Mittwoch, 30. März 2022

November

Da sind keine Farben. Keine Leichtigkeit. Da fehlt es an jeder Fröhlichkeit. Jedem Lachen. Selbst Kinderaugen ziert kein Lächeln.

Da sind graue Häuser. Graue Straßen. Graue Menschen. Da sind leere, verlassene, verfallene Gebäude. Fabrikruinen, die Zeugnis geben von etwas, das lang vorüber, das doch nie war und das später erst recht nicht kam.

Menschenleben schleppen sich vorüber. Menschenleben, jeder Illusion beraubt. Jeder Hoffnung, die sie einst trieb, Mauern einzureißen. Grenzen zu überwinden. Optimistisch in die Zukunft zu schauen. Lähmende Schwere lastet in den Gliedern. Leere Blicke in leeren Gesichtern.

Sie, die noch einen Rest dessen verspürten, was die Alten trieb, gingen.
Die blieben, verfielen zu Staub.
Zur Ödnis, die sich von den bröckelnden Fassaden auf ihre Gesichter übertrug.

Die Welt in ihren Verheißungen, ihrem Glanz, der sie einst verführte, noch immer auf den Bildschirmen, den Monitoren, den Hochglanzbroschüren. Hohn und Spott gleich, als sagten sie, selber schuld, wenn ihr es glaubt. Das Paradies in billigem Tand versprechend: „Das Sixpack Bier für 1,20. Das Pfund Kaffee diese Woche für 2,55“, wenn sie wöchentlich als Beilage einer drittklassigen Postille in klapprigen Briefkästen landen.
Die Verführung überwand Mauern, Minenfelder und Stacheldraht. Überwand Grenzpatrouillen und Schießbefehl. Das vermeidliche Glück brach sich an unsichtbaren Grenzen. Sein Gegenstand schien greifbar an jenem Tag im November. Heute, Jahrzehnte nach den Tränen des Glücks, ist es ferner denn je.

Donnerstag, 17. März 2022

"Demokratie ist eine Einrichtung, die es den Menschen gestattet, frei zu entscheiden, wer an allem schuld sein soll." (Zitat: Unbekannt)

Politik und Gewissen. Politik und Moral. Politik und Vorbildfunktion. Alles Begriffe, die in denkbar größtem Kontrast zueinander stehen. Wenn ich dieser Tage ein Foto sehe, das durch die Medienlandschaft kursiert, dann bekommt das Genannte ein neues, symbolträchtiges Gesicht. Die bildhafte Darstellung der moralischen Verkommenheit. Der Heuchelei. Des Spottes in Gestalt der Gattin des Altkanzlers Gerhard Schröder, in weihevoller Pose, ikonenhaft wie die Mutter Gottes persönlich, mit niedergeschlagenen Lidern, gefalteten Händen. Im Hintergrund, öffentlichkeitswirksam in Szene gesetzt, die Basilius Kathedrale am Roten Platz in Moskau.

Schlimmer jedoch als diese Verhöhnung empfinde ich die Tatsache, dass genau diese Bilder die gewollte Wirksamkeit nicht verfehlen. Dass sie Wirkung zeigen bei einem erheblichen Teil der Bevölkerung. Denen nämlich, die ihren Informationsanspruch an großformatigen BILD- Darstellungen nähren. Denen, die keines differenzierten Denkens willens oder fähig sind. Den Satten und Zufriedenen, die sich gleich des Römischen Zitats des Satirikers Juvenal aus dem 1. Jahrhundert n. Christus, durch „Brot und Spiele“ heute in Form eines reich gefüllten Kühlschrankes und 150 TV Kanälen lähmen lassen.

Wenn ich aber zu Beginn dieses Beitrags mit dem Finger auf die vermeidlichen Verursacher weise, dann an dieser Stelle doch auf jeden Einzelnen von uns.

Wir können die Verantwortung für alles, was geschieht, nicht allein denen auferlegen, die durch uns in entsprechende Positionen gelangten, ohne uns selbst zu fragen, was tragen wir bei zu allem, was geschieht? Wenn wir nicht beginnen, uns unablässig selbst zu reflektieren. Uns und unser Verhalten in Frage zu stellen. Wenn wir uns nicht die Mühe machen, uns unseres Verstandes zu bedienen. Fragen zu stellen, in Frage zu stellen. Unsere Stimmen zu erheben gegen Unrecht, das geschieht. Die Stimme zu erheben gegen Halbwahrheiten, hohlwangige Phrasen, Manipulation durch halbseidene Medienorgane. Wenn wir nicht erkennen, was hinter all dem, was uns als Wahrheit verkauft wird und doch nur dem Wohl weniger dient, steht, dann werden wir am Ende einen Preis zahlen, der ein Leben nach gewohnten Wertmaßstäben nicht mehr möglich macht. 

Sie belügen uns, weil wir es zulassen. Weil es bequemer ist, denken zu lassen, statt es selbst zu tun. Ab diesen Zeitpunkt, so er denn eintritt, haben Bilder wie das anfangs erwähnte, keine Chance mehr. Habe inhaltslose Worte keine Überzeugungskraft mehr. Verfehlen aufwendig inszenierte Darstellungen jede Wirksamkeit. 

Das Übertragen unseres Anspruchs an gewissenhaftes und moralisches Handeln, das Einnehmen einer Vorbildfunktion Dritter, der wir selbst aber außer Stande sind gerecht zu werden, ist gegenüber dem, was wir ihnen vorwerfen, nicht minder verächtlich.

Wir sind nicht schuldlos an allem, was geschieht. Bekennen wir uns zu unserer Verantwortung.

Mittwoch, 9. März 2022

Fluchtgedanken

Dienstag, 08. März 2022

Wenn eintritt, was nie geschehen dürfte, was nehme ich dann mit? Zunächst stellt sich die Frage, wohin nehme ich es mit? Wohin gehen? Flucht. Ein Begriff, dessen Gegenstand in unserer Generation doch nur die anderen betrifft. Im Fernsehen sieht man es täglich. Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten in Nahost. Aus Syrien, Afghanistan, dem Jemen. Persönlicher Besitz reduziert auf das, was man bei sich tragen kann. Ein Koffer pro Person. Vielleicht eine Tasche. Ein Rucksack, wenn überhaupt. Kann man sich vorbereiten auf so eine Situation, die trotz Allgegenwärtigkeit in Dauerschleife medialen Berichterstattung etwas Surreales hat?
Nein, uns betrifft es nicht. Uns erreicht es nicht in unserer Komfortzone aus Selbstverständlichkeiten, die wir uns verdienten durch Strebsamkeit, Sparsamkeit, Sicherheitsdenken, stets das Ziel einer sorglosen Existenz vor Augen. An Wert gewinnen die Dinge nicht zuletzt dadurch, dass eine andere Realität uns täglich durch die erwähnten Medien vor Augen geführt wird. Immer jedoch auf sichere Distanz.
Eines Tages überwand es die Barriere der Anonymität. Eines Tages klopfte es buchstäblich an die Tür. Das Gesicht des Krieges. Eines seiner vielen Gesichter.
Flüchtlinge, bepackt mit eiligst zusammengeklaubten Habseligkeiten. Im Geiste Erinnerungen an vergangene, bessere Zeiten. In den Augen Angst vor der Fremde. Vor Perspektivlosigkeit.
All das war gestern. All das ist heute. Doch morgen schon sind wir es vielleicht, die gehen müssen, weil bleiben unter Umständen das Leben kostet.
Sind wir vorbereitet auf diesen Moment?
Ich schaue mich um in meinen Räumen. Stelle mir die Frage, was liegt mir am Herzen? Was möchte ich unter keinen Umständen zurücklassen? Ich gehe durch meine Zimmer? Sortiere in Gedanken nach Nutzwert und Überfluss. Es fällt schwer.
Alles, was ich besitze, ist mit Liebe zusammengetragen. Mit Liebe arrangiert zu einem Abbild meiner selbst. Meiner Interessen. Meines Lebens. Meine unzähligen Bücher. Die Bücherschränke. Die Bilder...
Was findet Platz in einem Koffer, einer Tasche, einem Rucksack vielleicht? Ein paar Kleidungsstücke. Papiere, Ein paar wenige Bücher. Nichts weiter. Kein überflüssiger Ballast auf dem Weg ins Ungewisse. In die Perspektivlosigkeit. Im Geiste Erinnerungen an bessere Zeiten. In den Augen Angst, zunächst davor, das Gewohnte nie mehr zu erlangen. Morgen vielleicht schon Angst um das nackte Leben.