Donnerstag, 3. Dezember 2020

Eine Frage der Perspektive.

Es ist schon erstaunlich, dass es keinerlei besonderer Qualifikation, zumindest keiner fachlich verbrieften, aber offenbar auch keiner rein menschlichen bedarf, um in die höchsten Positionen des Staates zu gelangen. Ein bisschen rhetorisches Geschick, zweifellos ein gewisses Maß an schauspielerischer Begabung, im Wesentlichen doch aber eine von verdienten Werbestrategen ausgearbeitete und bis ins Detail auf den Geist der Zeit zugeschnittene Champagne, wobei es allzu oft doch weniger die Inhalte sind, die die Hand auf dem Stimmzettel führen, als das smarte Lächeln, das schicke Outfit, die Ausstrahlung des jeweiligen Bewerbers, der um die Gunst der Wählerschaft buhlt.

So gelangen dann Menschen wie der Ministerpräsident von NRW, der mir hier als Beispiel für unqualifizierte Äußerungen bzw. Amtsführung dienen soll, wenn er – wie jüngst - von dem „schlimmsten und entbehrungsreichsten Weihnachtsfest seit Ende des Weltkrieges“ sprach, in eben höchste Ämter. Nicht zum ersten Mal hat Besagter mit vergleichbaren Äußerungen von sich reden gemacht. Angesichts massiv steigernder Infektionszahlen, nicht zuletzt durch Massenansammlungen von Quer-, respektive Nicht-Denkern, gegen jede Form von Schutz der Allgemeinheit, sprach er, so wörtlich: „Hätte man um die Gefahr gewusst, hätte man entsprechend gehandelt!“ Dieser Mann, dem offenbar jedes Maß an Rück- aber auch Weitblick abhandengekommen ist, führt die Geschicke eines der  bevölkerungsreichsten Bundeslandes Deutschlands. 
Aber er weiß sich in guter Gesellschaft.

Konsequentes Handeln in Form kategorischer, auch unliebsamer Maßnahmen zum Schutze der Bevölkerung, auch gegen massiven Widerstand derer, die es definitiv nicht besser wissen, so quer sie auch denken mögen, findet nicht statt. Stattdessen werden weichgespülte Erlasse, die vor allem in Abstimmung mit kommenden Wahlprognosen, ganz gewiss aber nicht mit dem, dem sie eigentlich dienen sollten, verfügt. Ich wünsche mir auf der einen Seite eine Politik, die zwar besonnen, aber durchsetzungsstark reagiert. Eine Politik, die weder vor der Wirtschaft noch vor der Dummheit einknickt. Auf der anderen Seite, beim Souverän, wünsche ich mir gleichsam Akzeptanz, Besonnenheit und Vernunft, die die Notwendigkeit gewisser Maßnahmen mitträgt.

Politiker aber, die in Ausübung ihres jeweiligen Amtes vordergründig den Schutz desselben erkennen lassen, in dem sie mal der einen, mal der anderen Seite in die Hände spielen, sind sicher nicht die Lösung des Problems. Der Schauspieler Ben Becker wurde im Rahmen einer TV Talk Show einmal gefragt, warum er sich nicht in der Politik engagieren würde? Weil er nicht verlogen genug sein, war seine provokante Antwort. Die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, ebenfalls Gast in erwähntem Sendeformat, echauffierte sich entsprechend. Nun will ich der Politik nicht böswillig unterstellen, sie sei per se verlogen. Doch zumindest ein Seitenblick auf den eigenen Vorteil bzw. den der Partei, lässt sich definitiv nicht in Abrede stellen. Beispiele, die diese Vermutung nahe legen, gibt es viele. Da ist eine Sarah Wagenknecht, die sich vor wenigen Tagen über den Lebensstil und die Bezüge einiger Honoratioren der Regierungskoalition ereiferte, während diese sich nicht genügend für die minder verdienenden Arbeitnehmer einsetze. Das ist ehrbar, Frau Wagenknecht. Aber ich möchte Sie sehen, die, in entsprechende Positionen gelangt, auf Gehaltszahlungen im 5-stelligen Bereich verzichtet zu Gunsten derer, die Sie vertreten. Wie gesagt, dies ist nur ein Beispiel, die sich in ihrer Vielzahl bis ins Unendliche auszuweiten lassen.

Dieser Beitrag ist be- und anklagend. Aber er soll auch eine viel wesentlichere Frage stellen. Vielleicht sind wir so? Vielleicht sind wir käuflich. Jeder Einzelne sollte sich diese Frage stellen. Vielleicht reicht der Wille, eine Veränderung herbeizuführen, vielleicht jede noch so ehrbare Form von Idealismus nicht weiter als bis zum eigenen Geldbeutel. Zum eigenen Wohlstand. Eine Erkenntnis, die es sicher nicht besser macht, aber an deren Ende vielleicht doch ein Umdenken erfolgen könnte. Der Blick in den Spiegel statt des Fingerzeigs auf den anderen. 
Zweifelsohne, Moral braucht Vorbilder. Wir wählen sie in entsprechende Positionen, auf dass sie für uns denken. Auf dass wir sie anklagen können, wenn es schief geht. Auf dass wir das Maß an Moral, dem wir selbst nicht gerecht werden, auf sie übertragen, die daran nicht minder scheitern als wir selbst.

Zwei wesentliche Merkmale liegen diesem Umstand für mich zugrunde. Mangelnder Wille zur Selbstreflexion und daraus resultierend die mangelnde Befähigung des Menschen, die Konsequenzen seines Handelns mittel- oder langfristig zu überschauen. Ob nun in der gegenwärtigen Situation der Pandemie, ob am Beispiel des Klimawandels, dessen Eindämmung nicht minder kohärentes Handeln erfordern würde. 

Die Geschichte hat es gezeigt. Katastrophen sind geschehen. Zusammenbrüche erfolgt. Besserung wurde gelobt, und am Ende war alles wieder beim Alten.