Freitag, 9. Dezember 2022

Und uns schlug kein Gewissen...

Meinem Ruf eines leicht verschrobenen, verstaubten Anachronisten gerecht zu werden, bediene ich mich gern im Fundus der Gedanken einstiger Geistesgrößen der Literatur, der Philosophie, der Kunst. Gedanken derer, die in eben ihren Betrachtungen, Hypothesen und Mutmaßungen, wie sie in ihren Werken Niederschlag fanden, ihrer Zeit weit voraus waren. Erkenntnisse und Visionen, die nicht nur deren jeweilige Gegenwart beleuchteten, sondern auch und besonders auf die Zukunft, also unsere Gegenwart wiesen. Die Visionen eines Georg Orwell, eines Aldous Huxley gelten längst als überholt. Gedanken so namhafter Intellektueller wie Walter Benjamin, Carl von Ossietzky, Berthold Brecht, Erich Kästner, Hannah Ahrend und vieler anderer unablässiger Kritiker, Analytiker, Mahnende ihrer Generation erleben wir in Ausführung, wenn wir uns nur umschauen.
Krieg in Europa. Moralischer Verfall. Kapitalistisches Denken, das kaum Menschlichkeit im Machtgefüge des Großkapitals zulässt. Abspaltung, Ausgrenzung Andersdenkender. Nicht-Schritt-halten-Könnender in dieser uns als notwendiges Wachstum vermittelten Abwärtsspirale, an deren Ende eine Gesellschaftsordnung steht, die sich selbst vernichtet. Und über all dem die Opfer dieses Finanz-Despotismus der Wirtschaft.
Die Opfer derer, die uns vermitteln, dass nur in stetig steigenden Tendenzen wie unablässiger Mehrung die Verheißung der Glückseligkeit besteht. „Wahrlich, wir leben in finsteren Zeiten...“ mahnt Brecht in seinem Gedicht: „An die Nachgeborenen“. An uns also.

Es ist Weihnachten. Zeit der Besinnung, der inneren Einkehr, zumindest ab dem Zeitpunkt, da am Heiligabend gegen 14:00 Uhr der Konsumterror verebbt. Das Fest der Liebe. Der Nächstenliebe. Der Barmherzigkeit, wie sie uns die Schrift lehrt. Ein Tag, an dem die Kirchen voll sind. An dem man sich großherzig gibt. Unter dem Kreuz dessen versammelt, der mit seinem Namen, seinem Martyrium, das er erlitt, gegen all dies ein Zeichen setzte. Der Widerspruch kann nicht größer sein. Der in Armut lebte, ideelle Werte predigte, wird angebetet von uns, denen es an diesem Tag meist um nichts anders geht als sich am reich gedeckten Tisch zu laben. Sich zu beschenken. Sich dessen zu erfreuen, was man sich schließlich verdient hat. Zugegeben, Heiligabend in der Kirche ist ein schönes, ein feierliches Ritual, das dem ganzen zusätzlichen Glanz verleiht. Den Geist, der hinter all dem steht, muss man ja nicht so ernst nehmen. Wäre ja noch schöner, ließe man sich das Festmahl versauen, in Gedenken derer, die frieren an diesem Tag. Die um ihr Leben oder das ihrer Nächsten bangen. Die sich auf der Flucht befinden. Die Perspektivlosen, zusammengepfercht in Lagern unter erbarmungswürdigen Zuständen. Die auf den Schlachtfeldern und Schützengräben ihr Leben aufs Spiel setzen für etwas, das die Menschheit, käme sie nur zur Vernunft, längst überwunden hätte. Die für das Elementarste aller Menschenrechte, die Freiheit, die Selbstbestimmung auf die Straßen gehen, entschlossen, wortstark, ja, doch in friedlicher Absicht, und hierin eine Gefahr für Leben und Gesundheit in Kauf nehmen. Wir aber sitzen im Warmen und Trockenen. Was geht es uns an? Es geht uns etwas an! „Man sagt mir, iss und trink du, sei froh das du hast“ schreibt Brecht in dem zitierten Gedicht. Und weiter: „aber wie kann ich essen und trinken, wenn mein Glas Wasser dem Verdurstenden und mein Stück Brot der Hungernden fehlt“.
Mir bleibt das Lachen, der Genuss, der Wohlstand buchstäblich im Halse stecken.

Alles ist Kommerz. Selbst die Barmherzigkeit ist kommerzialisiert, wenn karitative Verbände unter Rekrutierung von Drückerkolonnen, Fundraising neudeutsch, in den Fußgängerzonen um Spenden bitten, für die sie uns den Ablass unserer Zeit, die Bereinigung jedes Gewissenkonfliktes verkaufen. Der verwahrloste Obdachlose in der Passage findet kaum Beachtung. Ein verwahrlostes Tier in der Gosse gleichwohl.
Ich höre sie fragen: was willst du denn machen? Sollen wir aus lauter Solidarität in Armut leben? Ganz sicher möchte ich das nicht. Aber ich möchte, dass wir zu einem Bewusstsein gelangen, das sich vor allem durch Dankbarkeit und Demut kennzeichnet. Dass wir wieder beginnen einander wahrzunehmen. Zu sehen. Verantwortlichkeit gegenüber unserem Nächsten. Verantwortungsbewusstsein aber auch für unser Handeln und Tun entwickeln.

Ich wurde dieser Tage aufmerksam auf ein Interview, dass Helmut Schmidt vor vielen Jahren gegenüber der Presse gab. „Es gibt zu viele Menschen auf der Welt“, war die Kernaussage seiner Worte. Endlich mal einer, der es beim Namen nennt, hörte ich weiter: Das Interview wurde geführt, als die Weltbevölkerung etwa 6 Milliarden Menschen betrug. Nach Maßgabe globaler wirtschaftlicher Interessen, deren Erträge nur einem Teil der Menschheit zugutekommen, gibt es zu viele Menschen auf der Welt. Nach Erkenntnissen zahlreicher Studien heißt es hingegen in einem Beitrag des MDR: „Die Ressourcen der Erde sind endlich und ein Ersatzplanet ist auch nicht in Sicht. Die gute Nachricht: Wenn wir das, was wir haben, anders als bisher nutzen, kann die Erde auch zehn Milliarden Menschen ernähren. Die unbequeme Nachricht, die mit dieser Prognose Hand in Hand geht: Das erfordert radikales Umdenken, sowohl, was die Nutzung der Ressourcen unseres Planeten angeht, als auch die Ernährungsgewohnheiten in manchen Regionen.“ Schmidt führte im Rahmen des genannten Interviews weiter aus, dass er angesichts dieser Entwicklung Gefahren für den Westen sehe, die er nicht weiter definieren möchte. Nun gilt auch hier mein Grundsatz: De mortuis nihil nisi bene - man spreche nicht schlecht über Tote. Aber in dieser Aussage Schmidts ist doch alles enthalten. Gefahren u.a. durch Flüchtlingsströme ungeahnten Ausmaßes, wachsende Terrorgefahr der zu kurz Kommenden. Der in Armut Lebenden. Derer, die tagtäglich über die Medien sehen, wie der Westen sich im Wohlstand befindet, während sie selbst nicht wissen, wovon sie morgen statt werden sollen. Kein Wort von einer Weltgemeinschaft, die es gilt zu befrieden, zu ernähren, was möglich wäre, so der Wortlaut der erwähnten Studie. Mit anderen Worten: Was geht es uns an? Hauptsache wir.

Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen. Ziehen wir kurz Bilanz. Vorherrschende Emotion dieses Jahr war die Angst. Corona ist noch nicht überstanden. Wird es das jemals sein? Angst um den Erhalt unseres gewohnten Lebensstandards. Preise für Kraftstoffe klettern in utopische Höhen. Die elementarsten Lebenshaltungskosten steigen um bis zu 30%. Die Schwächsten trifft es am härtesten. Nicht einmal die Tafel kann mehr umfassende Versorgung leisten. „Es gibt nicht mehr“, so die Aussage einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin. Das was es gäbe, landet in Containern. Wird weggeschmissen. Hinzu kommt Angst vor der Entartung eines Krieges, der das Heiligtum eines seit Generationen befriedeten Europas plötzlich sehr und einmal mehr in Frage stellt. All dies trifft uns, die wir doch nicht Schuld sind an all dem. Ist das so? Wäre es nicht an der Zeit, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen? Ich mag das Wort Schuld nicht. Ich ersetze es gern mit dem Wort „Verursacher“. Wäre es nicht an der Zeit, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, welchen Anteil jeder Einzelne von uns an diesem Zustand trägt?

Wenn wir unsere Situation bewerten, unabhängig von dem, was uns durch die Medien vermittelt wird. Unser Konsumverhalten ausrichten nach eigenem Ermessen. Eigenen, aus uns selbst ergehenden Bedürfnissen, Wünschen. Wenn sich Zufriedenheit entwickelt an den Werten, die wir haben. Nicht Unzufriedenheit darüber, auf was wir verzichten müssen. Dessen gibt es immer mehr. Wenn wir unsere Bedürfnisse nicht unablässig in Dauerbeschuss manipulieren lassen durch Hochglanzbroschüren und andere, viel effizientere Werbeformate, vor denen kaum mehr Schutz möglich ist, dann erkennen wir, dass es uns doch gut geht. Wir haben ein Dach über dem Kopf. Die Heizung schützt uns vor Kälte. Aus dem Wasserhahn fließt wechselweise heißes und kaltes Wasser. Der Kühlschrank ist gefüllt, wenn vielerorts auch nicht mit dem Edelsten, das die Lebensmittelindustrie produziert. Wir müssen auf der Straße nicht um unser Leben fürchten.

Mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung lebt in bitterster Armut, weil mindesten ein weiteres Drittel den Sinn für jedes Maß an Verhältnismäßigkeit verloren hat. Nein, wir sind nicht unschuldig an dem, was um uns herum geschieht. Was wir (mit)verursachen, sehen wir Tag für Tag in den Medien. Wir sollten erkennen, dass es der Spiegel ist, der uns vor Augen gehalten wird. Der Spiegel, der uns selbst und unser unbotmäßiges Verhalten reflektiert. Vielleicht besonders zu Weihnachten. Dem Fest der Liebe. Der Nächstenliebe. Der Besinnung.

Wer sich den Luxus leistet, seinen eigenen Verstand zu bemühen, wird früher oder später erkennen, wohin es führt, denken zu lassen. Die es für uns tun, tun es nicht zuletzt auch zum eigenen Vorteil. Zum Vorteil des Machterhalts in der Politik, Zum Vorteil der Mehrung von Kapital und Profit in der Wirtschaft. Zum Vorteil der Selbstdarstellung ihres eigenen Anspruchs, der Stärkung ihrer Position als höchste moralische Instanz, der Kirchen und Konfessionen, die, ich habe es jüngst erlebt anlässlich eines Benefiz-Konzertes in einer katholischen Kirche, um großzügige Kollekte bat, die der Renovierung des Gotteshauses diene. Und glauben Sie mir: es wurde tief in die Tasche gegriffen. Der Ablassbrief kommt dann per Mail? Aber ich erhebe das Wort nicht gegen Institutionen, ohne unser eigenes Verhalten, mein eigenes inbegriffen, immer wieder auf den Prüfstand zu stellen.

Noch einmal: Wenn wir beginnen, unseren eigenen Verstand zu bemühen, werden wir keine Menschen mehr in sinnlose Kriege ziehen lassen. Werden wir uns nicht mehr leiten lassen von hohlwangigen Phrasen derer, die nur durch unser demokratisches Recht auf Mitbestimmung in die entsprechenden Positionen gelangten. Werden wir nicht mehr den Blick abwenden vor Not und Elend auf der Welt. Werden keine Menschen mehr auf der Straße erschlagen, keine Kinder missbraucht, keine Frauen misshandelt, unterdrückt im Sinne einer hirnverbrannten Ideologie.

Es ist das Maß an Verantwortlichkeit füreinander, an das ich unablässig appelliere. Wir profitieren voneinander. Das beinhaltet für mich den unablässigen Versuch, mein Leben nach christlich-sozialen Wertmaßstäben zu gestalten. Martin Luther King sprach einst von seinem Traum von einer befriedeten, in Brüderlichkeit vereinten Weltgemeinschaft. Die Welt, von der ich träume, ist eine Welt des Dialogs. Der Verständigung über alle Grenzen, über alle sprachlichen, konfessionellen, ethischen Barrieren hinaus. Keine Welt, die den Wert eines Menschen an seinem Nutzwert bemisst. Eine Weltgemeinschaft, die sich als solche wahrnimmt. Die im Sinne dessen, den man ans Kreuz schlug, im Sinne Gottes, nenne er sich nun Christus, Allah oder wie auch immer, dass Leben gestaltet.

Vor einigen Jahren wurde in Berlin ein ökumenisches Projekt auf den Weg gebracht. Sein Titel: HOUSE OF ONE. Ein weltweit einzigartiges Projekt, das nicht nur der Verständigung unter den Konfessionen Symbol trägt. Nein, es wird auch praktiziert. Workshops, Gottesdienste, Events werden von Vertretern aller Religionen gemeinsam abgehalten. Gemeinschaftliche Gottesdienste geführt von einem Imam, einem Rabbi und einem Pfarrer.

Solange es Menschen gibt, die so etwas zu schaffen im Stande sind, Menschen, die sich von ihren Herzen leiten und nicht indoktrinieren lassen von verblendeten Tyrannen und Despoten, sich nicht vor Karren spannen und manipulieren lassen für etwas, das gegen jede Vernunft steht, solange gebe ich meinen Glauben an die Menschheit nicht preis. Solange glaube ich an das Gute. Solange werde ich mit meinen bescheidenen Mitteln einen Beitrag dazu leisten und sei es mitunter nur in einer Geste, einem Wort oder einer Hand, die man dem reicht, der dieser bedarf.




Dienstag, 29. November 2022

Von Spielverderbern und verdorbenem Spiel.

Ich war zu keinem Zeitpunkt meines Lebens ein Fußballfan. Weder lag mir die aktive Form dieses Spiels noch fand ich Gefallen an der passiven Variante mit dem Bier in der Hand und dem Fan-Schal um den Hals. Ich war es nicht und werde es in der mir verbleibenden Lebenszeit auch nicht mehr werden, wobei es weniger der Ballsport an sich ist, dessen Reiz sich mir nicht erschließt, als das, was aus ihm im Laufe seiner Geschichte geworden ist. Die Mutation dessen, was der Idee einmal zugrunde lag, als sich 1848 eine Gruppe enthusiastischer Studenten der Cambridge Universität daran machte, die ersten, bald weltweit gültigen Fußballregeln zu erstellen. Über allem stand vordergründig der Sportsgeist, der Anstand, Fairplay und Teamgeist.

Nun liegt es in der Natur des Menschen, sich gern mit anderen zu messen. Dies gilt besonders für den Sport. So ließ es nicht lang auf sich warten, bis sich 1858 in England der erste Fußballverein gründete, dem, wen wird es wundern, bald zahlreiche folgten. Mit diesem Zeitpunkt nahm eine Entwicklung ihren Beginn, die bis zum heutigen Tag anhält. Die Kommerzialisierung des Sports bis in Dimensionen, die in Zahlen kaum mehr zu erfassen sind. Gruppierungen und Vereine folgten. Bald regionale, nationale, bald internationale Verbände. Wettbewerbe, Turniere wurden organisiert, finanziert, durchgeführt. Finanzkräftige Sponsoren, Förderer, Impresarios fanden sich, denen es nicht zuletzt um den eigenen Profit ging. Was einst so idealistisch begann, wurde zu einem knallharten Business-Modell. Gewinne in ungeahnten Höhen winkten, und ich spreche nicht von Sieg oder Niederlage dessen, was auf dem Spielfeld stattfand. Der Fußball wurde zum Vehikel einer Möglichkeit, sehr viel Geld zu verdienen, die darüber hinaus auch noch Unterhaltungswert besaß.

Längst stellt sich der professionelle Fußball so dar: Millionengehälter fließen, deren Berechnungsgrundlage weniger die Leistung der Spieler ist, als eben der Umsatz, der mit ihnen erzielt wird, wenn Millionen Fans sich grölend in den Stadien versammeln, vereint in einem künstlich produzierten Patriotismus, der seinen Höhepunkt findet, wenn es am Ende ihre Fahne ist, die man mit stolz geschwellter Brust an den Zuschauerrängen vorbeiziehen sieht. Das füllt die Kassen. Das macht gute Laune. Das lässt vergessen, was vieler Orts der Preis ist all dessen:

Es geht längst nicht mehr um das, was diesem Sport zugrunde lag. Das Spiel ist immer noch dasselbe. Der Rahmen jedoch, in dem es stattfindet, hat die Dimensionen des nach humanistischer Maßgabe zu bewertenden längst gesprengt. Zweifelhafte, korrupte Vergabekriterien bei internationalen Turnieren. Stilisierung zum Politikum, denn so ein Prestigeobjekt wie die WM macht sich immer gut als Motor für wirtschaftliche Zusammenarbeit. All dies verschlingt horrende Summen. Fordert, bevor es zur Kasse geht, Opfer, die erbracht werden von den schwächsten Gliedern im sozialen Gefüge.

Die Rede ist von einem winzigen Wüstenstaat am Persischen Golf. Ein Emirat von lediglich 2,8 Millionen Einwohnern, dass aufgrund seines enormen Erdöl- und Gasvorkommen zu den reichsten Ländern der Welt zählt. Das höchste pro Kopf Einkommen der Welt. Das größte Bruttoinlandsprodukt. 2,8 Millionen Einwohner, von denen nebenbei bemerkt rund 90% aus zugewanderten Arbeitern aus den ärmsten Regionen der Welt besteht, die eine der Säulen dieses Wohlstandes bilden in dem sie ihre Arbeitskraft für Billiglöhne zur Verfügung stellen.

Vor dieser Kulisse entsteht das Unglaubliche. Ein Gesamtkunstwerk bautechnischer Innovation. 7 Stadien nebst dazugehöriger Infrastruktur wachsen aus dem Wüstensand. Hotels einer bisher nicht dagewesenen Kategorie an Luxus und Überfluss. Man präsentiert sich der Welt als über allen Maßen großzügiger Gastgeber, zudem weltoffen und (pseudo)liberal, der dieser ein Fußballturnier serviert, das die Welt nicht vergessen soll. Alle 4 Jahre neue Maßstäbe einer pervertierten Dekadenz. Aller vier Jahre ein neuer Superlativ. Die Gesamtkosten der Baumaßnahmen werden mit 220 Milliarden US-Dollar beziffert. Zum Vergleich: der Finanzhaushalt der Bundesrepublik beträgt rund 400 Milliarden EUR.

Die Welt schaut hin. Die Welt schaut weg. Sie weidet ihr Auge am Glanz. Sie verschließt die Augen an dem, was diesen Glanz schuf. Vor allem aber, welches Kalkül hinter all dem steht. 2,3 Millionen Arbeitsemigranten beschäftigt dieses Land. Menschen, die in der Regel zu Bedingungen arbeiten, die keinerlei Arbeitsschutz, die über ihren geringen Lohn hinaus kaum soziale Fürsorge wie angemessenen Unterbringung, Verpflegung und medizinische Hilfe erfahren. 20.000 von ihnen, in dem sie die Austragungsstätten der diesjährigen Weltmeisterschaft unter beschriebenen Verhältnissen bauten, um ihren Familien zu Hause ein Mindestmaß an Lebensqualität zu gewährleisten, das sich in etwa am Preis einer Eintrittskarte für das Endspiel dieses Turniers bemisst.

Über all diesen Zahlen und Rechenexempeln kursiert eine weitere, viel erschreckendere Ziffer durch die Medien. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International benennt die Zahl von 15.000 Toten, die beim Bau der Sportstätten ums Leben gekommen sein sollen. Eine Zahl, die freilich bei einer Beschäftigungsrate von 20.000 Arbeitern eher unwahrscheinlich anmutet. Der Londoner Guardian berichtet immerhin von 6000 Toten. Der internationale Fußballverband FIFA bekennt sich zu 3 Menschen, die ums Leben kamen. Je höher die entsprechende Position in diesem Gefüge, je geringer die Zahlen. Belastbar ist vermutlich keine der Ziffern und am Ende scheint man sich auf den medialen Grundsatz zu verlassen, dass die Öffentlichkeit doch schnell vergisst. Man will schließlich feiern, nicht trauern.

Was aber bleibt ist der bittere Nachgeschmack. Es wurde Staub aufgewirbelt. Es traten Dinge zu Tage, die man doch lieber im Verborgenen gehalten hätte. Überdies erwiesen sich die Verantwortlichen als äußert unprofessionell, wenn es um Schadensbegrenzung nach außen, ggf. auch unter Anwendung der Mechanismen der Wahrheitsbeugung, oder nennen wir es doch ruhig Lüge, ging. Der Präsident der FIFA in einer mehr als denkwürdigen Pressekonferenz erging sich in Solidaritätsbekundungen und Widersprüchen, die der Lächerlichkeit seiner Person zusätzliche negative Effekte verliehen. Den Katharischen Staat als Wohltäter zu stilisieren, der den Millionen Arbeitssklaven eine Perspektive bietet, sowie denselben als einen Staat zu brennen, der seinerseits ein Musterbeispiel umgesetzter Menschenrechte darstellt, ein ähnlicher Wortlaut übrigens auch aus dem Mund des Bundeskanzlers, ist schon nicht mehr mit Geschmacklosigkeit zu benennen. Und, als wäre dies der Peinlichkeit nicht genug, kam Kritik von allerhöchster Stelle, dem EU-Parlament, dass die (Zitat) „ungezügelte Korruption der Vergabe der WM auf das schärfste verurteilt.“

Das Turnier aber nimmt seinen Verlauf. Lobeshymnen werden erklingen. Morgen schon geht es um andere Themen und Inhalte. Was aber bleibt, ist das, was der Vergabe der WM als Motiv zugrunde lag. Wirtschaftliche Interessen. Bodenschätze. Gas. Vor vier Jahren erhielt Russland den Zuschlag. Man wollte der Welt eine WM präsentieren, die unvergessen bleibt. Erkennen sie die Entsprechungen?

Der internationale Sport und seine Bühnen galten immer schon als Möglichkeit, Schmutz, Unmoral und Lüge in einem ansehnlichen Kleide zu präsentieren. Man kannte diese Mechanismen aus den ehemaligen Ostblockstaaten. Aus der Sowjetunion, China und auch der DDR. Durch sie erhielt die Ideologie des Kommunismus ein humanistisches Ansehen. Dass es für den Kapitalismus jener Größenordnung, dem längst jedes Maß an Menschlichkeit abhandenkam, ebenso funktioniert, erleben wir an diesem Beispiel.

Was hier geschieht ist kein Sportereignis im Sinne eines mittlerweile bestenfalls noch anachronistischen olympischen Geistes. Kein Fest, an dem sich die Welt guten Gewissens erfreuen kann. Keine Begegnung der Völker und Kulturen unter dem Ideal dessen, was jeder ethnischen Spaltung, jeder Form von Ausgrenzung und Intoleranz entgegensteht.

Es ist ein von höchster Stelle legitimierter krimineller Akt an dem über die Verantwortlichen aus den Sportverbänden hinaus selbst die höchsten Kreise der Politik ihren Anteil haben. Die übliche Vorgehensweise aber wird sein, Sie erlauben mir ein wenig Spekulation, Herr Infantino wird als Bauernopfer von seinem Ämtern zurücktreten. Die Bereiche Presse- und Öffentlichkeitsarbeit liefern ein paar frisierte Zahlen und morgen schon wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben.

Montag, 14. November 2022

„Etwas Besseres als den Tod...“

Sie ist 23 Jahre jung, wiegt 46 Kg. Hat eine Geschichte. Hat eine Gegenwart. Hätte eine Zukunft, würde man ihr die nötige Hilfe zuerkennen. Ich begegnete ihr in den Räumen einer psychiatrischen Einrichtung dieser Stadt. Warum kommt mir der Titel eines Popsongs der 80ger Jahre in den Sinn? „Auf meiner Fahrt in die Klinik...“

Eine Station. Verschlossene Türen. Schreie hinter den Türen. Menschen, die sich als solche kaum mehr wahrnehmen, Gestrandete. Gebrochene. Perspektivlose, weil die Gesellschaft sie als solche stigmatisiert. Weil medizinische Hilfe, nach wissenschaftlichen Erkenntnissen möglich, nach wirtschaftlichen Erwägungen aber kaum erfolgen kann. Medizin als Wirtschaftsfaktor. Menschlichkeit als Wirtschaftsfaktor. Haben sie noch einen Namen, die hier Verwahrten? Die hier Wartenden auf etwas, das doch nicht geschieht? Einstellung auf Medikation, die aus ihnen emotionslose Kreaturen macht. Apathisch, gleich Tieren im Käfig, sich die Gänge der Station auf und ab schleppend. Ausdruckslose Gesichter. Leere Blicke. Verzweiflung, sofern sie diese noch wahrnehmen unter ihrer täglichen Dosis Brom. 

Hier begegnete ich ihr. 23 Jahre jung. 46 Kg schwer. Zerschnittene Unterarme. Zitternde Hände. Unruhe im Blick aus angstvoll geweiteten Pupillen. Sie liebt Musik. Ist intelligent. Differenzierten Denkens im Stande. Eine Eigenschaft, die ihr hier eher zum Nachteil gereicht. Sie glaubt nicht mehr an das Leben. An die Zukunft. Etwas, so die Medizin, das man durch Medikation nicht vermitteln kann. Nein, durch Pillen nicht. Aber vielleicht durch Menschlichkeit? Durch Wärme? Durch eine Hand im Dunkel, die ihr Werte vermittelt, die das Leben lebenswert machen? Die ihr bedeuten, was einst ein Bremer Esel zum Hahn sagte: „Etwas Besseres als den Tod findest du allemal“. Was sie krank machte, draußen unter den Menschen, in jahrzehntelangem Martyrium durch einen tyrannischen, despotischen Menschen, dem es nicht nur von Gesetzt wegen oblag, ihr Schutz, Fürsorge und Liebe zu vermitteln, setzte sich außerhalb dieser Nicht-Schutz-Zone ihres Elternhauses, im Haifischbecken der Öffentlichkeit, fort. Findet hinter den verschlossenen Türen dieser Einrichtung Ergänzung. Hier versammelt, Menschen die Hilfe brauchen. Fürsorge, die ihnen an jedem anderen Ort verwehrt blieb. Fürsorge hier aber kostet Geld. Geld, das nicht da ist. Mangel, der sich in vielen Faktoren widerspiegelt. Unzureichende Therapieprogramme, zum Teil durchgeführt durch inkompetentes, halbherzig seine Arbeit versehendes medizinisches Personal. Gestresst, überfordert durch ein Arbeitspensum, dem kaum zu entsprechen ist, heißt es im Subtext ihrer Aussage. Ergotherapie, Maltherapie, tiergestützte Therapie, Entspannungstherapie, Gesprächskreise die, sofern sie nicht ausfallen, mehr oder weniger der Selbstdarstellung wissenschaftlich belegter, nach statistischen Erkenntnissen zugeschnittenen, Maßnahmen, erdacht sind. Ein bisschen Freundlichkeit, ein Lächeln, eine flüchtige Umarmung sieht der Dienstplan des Pflegepersonals nicht vor.

Eine Hand voll Patienten, sich zusammenfindet in den Werkstätten der Ergotherapie, die Hälfe in selbst mitgebrachten Bücher lesend, die Therapeutin hinter einem Monitor Kreuzworträtsel lösend, im Blick die Uhr, den bleischweren Sekundenzeiger, der das wachsgleiche, zähe Verrinnen der Minuten bis zum Ende dieser Farce anzeigt: „Nun, wie fühlen Sie sich nach Ende dieser Stunde? “

Entlassung ins buchstäbliche Nichts. Liegt es an mir, dass der gewünschte Effekt ausbleibt? Eine ungestellte Frage, aus den Minen derer zu lesen, die hier um Hilfe ersuchen: „Nun, Frau XY: Berichten Sie doch mal aus Ihrer Kindheit. Da gibt es doch sicher viel Schönes, dessen Sie sich erinnern.“

Sie, 23 Jahre alt. 46 Kg schwer bei 175 Körpergröße. Im Gepäck das Trauma einer Kindheit, einer Jugend in Gegenwart eines Menschen, der in ihr vordergründig das Objekt einer pervertierten Begierde sah. Schönes bestand bestenfalls aus den Stunden, da sie sich zu schützen wusste vor dieser Hölle.

Diesseits der verschlossenen Türen, Verwahrung. Jenseits der Türen, Wohnungslosigkeit. Perspektivlosigkeit. Angst. Jahrelanges Warten auf einen ihrem speziellen Krankheitsbild zugeschnittenen Therapieplatz, dessen Notwendigkeit auch darin besteht, dass die Gesellschaft Menschen wie sie ausgrenzt. Den Blick abwendet. Wir uns der Verantwortlichkeit füreinander nicht bewusst sind. Menschen fallen lassen.