Montag, 8. Juli 2019

Menschen


Es war nur ein kleines Unwohlsein, das mich an diesem Nachmittag zum Arzt führte. Sicher keine große Sache. Da ich jedoch ein wenig zur Unsicherheit neige, wollte ich es abgeklärt wissen und nicht wochenlang in Ungewissheit auf einen Termin warten. Die Helferin wies mich an, im Wartezimmer Platz zu nehmen. Ich war der einzige Patient, richtete mich also auf eine eher kurze Wartezeit ein. Der Raum war angenehm temperiert, was erholsam war bei der nachmittäglichen Hitze dieses Sommers, die das Quecksilber des Thermometers schon mal auf Werte um die 35 Grad steigen ließ. Nach einer Weile betrat ein weiterer Herr den Raum. Er war einer dieser Menschen, an denen der Blick nicht vorbeigeht. Jemand, der durch was auch immer die Aufmerksamkeit seiner Umgebung auf sich lenkt. Ein Typ, würde man wohl sagen, weil man es nicht wirklich mit aussagefähigen Fakten beschreiben kann. Im Setzen trafen sich unsere Blicke. Ein Lächeln seinerseits wurde durch mich erwidert. „Hier bleibe ich“ hörte ich ihn sagen. Er mochte etwa 35 Jahre alt sein, überdurchschnittlich beleibt, was den Rückschuss zuließ, dass ihm die Hitze mehr als mir zu schaffen machte. Normalerweise nehme ich mir eine Zeitung oder ein Buch, sofern ich eines bei mir führe, um die Warterei ein wenig zu verkürzen. Heute aber war es dieser Mann, der mich interessierte, wobei ich natürlich bemüht war, mein Interesse an ihm nicht zu sehr zu offenbaren. Er saß auf seinen Stuhl in gerader aufrechter Haltung. Die beiden Hände auf die Oberschenkel gelegt. Ein Blick, der sich im Nichts des weißen, schmucklosen Raumes verlor. Ein Blick, der nichts fasste, nichts fixierte. Ein Blick, nach innen gerichtet. So sieht ein Mensch aus, der denkt. Der auf etwas konzentriert ist, das ihn bewegt. Ein Mensch, dessen Gedanken und Emotionen zu einer Einheit verschmelzen, die sich in diesem optischen Eindruck, der sich mir in jenen Minuten offenbarte, manifestierte. Ich wurde aufgerufen, verließ das Wartezimmer, wenig später dann auch die Praxis und machte mich auf den Heimweg. Dem geschilderten Eindruck der Episode schenkte ich keine weitere Aufmerksamkeit. Es war ein Fenster, wie ich es immer nenne. Ein verhangenes Fenster in das Leben eines Fremden. Darüber zu reflektieren, was dieses Leben ausmacht, schien mir indiskret.
Am Bahnhof, der gut 45 Gehminuten von der Praxis entfernt liegt, begegnete ich ihm dann zu zweiten mal. Ich ging zügigen Schrittes, bemerkte ihn also nicht sofort. Er saß auf einer Bank am Wegrand der Allee, die zum Portal des Bahnhofes führt. Saß in der gleichen Haltung, wie zuvor im Wartezimmer. Unsere Blicke trafen sich erneut. Ich nickte, sagte hallo, setze meinen Weg fort und blieb nach wenigen Schritten stehen, um mich nach ihm umzuschauen. Die Faszination, die zuvor von ihm ausging, wirkte immer noch, wenn sie vielleicht auch nur dem Bild meiner Phantasie, das ich in ihn hineinprojezierte, geschuldet war. Ich setzte mich neben ihn. Fragte, ob alles in Ordnung sei, versuchte dabei, nicht zu aufdringlich zu wirken. So wie zuvor sein Blick ins Nichts verlief, begann er, mich offenbar kaum wahrnehmend, zu erzählen, wobei erzählen vielleicht nicht das richtige Wort ist. Ein Erzähler braucht einen Zuhörer. Er sprach für sich, sicher durch meine Frage angeregt, aber nicht mich meinend. Zehn, vielleicht zwanzig Minuten hörte ich ihm aufmerksam zu, ohne selbst ein einziges Wort zu sagen. Wohl aus Verlegenheit ein paar flüchtige Wünsche äußernd, verabschiedete ich mich, nahm meinen Heimweg wieder auf, spürte das sehr positive Gefühl in mir,, einem Menschen zugehört zu haben, dem ich wahrscheinlich nie wieder begegnen werde. Unwillkürlich erinnerte ich mich an eine Geschichte, die mir eine mir bekannte Mitarbeiterin einer Arztpraxis einmal erzählte. Alte Menschen, so sagte sie, kommen mitunter nur in die Sprechstunde, um nicht allein zu sein. Konsultieren Ärzte, um jemanden zu haben, der ihnen, und sei es nur für Minuten, zuhört. Nicht nur alte Menschen sind, so scheint es, einsam.