Dienstag, 29. November 2022

Von Spielverderbern und verdorbenem Spiel.

Ich war zu keinem Zeitpunkt meines Lebens ein Fußballfan. Weder lag mir die aktive Form dieses Spiels noch fand ich Gefallen an der passiven Variante mit dem Bier in der Hand und dem Fan-Schal um den Hals. Ich war es nicht und werde es in der mir verbleibenden Lebenszeit auch nicht mehr werden, wobei es weniger der Ballsport an sich ist, dessen Reiz sich mir nicht erschließt, als das, was aus ihm im Laufe seiner Geschichte geworden ist. Die Mutation dessen, was der Idee einmal zugrunde lag, als sich 1848 eine Gruppe enthusiastischer Studenten der Cambridge Universität daran machte, die ersten, bald weltweit gültigen Fußballregeln zu erstellen. Über allem stand vordergründig der Sportsgeist, der Anstand, Fairplay und Teamgeist.

Nun liegt es in der Natur des Menschen, sich gern mit anderen zu messen. Dies gilt besonders für den Sport. So ließ es nicht lang auf sich warten, bis sich 1858 in England der erste Fußballverein gründete, dem, wen wird es wundern, bald zahlreiche folgten. Mit diesem Zeitpunkt nahm eine Entwicklung ihren Beginn, die bis zum heutigen Tag anhält. Die Kommerzialisierung des Sports bis in Dimensionen, die in Zahlen kaum mehr zu erfassen sind. Gruppierungen und Vereine folgten. Bald regionale, nationale, bald internationale Verbände. Wettbewerbe, Turniere wurden organisiert, finanziert, durchgeführt. Finanzkräftige Sponsoren, Förderer, Impresarios fanden sich, denen es nicht zuletzt um den eigenen Profit ging. Was einst so idealistisch begann, wurde zu einem knallharten Business-Modell. Gewinne in ungeahnten Höhen winkten, und ich spreche nicht von Sieg oder Niederlage dessen, was auf dem Spielfeld stattfand. Der Fußball wurde zum Vehikel einer Möglichkeit, sehr viel Geld zu verdienen, die darüber hinaus auch noch Unterhaltungswert besaß.

Längst stellt sich der professionelle Fußball so dar: Millionengehälter fließen, deren Berechnungsgrundlage weniger die Leistung der Spieler ist, als eben der Umsatz, der mit ihnen erzielt wird, wenn Millionen Fans sich grölend in den Stadien versammeln, vereint in einem künstlich produzierten Patriotismus, der seinen Höhepunkt findet, wenn es am Ende ihre Fahne ist, die man mit stolz geschwellter Brust an den Zuschauerrängen vorbeiziehen sieht. Das füllt die Kassen. Das macht gute Laune. Das lässt vergessen, was vieler Orts der Preis ist all dessen:

Es geht längst nicht mehr um das, was diesem Sport zugrunde lag. Das Spiel ist immer noch dasselbe. Der Rahmen jedoch, in dem es stattfindet, hat die Dimensionen des nach humanistischer Maßgabe zu bewertenden längst gesprengt. Zweifelhafte, korrupte Vergabekriterien bei internationalen Turnieren. Stilisierung zum Politikum, denn so ein Prestigeobjekt wie die WM macht sich immer gut als Motor für wirtschaftliche Zusammenarbeit. All dies verschlingt horrende Summen. Fordert, bevor es zur Kasse geht, Opfer, die erbracht werden von den schwächsten Gliedern im sozialen Gefüge.

Die Rede ist von einem winzigen Wüstenstaat am Persischen Golf. Ein Emirat von lediglich 2,8 Millionen Einwohnern, dass aufgrund seines enormen Erdöl- und Gasvorkommen zu den reichsten Ländern der Welt zählt. Das höchste pro Kopf Einkommen der Welt. Das größte Bruttoinlandsprodukt. 2,8 Millionen Einwohner, von denen nebenbei bemerkt rund 90% aus zugewanderten Arbeitern aus den ärmsten Regionen der Welt besteht, die eine der Säulen dieses Wohlstandes bilden in dem sie ihre Arbeitskraft für Billiglöhne zur Verfügung stellen.

Vor dieser Kulisse entsteht das Unglaubliche. Ein Gesamtkunstwerk bautechnischer Innovation. 7 Stadien nebst dazugehöriger Infrastruktur wachsen aus dem Wüstensand. Hotels einer bisher nicht dagewesenen Kategorie an Luxus und Überfluss. Man präsentiert sich der Welt als über allen Maßen großzügiger Gastgeber, zudem weltoffen und (pseudo)liberal, der dieser ein Fußballturnier serviert, das die Welt nicht vergessen soll. Alle 4 Jahre neue Maßstäbe einer pervertierten Dekadenz. Aller vier Jahre ein neuer Superlativ. Die Gesamtkosten der Baumaßnahmen werden mit 220 Milliarden US-Dollar beziffert. Zum Vergleich: der Finanzhaushalt der Bundesrepublik beträgt rund 400 Milliarden EUR.

Die Welt schaut hin. Die Welt schaut weg. Sie weidet ihr Auge am Glanz. Sie verschließt die Augen an dem, was diesen Glanz schuf. Vor allem aber, welches Kalkül hinter all dem steht. 2,3 Millionen Arbeitsemigranten beschäftigt dieses Land. Menschen, die in der Regel zu Bedingungen arbeiten, die keinerlei Arbeitsschutz, die über ihren geringen Lohn hinaus kaum soziale Fürsorge wie angemessenen Unterbringung, Verpflegung und medizinische Hilfe erfahren. 20.000 von ihnen, in dem sie die Austragungsstätten der diesjährigen Weltmeisterschaft unter beschriebenen Verhältnissen bauten, um ihren Familien zu Hause ein Mindestmaß an Lebensqualität zu gewährleisten, das sich in etwa am Preis einer Eintrittskarte für das Endspiel dieses Turniers bemisst.

Über all diesen Zahlen und Rechenexempeln kursiert eine weitere, viel erschreckendere Ziffer durch die Medien. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International benennt die Zahl von 15.000 Toten, die beim Bau der Sportstätten ums Leben gekommen sein sollen. Eine Zahl, die freilich bei einer Beschäftigungsrate von 20.000 Arbeitern eher unwahrscheinlich anmutet. Der Londoner Guardian berichtet immerhin von 6000 Toten. Der internationale Fußballverband FIFA bekennt sich zu 3 Menschen, die ums Leben kamen. Je höher die entsprechende Position in diesem Gefüge, je geringer die Zahlen. Belastbar ist vermutlich keine der Ziffern und am Ende scheint man sich auf den medialen Grundsatz zu verlassen, dass die Öffentlichkeit doch schnell vergisst. Man will schließlich feiern, nicht trauern.

Was aber bleibt ist der bittere Nachgeschmack. Es wurde Staub aufgewirbelt. Es traten Dinge zu Tage, die man doch lieber im Verborgenen gehalten hätte. Überdies erwiesen sich die Verantwortlichen als äußert unprofessionell, wenn es um Schadensbegrenzung nach außen, ggf. auch unter Anwendung der Mechanismen der Wahrheitsbeugung, oder nennen wir es doch ruhig Lüge, ging. Der Präsident der FIFA in einer mehr als denkwürdigen Pressekonferenz erging sich in Solidaritätsbekundungen und Widersprüchen, die der Lächerlichkeit seiner Person zusätzliche negative Effekte verliehen. Den Katharischen Staat als Wohltäter zu stilisieren, der den Millionen Arbeitssklaven eine Perspektive bietet, sowie denselben als einen Staat zu brennen, der seinerseits ein Musterbeispiel umgesetzter Menschenrechte darstellt, ein ähnlicher Wortlaut übrigens auch aus dem Mund des Bundeskanzlers, ist schon nicht mehr mit Geschmacklosigkeit zu benennen. Und, als wäre dies der Peinlichkeit nicht genug, kam Kritik von allerhöchster Stelle, dem EU-Parlament, dass die (Zitat) „ungezügelte Korruption der Vergabe der WM auf das schärfste verurteilt.“

Das Turnier aber nimmt seinen Verlauf. Lobeshymnen werden erklingen. Morgen schon geht es um andere Themen und Inhalte. Was aber bleibt, ist das, was der Vergabe der WM als Motiv zugrunde lag. Wirtschaftliche Interessen. Bodenschätze. Gas. Vor vier Jahren erhielt Russland den Zuschlag. Man wollte der Welt eine WM präsentieren, die unvergessen bleibt. Erkennen sie die Entsprechungen?

Der internationale Sport und seine Bühnen galten immer schon als Möglichkeit, Schmutz, Unmoral und Lüge in einem ansehnlichen Kleide zu präsentieren. Man kannte diese Mechanismen aus den ehemaligen Ostblockstaaten. Aus der Sowjetunion, China und auch der DDR. Durch sie erhielt die Ideologie des Kommunismus ein humanistisches Ansehen. Dass es für den Kapitalismus jener Größenordnung, dem längst jedes Maß an Menschlichkeit abhandenkam, ebenso funktioniert, erleben wir an diesem Beispiel.

Was hier geschieht ist kein Sportereignis im Sinne eines mittlerweile bestenfalls noch anachronistischen olympischen Geistes. Kein Fest, an dem sich die Welt guten Gewissens erfreuen kann. Keine Begegnung der Völker und Kulturen unter dem Ideal dessen, was jeder ethnischen Spaltung, jeder Form von Ausgrenzung und Intoleranz entgegensteht.

Es ist ein von höchster Stelle legitimierter krimineller Akt an dem über die Verantwortlichen aus den Sportverbänden hinaus selbst die höchsten Kreise der Politik ihren Anteil haben. Die übliche Vorgehensweise aber wird sein, Sie erlauben mir ein wenig Spekulation, Herr Infantino wird als Bauernopfer von seinem Ämtern zurücktreten. Die Bereiche Presse- und Öffentlichkeitsarbeit liefern ein paar frisierte Zahlen und morgen schon wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben.

Montag, 14. November 2022

„Etwas Besseres als den Tod...“

Sie ist 23 Jahre jung, wiegt 46 Kg. Hat eine Geschichte. Hat eine Gegenwart. Hätte eine Zukunft, würde man ihr die nötige Hilfe zuerkennen. Ich begegnete ihr in den Räumen einer psychiatrischen Einrichtung dieser Stadt. Warum kommt mir der Titel eines Popsongs der 80ger Jahre in den Sinn? „Auf meiner Fahrt in die Klinik...“

Eine Station. Verschlossene Türen. Schreie hinter den Türen. Menschen, die sich als solche kaum mehr wahrnehmen, Gestrandete. Gebrochene. Perspektivlose, weil die Gesellschaft sie als solche stigmatisiert. Weil medizinische Hilfe, nach wissenschaftlichen Erkenntnissen möglich, nach wirtschaftlichen Erwägungen aber kaum erfolgen kann. Medizin als Wirtschaftsfaktor. Menschlichkeit als Wirtschaftsfaktor. Haben sie noch einen Namen, die hier Verwahrten? Die hier Wartenden auf etwas, das doch nicht geschieht? Einstellung auf Medikation, die aus ihnen emotionslose Kreaturen macht. Apathisch, gleich Tieren im Käfig, sich die Gänge der Station auf und ab schleppend. Ausdruckslose Gesichter. Leere Blicke. Verzweiflung, sofern sie diese noch wahrnehmen unter ihrer täglichen Dosis Brom. 

Hier begegnete ich ihr. 23 Jahre jung. 46 Kg schwer. Zerschnittene Unterarme. Zitternde Hände. Unruhe im Blick aus angstvoll geweiteten Pupillen. Sie liebt Musik. Ist intelligent. Differenzierten Denkens im Stande. Eine Eigenschaft, die ihr hier eher zum Nachteil gereicht. Sie glaubt nicht mehr an das Leben. An die Zukunft. Etwas, so die Medizin, das man durch Medikation nicht vermitteln kann. Nein, durch Pillen nicht. Aber vielleicht durch Menschlichkeit? Durch Wärme? Durch eine Hand im Dunkel, die ihr Werte vermittelt, die das Leben lebenswert machen? Die ihr bedeuten, was einst ein Bremer Esel zum Hahn sagte: „Etwas Besseres als den Tod findest du allemal“. Was sie krank machte, draußen unter den Menschen, in jahrzehntelangem Martyrium durch einen tyrannischen, despotischen Menschen, dem es nicht nur von Gesetzt wegen oblag, ihr Schutz, Fürsorge und Liebe zu vermitteln, setzte sich außerhalb dieser Nicht-Schutz-Zone ihres Elternhauses, im Haifischbecken der Öffentlichkeit, fort. Findet hinter den verschlossenen Türen dieser Einrichtung Ergänzung. Hier versammelt, Menschen die Hilfe brauchen. Fürsorge, die ihnen an jedem anderen Ort verwehrt blieb. Fürsorge hier aber kostet Geld. Geld, das nicht da ist. Mangel, der sich in vielen Faktoren widerspiegelt. Unzureichende Therapieprogramme, zum Teil durchgeführt durch inkompetentes, halbherzig seine Arbeit versehendes medizinisches Personal. Gestresst, überfordert durch ein Arbeitspensum, dem kaum zu entsprechen ist, heißt es im Subtext ihrer Aussage. Ergotherapie, Maltherapie, tiergestützte Therapie, Entspannungstherapie, Gesprächskreise die, sofern sie nicht ausfallen, mehr oder weniger der Selbstdarstellung wissenschaftlich belegter, nach statistischen Erkenntnissen zugeschnittenen, Maßnahmen, erdacht sind. Ein bisschen Freundlichkeit, ein Lächeln, eine flüchtige Umarmung sieht der Dienstplan des Pflegepersonals nicht vor.

Eine Hand voll Patienten, sich zusammenfindet in den Werkstätten der Ergotherapie, die Hälfe in selbst mitgebrachten Bücher lesend, die Therapeutin hinter einem Monitor Kreuzworträtsel lösend, im Blick die Uhr, den bleischweren Sekundenzeiger, der das wachsgleiche, zähe Verrinnen der Minuten bis zum Ende dieser Farce anzeigt: „Nun, wie fühlen Sie sich nach Ende dieser Stunde? “

Entlassung ins buchstäbliche Nichts. Liegt es an mir, dass der gewünschte Effekt ausbleibt? Eine ungestellte Frage, aus den Minen derer zu lesen, die hier um Hilfe ersuchen: „Nun, Frau XY: Berichten Sie doch mal aus Ihrer Kindheit. Da gibt es doch sicher viel Schönes, dessen Sie sich erinnern.“

Sie, 23 Jahre alt. 46 Kg schwer bei 175 Körpergröße. Im Gepäck das Trauma einer Kindheit, einer Jugend in Gegenwart eines Menschen, der in ihr vordergründig das Objekt einer pervertierten Begierde sah. Schönes bestand bestenfalls aus den Stunden, da sie sich zu schützen wusste vor dieser Hölle.

Diesseits der verschlossenen Türen, Verwahrung. Jenseits der Türen, Wohnungslosigkeit. Perspektivlosigkeit. Angst. Jahrelanges Warten auf einen ihrem speziellen Krankheitsbild zugeschnittenen Therapieplatz, dessen Notwendigkeit auch darin besteht, dass die Gesellschaft Menschen wie sie ausgrenzt. Den Blick abwendet. Wir uns der Verantwortlichkeit füreinander nicht bewusst sind. Menschen fallen lassen.


Sonntag, 13. November 2022

Menschen 37

Er kommt nicht mehr.  Er, von dem ich immer wieder berichtete. Er, dem ich Tag für Tag auf meiner Runde im Park begegnete. Auf seiner Bank sitzend. Denkend. Schweigend. Ein Blick, ein Lächeln, ein paar freundliche Worte.  Bis morgen dann.  Hier im Park. An seiner Bank. Seit Wochen bleibt sie leer. Seine Bank. Sie, der ich erzählte von Ihm, warf ein, er mag verhindert sein. Krank womöglich. Ich aber weiß, er kommt nicht mehr. Der Fremde, der nicht fremd blieb, als er mich nach meinem Namen fragte. Am Tag, bevor er verschwand.   Gestern nun nahm ich Platz auf der Bank im hinteren Winkel des Parks. Seine Bank. Den Vorübergehenden nachsehend. Ihnen entgegen sehend. Ein Lächeln, ein paar freundliche Worte...