Montag, 22. März 2021

„en chantant“

Es währt nun ein Jahr. Ein wenig darüber.

Die Gesellschaft ist gespalten. Die einen leben in Angst, in Agonie. Verzichten konsequent auf alles, das Leben ist, und ich spreche nicht von Verschwendungssucht. Nicht von Dekadenz und degeneriert pervertiertem Konsum.  Ich spreche von dem, was ich unter Lebensqualität  verstehe.

Freunde treffen, auch unter diesen Bedingungen. 
Tanzen, auch unter diesen Bedingungen. 
Das Leben feiern, auch unter diesen Bedingungen. 

Auch ich habe Angst. Angst um die/den Menschen, den ich liebe. Angst darum, dass es uns verändert. Dass wir das Schöne nicht mehr sehen. Die Töne nicht mehr hören. Die Leichtigkeit des Seins verlieren. Angst davor, das Atmen zu vergessen. Zu vergessen, wie es ist, sich fallen zu lassen. Überschwemmen zu lassen von diesen Emotionen, die sich nur in Lyrik, in der Kunst artikulieren, weil jede andere Form des Ausdrucks zu begrenzt ist. 

Ich höre diesen Song. „en chantant“ Er macht Mut. Weckt Zuversicht. Ich glaube, es geht nicht um von Gesetzt wegen verordneten Verzicht. Das wird nichts! Es geht um bewusstes Handeln, den Bedingungen angepasst. Vielleicht geht es nicht in gewohnter Form, das Leben.  Vielleicht nicht im großen Rahmen. Aber im Kleinen geht es. Zu tanzen, auch im Regen. Zu singen, auch wenuns zum Weinen ist...





Mittwoch, 17. März 2021

Menschen

Er war arm, so arm man nur sein konnte. Was er besaß, trug er bei sich. Einen Koffer, eine abgewetzte Ledertasche, die einst zu den eleganteren ihrer Art gehörte und daher, soviel ist anzunehmen, kostbarere Dinge als die Habseligkeiten eines Landstreichers, ja, man konnte ihn so nennen, in sich barg.

Etwas aber unterschied ihn von den übrigen Menschen, die, so sagt man wohl, ein Leben am Rande der Gesellschaft fristen. Die von kleinen Zuwendungen Vorbeieilender leben. Vorbeieilende, die kaum einen Blick übrigen haben für die, deren Kasse sie durch ein paar Münzen aufbessern, wohl eher um ihrem Gewissen zu suggerieren, etwas Gutes getan zu haben, ohne einen Gedanken daran zu verlieren, an wem sie es getan haben. Nichts verletzte ihn mehr, als wenn man ihm achtlos etwas zuwarf. Ihn mit mitleidigen Blicken bemaß. Ihn gar einen Bettler nannte. Sie, auf die diese Abstraktion zutraf, hatten längst kapituliert vor jedem Maß an Ehrgefühl, Stolz und Selbstachtung.

Nicht so er. Er ging aufrecht in den Tag, wenn er seine Habe allmorgendlich zusammenklaubte, in seinen Behältnissen verstaute und den Ort verließ, an dem er die Nacht verbrachte. Sein erster Weg führte meist Richtung Bahnhof. Dort in die Örtlichkeiten, die für gewöhnlich zahlenden Nutzern vorbehalten waren. Er wechselte ein paar Worte mit dem Aufsichtspersonal, das ihn, den täglichen Gast, längst kannte und wurde schließlich durchgewunken ohne die übliche Gebühr entrichten zu müssen. Keinesfalls betrachtete er dies als Geste, die ihm aufgrund seines sozialen Status zuteilwurde. Natürlich hätte er zahlen können. Doch die unentgeltliche Nutzung der Einrichtung war ihm als Person zugedacht. Ihn, den man kannte. Den man schätzte.

Am Waschtisch schließlich legte er seine Kleidung ab, faltete diese sorgfältig. Entnahm seinen Taschen Wasch-, Rasierutensilien und Kamm und begann sein tägliches Ritual der Verwandlung zu einem durchaus achtbaren Menschen, dem man nicht zwangsläufig einen Randplatz der Gesellschaft zuweisen würde.

Das Ritual vollzog sich weiter mit dem Putzen pedantisch gepflegter, schwarz-brauner Halbschuhe, dem Anlegen eines Anzugs, der, zugegeben, nicht nach neuestem Schnitt gefertigt war, dem Binden einer Krawatte, die eine Krawattennadel zierte, welche von einem anderen Nutzer dieser Einrichtung versehentlich liegen gelassen worden war. Nichts fand größeres Unverständnis bei ihm als die unachtsame Handhabung von Werten, wenn er hin und wieder auch davon profitierte.

Abschließend verstaute er seine Sachen, musterte sich ein letztes Mal im Spiegel und verließ den Ort seiner wundersamen Wandlung. Niemand hätte vermutet, dass der, der noch vor wenigen Augenblicken ins Kellergeschoss des Bahnhofs hinabstieg, derselbe war, der nun wieder hinaufkam.

Von nun stattlicher Erscheinung, nicht zuletzt durch seine physischen Merkmale, groß von Wuchs, den Kopf ein wenig distinguiert erhoben, trat er, behäbigen, gemessenen Schrittes seinen Spaziergang in Richtung der großen Boulevards der Stadt an, in der er lebte. Charakterisiert anhand der erwähnten Attribute, die er zuweilen noch durch Hut und Schirm, den er in der Armbeuge trug, ergänzte, schien er ein wenig aus der Zeit gefallen, doch war dieses keinesfalls als Selbstinszenierung gedacht. Genau dies entsprach seinem Naturell. Seinem Wesen.

Er sah sich als Statist im Schauspiel des Alltags, als Komparse eines Stückes, dessen unverzichtbarer Teil er war, mit dessen Inhalt und Dramaturgie er sich jedoch immer weniger arrangieren konnte. Zwar begegnete er, der Großstadtflaneur, der Philanthrop, dem Alltag in beharrlicher Konsequenz mit einem steten Lächeln, mit freundlichen Gesten, mit Hilfsbereitschaft, mit Liebe, wie er sie verstand, doch wurde diese immer seltener erwidert. Reflektierte diese sich immer weniger in der Rastlosigkeit, dem Lärm, nicht nur im akustischen Sinne, der Geringschätzung, dem gedankenlosen Konsum, die den Alltag kennzeichneten.

Er sah, und dies im besten Sinne des Wortes. Er las in Mienen die Traurigkeit. In Augen die Leere. In Persönlichkeiten die Unpersönlichkeit. Das Abbild dessen, was man sein sollte, um dazuzugehören, nicht aber das Individuum. Den Selbstwert. Den Tiefgang, der einen Menschen nach seiner Maßgabe erst ausmacht und der sich nicht vordergründig am Besitz und Status bemisst.

Hätte es nicht Augenblicke gegeben, in denen er seinesgleichen begegnete, dies geschah in Gestalt des Kaffeehauskellners, der ihn spontan zu einem Kaffee einlud, eines Vorübergehenden, der seinen Blick, sein Lächeln suchte wie er den seinen, dem Coiffeur, bei dem er sich allwöchentlich frisieren ließ, was dieser mit einem philosophischen Plausch, der über das Maß an Zeit hinausging, das jeder investieren konnte, honorierte, dem Kioskbesitzer, der ihm hin und wieder ein Vortagsexemplar einer Tageszeitung überließ, deren Inhalte er dann durchaus kontrovers, bei weitem nicht immer versöhnlich, mit jenem diskutierte, er wäre früher oder später dieser Traurigkeit anheimgefallen, wäre ein Teil dessen geworden, dem er sich so kategorisch entgegenstellte.

Wenn der Tag sich dem Ende neigte, wenn der Lärm sich legte, der Rhythmus der Großstand ein wenig verhaltenere Töne anzuschlagen begann, ging auch sein Tag mit dem Aufsuchen des Ortes, an dem er begann, zu Ende.

Donnerstag, 11. März 2021

Eine Art von Liebe


Ich bin auf meinem Weg manchen Menschen begegnet, die eine Spur in meinem Leben hinterlassen haben. Manchen habe ich in meinen Geschichten ein persönliches Denkmal gesetzt. So dem, den ich nur als „Ihn“ bezeichnete, der eine besondere Position unter diesen Weggefährten einnahm.

Dem Obdachlosen, der mehr Würde besaß als manch anderer in der Mitte unserer Gesellschaft, dem dieses bittere Los nicht zuteil ist. Aber auch scheinbar unauffälligen Persönlichkeiten wie Kafka, der freilich nicht Kafka hieß. Ich habe ihn so genannt, weil er sich auf sehr besondere Weise von den übrigen Menschen des Ortes, an dem ich ihm immer wieder begegnete, unterschied. Nicht unerwähnt bleiben soll der einsame junge Mann, den ich im Wartezimmer meiner Hausarztpraxis traf, und kurz darauf ein zweites Mal auf einer Parkbank, auf der er, buchstäblich ins Nichts starrend, saß. Wir kamen spontan ins Gespräch, wobei es mehr ein Monolog seinerseits war, und ich erfuhr das Profil eines Lebens.

Aber auch skurrile, zuweilen amüsante Begegnungen gab es, wie die Dame mit dem Hündchen - Tschechow wird mir verzeihen, dass ich mich seines Titels bediene - der Tiere offenbar näherstanden als Menschen. Ich bin ein Geschichtensammler. Ein Sammler von Eindrücken und Emotionen, die diese in mir hinterlassen.

Vor einigen Tagen nun ergänzte sich der Fundus meiner Begegnungen mit für mich besonderen Menschen um eine weitere Episode. Ein liebgewonnenes Ritual meinerseits ist es, früh morgens, etwa zum Zeitpunkt kurz nach Sonnenaufgang, eine Stunde im nahegelegenen Schlosspark spazieren zu gehen. Ich nenne es meine Philosophenrunde. Nicht, dass ich mich als solcher sehe, aber die Atmosphäre, die Stille des Parks, die wenigen Menschen, denen man um diese Zeit begegnet, lassen meine Gedanken fließen. Ich gelange zu mancherlei Erkenntnis, die mir im Getriebe des übrigen Tages vielleicht nicht präsent wäre. Bisweilen führe ich Selbstgespräche, unterhalte mich gedanklich mit einer imaginären Person, rezitiere Gedichte oder kurze Passagen aus der Literatur, die mir spontan in den Sinn kommen und denke darüber nach, ob ich durch dieses Verhalten mittlerweile selbst zu so einer absonderlichen Gestalt avancierte, wie ich sie in meinen Geschichte zu beschreiben suche.

Er stand mir abgewandt am Wegrand, in die aufgehende Sonne blickend. Ein älterer Herr, der weder durch seine Kleidung, noch durch irgendetwas anderes, das ihn ausmachte, auffiel. Er war nicht besonders gepflegt. Unscheinbar sollte man vielleicht sagen. Niemand, der auffiel. Niemand, der auffallen wollte. Vielleicht sind es gerade diese Menschen, die meine Aufmerksamkeit erregen. Die, die sich nicht inszenieren, sei es durch eine besondere Kleidungsstil, sei es durch Gesten und Verhalten. Er stand dort. War einfach nur da. Nichts weiter.

Ich habe es mir zu Gewohnheit gemacht, Blicke, Augenkontakt zu den mir begegnenden Menschen zu suchen. Nicht starr und indiskret, aber auf eine sehr persönliche Weise. Ein „guten Morgen“ im Vorübergehen, ein mildes Lächeln. Mehr nicht. Ich war noch einige Schritte entfernt, als ich beschloss, ihm einen guten Morgen zu wünschen, obwohl, wie gesagt, er mir den Rücken zuwandte.

Ihn erreichend, meinen Gruß an ihn sendend, drehte er sich um, lächelte und erwiderte mit den Worten: „Was für ein wunderbarer Morgen“, die er im weiteren Verlauf dieser flüchtigen Begegnung noch mit einigen Floskeln ergänzte. Ich blieb stehen, antwortete meinerseits auf seine Worte mit eher nichtssagenden Äußerungen, wünschte ihm einen schönen Tag und setzte meinen Weg fort.

Dem Leser mag nichts Besonderes an dieser Szene auffallen, doch meine Gedanken ließen nicht ab von ihr, denn diese kurze, zunächst vielleicht banale Begegnung löste in mir gute Laune aus. Zum besseren Verständnis muss ich ergänzen, dass dieser Tag für mich keinen sehr freudigen Beginn hatte. Der Grund für meine leichte Betrübnis soll hier aber nicht von Bedeutung sein.

Die Begegnung beschäftigte mich noch eine ganze Weile auf meinem Spaziergang. Ich war schon ein erheblichen Stück Weg von ihm entfernt, als ich mich nochmal zu ihm umdrehte. Auch er hatte gemessenen Schrittes seinen Weg fortgesetzt. Schien im Moment, da meine Augen ihn fanden, auch zu mir zu herüberzuschauen.

Ich machte mir keine Gedanken darüber, wer er war, woher er kam oder wohin er gehörte. Nicht über seinen sozialen Status, der, bemisst man diesen an allgemeinen bürgerlichen Maßstäben, nicht sehr hoch zu sein schien. Lediglich darüber, dass mir diese kurze, flüchtige Begegnung ein nachhaltiges Lächeln ins Gesicht zauberte. Eine Begegnung zweier Menschen im Park. Eine Geste der Freundlichkeit. Des einander Sehens zweier Menschen, die nichts weiter verband als die Freude am Augenblick des Sonnenaufgangs.

Ich näherte mich dem Ausgang des Parks, suchte ihn abermals, denn der Park ist um diese Jahreszeit von jeder Position aus in seiner vollen Ausdehnung zu überblicken, doch er war verschwunden. Hat er seinen Weg nicht weiter fortgesetzt? Hat er den kürzeren Weg zum Ausgang genommen...

oder gab es ihn gar nicht. War er nichts als ein Trugbild, das die Sehnsucht des Herzens, die Sehnsucht der Gedanken in mein Bewusstsein projizierte?