diese Verblödung wiederum bildet die Grundlagen für etwas, das in seiner Dimension auf kurz oder lang weitaus schmerzlichere (globalere) Veränderungen gesellschaftlicher Strukturen erzwingen wird.

Es ist das faustische Prinzip. Du kannst alles haben. Im Genuss denkst du nicht an den Preis.
Der dies ermöglichte jedoch, vergisst den Wechsel nicht.