Montag, 3. September 2018

Die Sache mit "Ihm"



Es gibt Menschen in unserer Mitte, die nimmt man erst wahr, wenn sie nicht sichtbar sind. Sie fügen sich wie selbstverständlich in eine Szene, in ein Bild ein, das zur Normalität wird. Man erachtet es als selbstverständlich. Sie sind untrennbar mit dieser Impression verbunden. Wirklich wahrnehmen aber tut man sie erst, wenn eine Veränderung stattgefunden hat. Wenn sie nicht da sind, wo sie bisher ihren angestammten Platz hatten. So möchte ich hier die Geschichte von „ihm“ erzählen. Ich kenne nicht seinen Namen. Vom Zeitpunkt an, als sich das hier Beschriebene zugetragen hat, sprach ich nur von „ihm“, wenn ich ihn erwähnte.
Das Café, in dem ich ihm das erste Mal begegnete, war kein besonderes seiner Gattung. Es war eines der Art, die mehr als Aufenthaltsort, mehr als Treffpunkt mehr oder weniger interessanter Menschen oder solcher, die sich dafür hielten, diente, statt den Konsumtempeln zu gleichen, in denen man unablässig in Fünf-Minuten-Intervallen zum Verzehr genötigt wird. Das Kant Café, war eine Institution. Ein Ort der Kommunikation, des Austausches. Ein Ort, wie es der Großstadtflaneur Franz Hessel in den 1920er Jahren einmal beschrieb, an dem Menschen sichtbar werden.
Hier saß er an seinem Platz. Einen Einzeltisch am Fenster. Vor ihm eine Tasse Kaffee, ein Glas Wasser und unzählige, dicht beschriebene Notizblöcke in Gestalt derer, die vor der elektronischen Datenerfassung und Verarbeitung der jeweiligen Bestellungen, der Aufnahme derselben dienten. Täglich besuchte ich dieses Cafe auf meinem Weg. Meist nur für einen Augenblick. Nicht länger, als in ihm einen Espresso zu trinken, um meinen Weg dann fortzusetzen. Die Tageszeit freilich, wann ich mich als Gast hier einfand, variierte. Er jedoch, war immer da. Er war früh, wenn das Cafe öffnete, der erste sowieso abends, wenn die Türen sich schlossen, der letzte Gast, der den Ort verließ.
Meist fand ich meinen Tisch in einiger Entfernung zu ihm, nahm eine Zeitung vom Ständer, breitete sie aus. Konzentriertes Lesen aber sollte mir nicht gelingen. Immer wieder zog er meinen Blick auf sich, ohne dass er ihn jemals erwiderte. Es war die Atmosphäre, die um ihn herum entstand. Es war seine Erscheinung und jedes Detail, das sie ausmachte. Er faszinierte mich. Er wirkte weltmännisch, souverän, ohne dass seine Kleidung, er trug ausnahmslos eine schwarze Hose und ein schwarzes Hemd, Aufschluss über einen gehobenen gesellschaftlichen Status gab. Er wirkte gebildet, aber in einer anderen Welt lebend. Physisch anwesend, doch mental nicht erfassbar.

Nicht selten beobachtete ich die übrigen Gäste, insbesondere die, die sich in unmittelbarer Nähe zu seinem Tisch befanden. Unter ihnen mancher, der sich wie ich täglich zum Kaffee einfand. Auch sie mussten ihn kennen. Auch sie wussten um den Umstand, dass er immer da war. Wie gern hätte ich aus zufällig aufgeschnappten Gesprächsfragmenten anderer Gäste Aufschluss erfahren über seine Existenz. Über sein Geheimnis, das mir im Laufe der Zeit immer absonderlicher erschien. Ihn anzusprechen, ihn auf einen Kaffee oder eine Zigarette einzuladen, wie ich es mir insgeheim oft vorstellte, kam mir bald nicht mehr in den Sinn.
Vier Jahre waren es, in denen mir die tägliche Einkehr in dieses Café zum Ritual wurde. Vier Jahre, in dem ich ihm Tag für Tag begegnete, ohne es wirklich zu tun.

Nach einer Weile nahm ich eine Veränderung an ihm war. Zwar wirkte er nach wie vor gepflegt. Das schlohweiße, dichte, Haar perfekt frisiert. Der weiße Vollbart gestutzt. Die schwarze Hornbrille ... Ja, die schwarze Hornbrille war das erste, an der es mir auffiel. Eines der Gläser hatte einen Sprung. Ein Bügel war notdürftig mit Klebeband fixiert. Wenn ich ihn morgens kommen sah, trug er zwei Einkaufstüten bei sich. Was sie beinhalteten erschloss sich mir freilich nicht. Den Gedanken, es könnte sich bei ihm um einen schlichten Obdachlosen handeln, verwarft ich, denn Schuhe, Mantel und übrige Kleidung, das gesamte Erscheinungsbild dieses Mannes, die schon erwähnte Atmosphäre, die seine Gegenwart schaffte, entsprachen nicht dem Bild eines Menschen, der ein Dasein am Rande der Gesellschaft fristete.

Eines Tages kam er nicht mehr. Keinem weiteren Gast schien dies aufzufallen. Ich besuchte das Cafe nun mehrmals am Tag. Wartete auf ihn. Aber er blieb aus. Tage und Wochen vergingen, ohne dass er zurückkam. Sein Platz am Fenster, an dem er saß, schrieb, dachte ... blieb verweist, wenn nicht andere Gäste an ihm Platz nahmen. Wenn er leer stand, sah ich ihn im Geiste. Ich bereute, ihn nie angesprochen, nie das Gespräch mit ihm gesucht zu haben.

Es war ein Herbstabend, als ich ziellos die Straßen entlanglief, wie ich es heute noch gern tue. Ich suche nach Blicken, denen ich ein Lächeln schenke, das oft spontan erwidert wird. Ich setze mich in ein Straßencafe am Rande des Geschehens und lasse das Treiben an mir vorüberziehen. Analysierend, philosophierend, nehme ich meine Umgebung in mich auf. An so einem Abend sah ich ihn. Er saß an einem Café-Tisch im vertrauten Stil angetan, jedoch ohne diesen klugen weltmännischen Blick. Ohne einen Schein all dessen, was mich so faszinierte an ihm. Die Ellenbogen auf die Knie gestützt saß er dort, traumverloren in sich versunken. Ich ging vorbei, besann mich aber und fasste endlich den Mut, ihn anzusprechen. „Haben sie ein neues Stammcafé gefunden“, fragte ich ihn, wissend, wie banal diese Frage anmuten musste. Was hierauf geschah, gab den Anlass zu dieser Geschichte. Er nahm meine Hände, umfasste sie mit festem Griff, seine waren eiskalt, er zog mich leicht zu sich hinunter, sah mich an mit einem Blick, dem ich endlose Sekunde standhielt und sprach kein einziges Wort. Niemals in meinem Leben habe ich derart sprechende Augen gesehen wie in diesen Sekunden. Was sie aber sprachen, erschloss sich mir nicht. Wie paralysiert setzte ich meinen Weg fort, nachdem seine Hände sich von meinen gelöst hatten. Das war die letzte Begegnung mit ihm. Ich habe ihn nie mehr gesehen. Das Rätselhafte dieser Begegnung aber, auf das ich vielleicht eines Tages eine Antwort finden werde, trage ich für immer in meinem Herzen.

Monatelang mied ich das Kant-Cafe. Zwar blickte ich im Vorübergehen manchmal durch die Scheibe, ob ich ihn wieder dort sitzen sah. Auch hoffte ich, ihn hier und da im Getriebe der Straßen auszumachen. Er aber blieb verschwunden. Als ich das Cafe schließlich wieder betrat, sprach ich, eher beiläufig und ohne besonderes Interesse zu signalisieren, eine Bedienung an, ob sie etwas über den Verbleib dieses Mannes wusste. „Unser Hausgeist“, gab sie zur Antwort. Nein – von einem auf den anderen Tag kam er nicht mehr. Und – nein – auch sie kannte ihn nicht, was wohl auch für das übrige Personal galt. Abends, so fuhr sie fort, wenn die Mitarbeiter noch einen Moment zusammen saßen, setzte er sich dazu, rezitierte Gedichte, Passagen aus den Klassiker des Theaters etc. Dann brach er auf in die Nacht, um am darauffolgenden Morgen wieder pünktlich vor der Tür zu stehen. Woher er aber kam, wohin er ging und wer er war, blieb jedem verschlossen.

Dieses Erlebnis liegt heute etwa acht Jahre zurück. Kaum ein Tag vergeht, da ich nicht daran denke, wer er war und ob er überhaupt war. Kaum ein Tag, an dem ich mich nicht daran machen wollte, die Geschichte aufzuschreiben. Ich scheute mich, es zu tun. Ich wollte sie im Gedächtnis, im Herzen bewahren, ohne ihr etwas Physisches zu geben. Schließlich tat ich es doch und in einer weiteren Besonderheit, die ich abschließend erwähnen möchte, findet sie schließlich ihr Ende.

Ich habe das Kant Cafe nie mehr aufgesucht. Ich habe die Stadt verlassen und sie nur hin und wieder besucht um alte Pfade mit neuem Blick zu erfassen. Auch am Cafe führte mich dieser Weg vorbei und auch lenkte ich meinen Blick zu jenem Tisch, der leer auf etwas zu warten schien, das nicht geschehen konnte. Als ich mich vor einigen Wochen nun daran machte, erste Notizen zu verfassen, suchte ich im Internet nach Informationen über das Café. Was ich erfuhr war, dass es just an diesem Tag, an dem ich die ersten Worte schrieb, seine Türen für immer geschlossen hatte.

Ich suche ihn noch heute. Nicht nur, wenn ich mich in Berlin aufhalte. Ich fand sein Pendant an vielen Orten in den außergewöhnlichsten Erscheinungen die sich durch ihre Besonderheiten von der Masse abhoben. Eigenschaften aber auch, die sie für viele unsichtbar machten.