Dienstag, 2. August 2022

Versuch, den Krieg zu erklären

Wenn ich einmal vom Krieg berichten muss, so werde ich nicht von Heldentaten erzählen. Ich werde von Blut und Tränen, von Erbrochenem, von Urin und Kot wie vom Gestank faulender Wunden berichten.“ (Zitat: Autor unbekannt)

Warum töten Sie, frage ich den Soldaten, der mit seinem Gewehr im Anschlag durch zerschossene Straßen und Ruinen patrouillierte? Weil es mir befohlen wurde, gab er zur Antwort. Wer kann Ihnen so etwas befehlen? Mein Vorgesetzter und ihm wieder sein Vorgesetzter und dem wiederum die Regierung.

Hat man Ihnen etwas versprochen, fragte ich erneut? Ein besseres Leben? Sicherheit und Wohlstand? Eine gute Schulbildung und Ausbildung für Ihre Kinder, wenn Sie nur handeln, wie man es Ihnen befiehlt? Wenn Sie also töten? Wenn Sie Ihren Beitrag leisten, dass der Staat, für den Sie töten, sich nimmt, was ihm nicht gehört? Ja. So hat man es uns versprochen. Und das glauben Sie?

Sie glauben Menschen, die an der Spitze eines Staates stehen, sich in weiche Polster zurücklehnen, in Luxus und Verschwendung leben, während sie ihre Macht, zu der sie durch des Volkes Stimme gelangten, dazu nutzen ihren Untergebenen, die es nur sind, weil sie es dulden, denn müssen tun sie es nicht, in Schmutz und Unrat, in ihren eigenen Exkrementen und Erbrochenem den vermeintlichen Gegner, dem sie Freund sein könnten, befehlen, nach Maßgabe staatlich legitimierten Terrors zu morden?

Gewissen, Soldat, ist nichts, das sich durch Gesetzgebung und Befehle außer Kraft setzen lässt. Gewissen, so heißt es in den Lehrbüchern, „...ist eine besondere Instanz im menschlichen Bewusstsein, die bestimmt, wie man urteilen soll und die anzeigt, ob eine Handlungsweise mit demjenigen übereinstimmt bzw. nicht übereinstimmt, was ein Mensch als für sich richtig und stimmig ansieht.“ Sie selbst tragen die Verantwortung für Ihr Handeln. In Ihren Händen liegt es, zu beenden, was Unrecht ist. Niemand nimmt Ihnen dieses Los ab. Nicht die Potentaten an der Spitze des Staates. Nicht Gott, zu dem Sie nachts heimlich beten.

Legen Sie Ihre Waffe nieder, Soldat. Ziehen Sie die Uniform aus. Vergessen Sie, was Sie im blinden Gehorsam, der Ihnen im sinnlosen Gebrüll des Kasernenhofes von ihrerseits willfährigen Kleingeistern gelehrt wurde.

Sagen Sie es auch Ihrem Kameraden und der wieder dem Nächsten und so fort. Ein Krieg, wie Sie ihn vollstrecken, ist nur möglich, weil die Dummheit regiert. Die Dummheit in den Parlamenten. Die Dummheit derer, die sich in gebieterischem Gehorsam beugen.
Sie sprechen vom Sieg, den es zu erringen gilt. Es gibt keinen Sieger im Krieg. Keine Unschuld mit der Waffe in der Hand. Keinen Frieden, der durch Gewalt errungen wurde. Der einzige Sieg, der zu dauerhaftem Frieden führt, ist der Sieg über die Dummheit.

Und wenn ich für den Rest meines Lebens ins Gefängnis ginge. Ich gäbe lieber meine Freiheit preis, als dass ich je eine Waffe gegen einen Menschen richte. Mich zum Geschöpf dessen machen lasse, was die Dummheit gebar“ (R.B.)

Nachtrag:

Erich Maria Remarque schreibt in seinem am 09. Dezember 1928 erschienenen Roman Im Westen nichts neues: „Wie sinnlos ist alles, das je gegen den Krieg geschrieben, getan wurde, wenn so etwas Irrsinniges möglich ist. Alles muss doch erlogen sein, wenn die Jahrtausende währende menschliche Kultur nicht verhindern konnte, dass diese Ströme von Blut vergossen werden.“

Laut Aussage der Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) der Universität Hamburg gibt es zurzeit 30 bewaffnete Konflikte und Kriege auf der Welt. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen nennt eine Zahl von 80 Millionen Menschen, die sich derzeit auf der Flucht befinden.

Woraus soll sich also die Hoffnung generieren, dass dies jemals ein Ende hat?

Auf Gott vertrauen, in dessen Namen heute wie in aller Zeit nicht minder bestialische Kriege geführt werden, wie die in Parlamenten und an Konferenztischen beschlossenen? Die Lüge allein, scheint des Übels Wurzel. Die Lüge, die uns von den Rednerpulten, den Kanzeln, die uns aus den Mündern jener, denen es vordergründig um Selbstzweck Einzelner oder der Institution, in deren Namen sie sprechen, serviert wird.

Montag, 4. Juli 2022

Fluchtgedanken

Dienstag, 08. März 2022

Wenn eintritt, was nie geschehen dürfte, was nehme ich dann mit? Zunächst stellt sich die Frage, wohin nehme ich es mit? Wohin gehen? Flucht. Ein Begriff, dessen Gegenstand in unserer Generation doch nur die anderen betrifft. Im Fernsehen sieht man es täglich. Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten in Nahost. Aus Syrien, Afghanistan, dem Jemen. Persönlicher Besitz reduziert auf das, was man bei sich tragen kann. Ein Koffer pro Person. Vielleicht eine Tasche. Ein Rucksack, wenn überhaupt. Kann man sich vorbereiten auf so eine Situation, die trotz Allgegenwärtigkeit in Dauerschleife medialen Berichterstattung etwas Surreales hat?
Nein, uns betrifft es nicht. Uns erreicht es nicht in unserer Komfortzone aus Selbstverständlichkeiten, die wir uns verdienten durch Strebsamkeit, Sparsamkeit, Sicherheitsdenken, stets das Ziel einer sorglosen Existenz vor Augen. An Wert gewinnen die Dinge nicht zuletzt dadurch, dass eine andere Realität uns täglich durch die erwähnten Medien vor Augen geführt wird. Immer jedoch auf sichere Distanz.
Eines Tages überwand es die Barriere der Anonymität. Eines Tages klopfte es buchstäblich an die Tür. Das Gesicht des Krieges. Eines seiner vielen Gesichter.
Flüchtlinge, bepackt mit eiligst zusammengeklaubten Habseligkeiten. Im Geiste Erinnerungen an vergangene, bessere Zeiten. In den Augen Angst vor der Fremde. Vor Perspektivlosigkeit.
All das war gestern. All das ist heute. Doch morgen schon sind wir es vielleicht, die gehen müssen, weil bleiben unter Umständen das Leben kostet.
Sind wir vorbereitet auf diesen Moment?
Ich schaue mich um in meinen Räumen. Stelle mir die Frage, was liegt mir am Herzen? Was möchte ich unter keinen Umständen zurücklassen? Ich gehe durch meine Zimmer? Sortiere in Gedanken nach Nutzwert und Überfluss. Es fällt schwer.
Alles, was ich besitze, ist mit Liebe zusammengetragen. Mit Liebe arrangiert zu einem Abbild meiner selbst. Meiner Interessen. Meines Lebens. Meine unzähligen Bücher. Die Bücherschränke. Die Bilder...
Was findet Platz in einem Koffer, einer Tasche, einem Rucksack vielleicht? Ein paar Kleidungsstücke. Papiere, Ein paar wenige Bücher. Nichts weiter. Kein überflüssiger Ballast auf dem Weg ins Ungewisse. In die Perspektivlosigkeit. Im Geiste Erinnerungen an bessere Zeiten. In den Augen Angst, zunächst davor, das Gewohnte nie mehr zu erlangen. Morgen vielleicht schon Angst um das nackte Leben.

Donnerstag, 16. Juni 2022

Menschen 28

Ungeachtet eines zu Boden fallenden Mantels, den ich im Vorübergehen ungewollt vom Garderobenständer riss, nahm ich meinen Platz am Kaffeehaustisch ein. Eine betagte Dame von barocker Gestalt, mit bedeutungsschwerer Geste an meinem Tisch vorübersegelnd:"Das hätte man auch bemerken können!" 
Ungelenk um entschuldigende Worte ringend, gab ich es bald auf. 
Das Urteil lautete: Schuldig.
Das werde ich nicht los.