Donnerstag, 15. Juli 2021

Gedanken:

Ein positive Nebeneffekt, den die aktuell letzte Pandemie der Menschheitsgeschichte generierte, war/ist der, dass eine Geste, die bislang zumeist als Drohgebärde wahrgenommen wurde, zur Geste der Grußes wurde. 
Die geballte Faust, die man dem Nächsten zur Erwiderung entgegenhält.

Donnerstag, 8. Juli 2021

Menschen 12

Wenn man von ihm sprach, sparte man nicht mit Komplimenten. Hieß ihn einen gebildeten und kultivierten Menschen. Wies ihm Attribute wie unterhaltsam, zuweilen auch amüsant zu. Wenn es die Situation erforderte, erwies er sich als guter Zuhörer, als Rat gebender Freund. Mancher ein sensibler, einfühlsamer und leidenschaftlicher Liebhaber. Man umgab sich gern mit ihm. Lud ihn ein. Folgte seinen Einladungen, die sich auf besondere Art von herkömmlichen Zusammenkünften anderer Menschen ausnahmen. Er war, er sah, er nahm wahr im besten Sinne des Wortes. Was aber blieb, wenn all dies nicht stattfand? Wenn er ging oder auch gehen musste? Wenn keiner ihm mehr zuhörte? Wenn es genug war?

Oft nach solchen Anlässen, ob sie nun im größeren oder intimeren Rahmen stattfanden, wenn er die Leere scheute, die Stille, die über ihn hereinbrach, die er oft als lärmende Stille bezeichnetet, machte er ausgiebige Spaziergänge, um trüben Gedanken zu entfliehen, die sich anschlichen, sich zunächst unmerklich, bald aber jeder Gegenwehr trotzend, in seiner Seele breit machten.

Er war kein Mensch, der an Türen klopfte, um Einlass zu erbitten. Er war ein Mann, der hoffte, gesehen zu werden von Menschen, die über ein ähnliches Maß an Wahrnehmung wie er verfügten. Menschen wie er, denen es zu eigen war, im Ausdruck der Augen, in Mienen und Gesten lesen zu können. Menschen wie er, die auf Signale reagierten, dies nicht vordergründig durch Taten, einfach durch Sein. So eines Menschen Aufmerksamkeit hoffte er zu erlangen auf seinem Weg. Von so einem Menschen hoffte er mitgenommen zu werden. Wortlos eine Hand, die im Nebel nach seiner greift. Niemand, der ihn reduziert auf dies oder jenes Positive, das ihn ausmachte, das man gerne nahm. Gleichsam aber das Negative ausspart, weil es nicht ins Bild passt. Nichts machte ihn trauriger, als wenn ein Vorbeieilender, dem er ein unverbindliches Lächeln schenkte, dies nicht erwiderte oder es durch Abwenden des Blickes mit Missachtung belegte. Nicht verletzte ihn mehr, als wenn er sich schließlich doch dem ein der anderen seiner durchaus vorhanden Bekanntschaften offenbarte, die dies in ihrem Unvermögen aber irritierte und am Ende mit oberflächlichen Floskeln abtaten. In solchen Momenten war er allein. Die Stille, die Einsamkeit öffnete ihre Türen. Umgab ihn. Legte sich wie Blei auf seine Gefühle bis zu dem Zeitpunkt, da man ihn wieder hervorholte. Erneut zu sich bat. Ihn besuchte nur, um früher oder später doch wieder zu gehen. Nichts wünschte er sich mehr als Alltag. Hier und da versuchte er, sich einzubringen. Zu engagieren. Zu schauen, was zu tun sei, um dies dann schließlich zu erledigen. Gern wurde es angenommen. Gern nahm man auch diese Eigenschaften an. Aber bleiben durfte er nicht. Er fühlte sich wie eine Urlaubsbekanntschaft, mit der man durchaus schöne Momente erlebt. Mit nach Hause nehmen jedoch tut man ihn nicht. Am Ende geht jeder seine Wege. Am Ende, dies traf zumindest für ihn zu, war Einsamkeit. In den schlimmsten Momenten, Momenten wo ihm all dies besondere bewusste wurde, wünschte er sich die für ihn positivste Form des Alleinseins. Die selbst gewählte. Das Vergraben in seine Büchern. Seiner Gedankenwelt. Seine Philosophie. Nicht dem Leben an sich, aber der Gesellschaft und ihrer Elemente eine Absage zu erteilen. Nie aber sollte es ihm gelingen. Zu groß war die Sehnsucht dazuzugehören. Ein Teil derer zu sein, die sich immer wieder gern mit ihm schmückten.

Ich sah ihn jeden Tag wenn er im Park seine Runden drehte. Sah ihn den Weg am Fluss hinuntergehend. Auf einer Bank sitzend, mit einem Buch auf dem Schoß. Ins augenscheinlich Leere blickend, denkend... 

Manchmal, wenn ich spät am Abend an seinem Haus vorüberging, sah ich Licht in seiner Wohnung. Sah die schemenhafte Silhouette von Bücherwänden, manchmal einen Schatten, der von seiner Gegenwart zeugte.

Gestern schaute ich nach ihm...

Montag, 7. Juni 2021

Vom Weg- und Hinschauen.

Ein Kommentar zum geplanten Filmprojekt des Regisseurs Uwe Boll, über den Mordanschlag von Hanau vom 19.Februar 2020


Was gibt es im Bemühen, den Blick von sich selbst und seiner eigenen Bedeutungslosigkeit abzuwenden, Erbaulicheres, als sich am Leid Dritter zu erfreuen? 

Wir neigen heute dazu, es als Merkmal der medial überfrachteten Spaßgesellschaft zu signifizieren. Sicher tragen die Medien in ihrer unüberschaubaren und täglich wachsenden Vielfalt der Form des Voyeurismus, um den es hier geht, Rechnung, doch müsste nicht die Frage im Vordergrund stehen, was woraus resultiert?

Hingeschaut hat man schon immer. Ein Phänomen, das so alt scheint wie die Menschheit selbst. Denken wir an die spektakulären Schauprozesse jüngerer Vergangenheit. An öffentliche Hinrichtungen wie sie, wenn auch im überschaubaren Maß, bis zum heutigen Tag vor Publikum, beispielsweise in den Vereinigen Staaten, stattfinden. Denken wir an Hexenprozesse, Hinrichtungen des Mittelalters bis zur Antike, an öffentliche Todesspiele, wie sie sich in den sogenannten Hochkulturen besonderer Beliebtheit erfreuten, als die Menschen in Scharen auf Plätze und in Arenen strömten, um dem Entsetzen ihre Aufwartung zu machen.

Täglich führen wie es uns freiwillig vor Augen. Das Leid der Welt. Das Elend, den allgegenwärtigen Untergang der menschlichen Zivilisation, dargereicht in Form von Nachrichten in Endlosschleife. Ob nun in den ersten Minuten des Tages beim Frühstücksfernsehen oder am Abendbrottisch. Ist es da nicht nur legitim, wenn die Unterhaltungsindustrie diese Form des Voyeurismus erkannt und für sich als einträgliche Quelle instrumentalisiert hat?

Nein, ist es nicht!

Wenn den Kunstschaffenden die Inspiration versagt, so dass es notwendig wird, sich an Tragödien, die gerade mal ein Jahr zurückliegen, zu bedienen, in dem sie diese in ein 90-minütiges Unterhaltungsformat pressen, ist für mich, wenn vielleicht nicht die Grenze der Freiheit der Kunst, dann doch zumindest die Grenze des guten Geschmacks überschritten.

Ich verurteile nicht, dass negative Ereignisse die Kunst in der gesamten Bandbreite ihrer Darstellungsformen inspirieren. Als Picasso sein Werk Guernica schuf, das die Vernichtung einer spanischen Stadt durch die Nationalsozialisten während des spanischen Bürgerkrieges darstellt, tat er es. Als Schostakowitsch angesichts der zweijährigen Belagerung Leningrads die 7. Symphonie schuf, tat er es. Dass aber vordergründig der kommerzielle Charakter zum Tragen kommt, wie ich es den Machern des Films, die sich das Verbrechen von Hanau zum Motiv ihres Werkes nahmen, vorsichtig unterstellen möchte, finde ich beklagenswert, wenn nicht nach moralischen Gesichtspunkten äußerst bedenklich.

Aber zurück zu eingangs gestellter Frage. Derartige Formen der Kommerzialisierung wären wenig erfolgreich, würden wir nicht nach diesen Bildern gieren. Das Grauen, sei es wiedergegeben in Form des Mediums Unterhaltungsfilm, sei es in Form von Dokumentationen aus Kriegs- und Elendsgebieten, sei es in Bildern, die die umfassend bedrohliche Situation, in der sich die Welt befindet, dokumentieren, haben weniger mahnenden Charakter als Unterhaltungswert und vor diesem Umstand ist es schwer, sich den Glauben an das Gute zu bewahren. Den Glauben daran, dass wir als die einzig vernunftbegabte Spezies auf Erden es noch in der Hand haben.